Interview: Patrick Wolf und seine Yoko

Für sein neues Album ‘The Bachelor’ ging Patrick Wolf durch die Hölle und wieder zurück. Unterwegs traf er Tilda Swinton, Patti Smith,  No Bra und seine große Liebe, verlor seine Großtante, erkannte sich selbst, trennte sich von seinem Label und ließ seine Fans das Album co-finanzieren. Verträumt aus dem Fenster eines Berliner Hotels schauend, vollzieht er mit uns diese Reise noch einmal gemeinsam nach.

Theseus oder Jason? In jedem Fall Patrick Wolf (C) Nick and Warren

Theseus oder Jason? In jedem Fall Patrick Wolf (C) Nick and Warren

Patrick, du hast bei deinem neuen Album mit dem Fan-Finanzierungsprojekt Bandstocks einen neuen Weg gewählt. Warum?
Die Sache mit Bandstocks.com ist, dass es einen sofortigen Weg bietet, ein Album umzusetzen. Ich bin glücklich, dass meine Hörerschaft sich über die ganze Welt erstreckt und ich bin bei jedem neuem Album auf deren Unterstützung angewiesen. Diesmal aber habe ich diese Hilfe genutzt, um das Album zu finanzieren.
Es war alles schon teilweise bis größtenteils aufgenommen, aber es gab noch eine ganze Streicher-Sektion, Chöre und Studiozeit, die bezahlt werden mussten, während Toningenieure schon umsonst arbeiteten. Das war eine schreckliche Situation. Mein damaliges Label dachte jedoch, ich wäre verrückt; was zur Hölle macht Patrick denn jetzt? Also hatte ich genaugenommen nur die Unterstützung meiner zwei großartigen Manager und eben Bandstocks.
Wir waren sehr mutig und haben in gewisser Weise die Zukunft in die Hände meiner Fans gelegt. Ansonsten hätten sie vielleicht ein Jahr warten müssen, bis ich einen neuen Labelvertrag ausgehandelt hätte. Nachdem ich mit Universal gearbeitet hatte, wollte ich mich intimer mit meiner Hörerschaft verbinden, so wie ich es in meinen früheren Tagen getan hatte als ich 19, 20 war und alles noch unabhängig. Bandstock war eine großartige Sache dieses Verhältnis wiederzuerlangen.

Deine Fans bekommen dafür einen sehr offenen und intimen Patrick, der einen Video-Blog und eine Onlinetagebuch führt. Was bedeutet dir diese offene Fan-Künstler-Beziehung?
Das ist mir außergewöhnlich wichtig, denn ich denke, meine Lieder sind Momente der Beichte und des Intimen. Ich mache diese Momente öffentlich, indem ich ein Album veröffentliche. Mit dem älter Werden brauche ich aber  – um ehrlich zu sein – auch weniger Energie dafür.
Als ich jünger war, habe ich viel mehr im Metaphorischen gesprochen und war etwas realitätsferner, wenn Journalisten mir Fragen stellten. Denn ich habe mich ja immer noch als menschliches Wesen mit 18, 19 Jahren entwickelt. Ich war ein wenig wie eine zwölfjährige Britney Spears, die befragt wird. Es braucht schon ein Genie, um so selbstsicher in einem jungen Alter zu sein.
Mit meinen Blogs usw. vergewissere ich mich bloß, dass ich extrem offen und ehrlich bin, denn ich habe nichts zu verbergen.

Nimmst du nicht auch dem Boulevard so bewusst den Wind aus den Segeln?
Ich bin mir sicher, es gibt ein paar gute Geschichten in diesen Blättern, aber ich denke, für mich gibt es nichts geheimes oder verborgenes, also gibt es nichts, was dir irgendjemand antun könnte. Es gibt keine Maske, die man abziehen würde, um einen anderen, versteckten Charakter zu zeigen.

Für ‘The Bachelor’ hast du laut deinem Blog dich auf eine Reise begeben. Wie sah diese Reise aus?
Jedes Album, das ich mache, führt mich auf eine gewisse Reise; vom ersten Song zum Mastering und dann führt es mich um die ganze Welt. Ich lande in Berlin oder St. Petersburg und rede über diese Arbeit. Schon das ist eine Reise für sich. Ich glaube, ich bin besessen von der Idee, dass das Leben eine Wahlfahrt ist. Bis du stirbst, bist du einer einzigen langen Reise und lernst viel auf diesem Weg oder eben nicht.
Als ich ‘The Bachelor’ vollendete und irgendwie bemerkte: Oh mein Gott, ich habe alle diese Songs über ‘die Zeit danach’ geschrieben; und das Schreiben war wie ein Stellen und Beantworten aller Fragen zur selben Zeit durch diese Songs. Von daher ist aller sehr schwierig. Ich denke, ich war auf einer langen Reise und bin es immer noch.

Dabei warst du am Beginn dieser Reise nahezu ausgebrannt. Wie hast du dich damals gefühlt?
2007 dachte ich, es wäre besser nicht mehr zu touren – vielleicht keine Interviews mehr, keine Publicity. Es verbrauchte alles soviel meiner Energie. Die Tour damals war immer noch die Fortführung meines Tourens seitdem ich 20 oder 19 war.
Ich hatte aufgehört darüber nachzudenken, alle meine Sachen, die ich in Depots eingelagert hatte, überhaupt auszupacken; ich hatte kein Zuhause mehr zu dem ich zurückkehren konnte. Meine menschliche Fähigkeit, mich in jemanden zu verlieben oder jemanden zu vertrauen, hatte ich verloren. Ich kam nachhause in eine überflutete Wohnung und alle meine Besitztümern lagen überall herum und in der nächsten Stunde war ich schon wieder zurück im Flieger nach Japan und dann Australien am nächsten Tag.
Das musste aufhören, sonst wäre alles weitergegangen, ich wäre weniger und weniger menschlich geworden und bald wäre ich wie Michael Jackson gewesen. Das Gewerbe ist wie ein Magnet und man muss es beenden und sich wirklich davon losreißen. Also habe ich 2008 einfach gesagt: Keine Publicity mehr, kein Touren.
Ich habe nur noch Herzensangelegenheit gemacht wie das Anti-Rassism-Festival, das Dylan Thomas Festival oder einen großen, klassisch gehaltenen Auftritt im Tate Modern – kleine Sachen, bei denen es nicht um Lichterglanz und Ruhm ging. Das half mir wieder Fuß zu fassen und ich bemerkte, dass ich niemals die Musik aufgeben könnte. Seitdem ich mich erinnern kann, bin ich musikalisch, hatte Musik in meinem Kopf. Das kann man nicht aufgeben.

Diese Entscheidung mündete sogar darin, dass du schon jetzt ein zweites Album, ‘The Conquerer’, fertig hast, das du deinem Freund widmen möchtest. Wie hat William reagiert, als du ihm das erzählt hast?
(lacht) Hm ich denke, es steht mir nicht wirklich an darüber zu reden; über die Beziehungen, die ich in meinen Alben verarbeite – sei es zu meinen Eltern, meinen Freunden oder zur Welt. Ich denke es muss schwer sein für Journalisten manchmal zu verstehen, dass was ich eigentlich über diese Dinge sagen will in diesen Songs ist und nicht in den Interviews. Verstehst du was ich meine? Also lege ich alles in die Texte, um diese Geschichte zu erzählen.

Dann kommen wir also direkt zu den Songs. Mit ‘Kriegsspiel’ und ‘Oblivion’ setzt du dich gleich zweimal mit dem Krieg auseinander. Hast du schon einmal mit britischen Soldaten aus dem Irak oder Afghanistan darüber gesprochen?
Ich bin ein großer Gegner des Krieges und im Innersten ein Pazifist; besonders wenn es um Religion und religiöse Kriege geht. Ich denke manchmal, das sind Leute, die aus erfundenen Gründen kämpfen. Für mich ist das wie Schneewittchen versus der Räuber. Diese Religionen sind so fiktiv und ich denke ein Song wie ‘Oblivion’ gehört zu ‘The Bachelor’, weil der ‘Bachelor’ fast eine Erkundung unterschiedlicher männlicher Identitäten ist.
Wenn ich auf mich schaue – ich bin ja irgendwie männlich -, denke ich an diese Art einer persönliche, höheren Mission. Ich würde sagen in der Vergangenheit, war jemand wie Theseus aus der griechischen Mythologie dazu gezwungen, aber in der heutigen Zeit hat ein Junge das Recht, sich einem Krieg zu verweigern, ‘Nein’ zu sagen, und es gibt keinen Grund, der mich nicht komplett verstören würde, weshalb Leute dennoch ‘Ja’ dazu sagen sollten, in ein fremdes, fernes Land zu gehen und Leute zu töten – Frieden zu stiften durch das Schaffen von Gewalt. Das ist paradox.
In ‘Oblivion’ geht es um einen Soldaten – vielleicht in den USA oder England – der zu seinem Vater sagt: Ich gehe in den Krieg, ich werde töten und ich werde die Vergessenheit und den Tod suchen. Ich greife das nicht an, denn es ist ihre Wahl, aber ich hebe es hervor. Sieh mal, ich spreche über einen Soldaten ohne jemals im Krieg gewesen zu sein, aber ich benutze es vielleicht als Metapher, um über die Zeit, als ich mich auf meine Mission der Selbstzerstörung begab, zu sprechen.

Bleiben wir einmal bei der Identität: Im Video zu Vulture spielst du drei sehr unterschiedliche Charaktere. Repräsentieren sie alle je eine Seite von dir?
Es gibt definitiv diese drei Charaktere in mir. Ich würde sagen es gibt zunächst einen Herr, einen dominanten Charakter. Das ist der Geier (Vulture) – mit dem ganzen Makeup, den Handschuhen und den extremen Kampfgeist. Dann gibt es den Unterwürfigen, der in einer Stimmung der Selbstzerstörung über das Bett herumrutscht. Jemandes Untertan zu sein bedeutet für mich Aggression und Gewalt; auch das gehört dazu. Der letzte Charakter ist der Gleichgültige, ich würde sagen: Der Elvis Presley in meinem Video.
Das ist das erste Video, bei dem ich selbst Regie geführt habe, deshalb entschied ich für mich, sehr viel meiner Person da hinein zu legen. Ansonsten hätte es auch jemand anders führen lassen können. Ich würde also sagen, es ist ein sehr persönliches Bekenntnis.

Kannst du mit all diesen drei Wesen dauerhaft umgehen?
(überlegt) Ich denke ich akzeptiere meine dunkle und meine selbstzerstörerische Seite sehr. In diesem Album ist es aber eher eine schwache Anerkennung dieser Seiten, aber vielleicht keine Zelebrierung davon. Jeder hat ein gewaltiges Spektrum an Identität, durch das er während des Lebens reist. ‘The Bachelor’ stammt aus einer Zeit, als ich am absoluten Tiefpunkt angelangt war, aber durch das Schreiben des Albums fand ich meinen Weg der Hoffnung nach draußen.

Für das Album konntest du Schauspielerin Tilda Swinton zu einer Zusammenarbeit bewegen. Hattest du das auch schon im Blick, als du ihr eines deiner Alben schenktest?
Man kann Dinge nur machen und auf eine Reaktion hoffen. Ich habe so etwas häufiger gefühlt, als ich Leute für Kollaborationen angesprochen habe. Tilda gehört zu den ganz seltenen Menschen auf dieser Welt, die die Spontanität noch zelebrieren und nicht darüber nachdenken bevor sie etwas tuen. So etwas liebe ich bei einer Person. Also waren wir am nächsten Tag sofort im Studio.
Eine Menge Leute, die man anspricht, säßen zuerst ein Jahr lang fragend herum: ‘Ich könnte das machen, ich sollte das machen, vielleicht sollte ich aber nicht.’ Ich war von solchen Leuten wirklich gelangweilt. Wenn ich etwa etwas am Fenster sehe, springe ich einfach hinaus und hole es mir ohne darüber nachzudenken, dass ich mich vielleicht damit töten könnte. Ich denke so sollte auch eine gute Zusammenarbeit sein.

Du hattest ja auch ein paar Male mit Patti Smith gespielt und in einem deiner Video-Blogs sah man No Bra in deinem Backstage…
Hey, eigentlich wollte ich heute mein No Bra T-Shirt tragen, aber stattdessen habe ich mein Sticky-and-Sweet-Tour T-Shirt (mit einer, ihre Beine spreizenden Comic-Madonna) angezogen. Ist aber auch schön, oder? Ich fordere gerade meine innere Madonna heraus.

Dann bleiben wir mal bei Madonna. War sie für dich auch eine große Inspiration?
Ja, definitiv, eine wirklich große. Als ich das ‘Vulture’-Video machte, dachte ich an ihre ‘Justify my Love’- und ‘Erotica’-Videos. Wenn meine Eltern fragten, was ich denn bitte da machen würde, antwortet ich: Das ist der Beginn meiner Sex-Book-Zeit. Ich denke was ich von Madonna übernommen habe, ist dass sie ständig versucht Frauen und Minoritäten zu befreien, indem sie ihre Stärke als Frau zelebriert. Mit jedem Album versuche ich nun die Leute auf meine Art zu inspirieren, sich weit wie möglich zu befreien. Ich denke, das ist immer eines der Hauptanliegen meiner Alben.

Warum sind denn Patti Smith und No Bra nun nicht auf dem Album?
(lacht) Ich würde gerne ein Duett von No Bra und Patti Smith hören. Patti und ich haben ein paar wunderbare Tage in Wales verbracht und haben zwei Konzerte gespielt. Mit Susann’ ist viel mit mir durch Amerika gereist und ist eine großartige Freundin. Ich denke aber das wären vielleicht zu viele Zutaten, zu viele starke Persönlichkeiten für das Album gewesen. Allerdings würde ich gerne mit Patti zusammenarbeiten und bin mir sicher, dass auch mit Susann’ bald ein Duett folgt.

Wie sähe es mit einem Madonna-Duett aus?
Ich glaube nicht, dass Madonna und ich ein gutes Duo abgeben würden, du kannst dir ja denken warum. (grinst) Aber man kann nie wissen, vielleicht solltest du das beobachten. Vielleicht schreibe ich mal etwas für sie. Derzeit gibt es ein paar Leute, die mich um Songs fragen, darüber kann ich aber nicht wirklich sprechen.

Deiner Herkunft und Familie spürst du auf dem neuen Werk auch nach. Woher stammt dieses neue Interesse?
Ich denke es kommt durch das Herumreisen. Ich wollte ein Album machen, dass ich wirklich damit verband, von wo auf dieser Welt ich entstamme. Wenn du irisches Blut hast, hörst du manchmal eine Kinderflöte und musst weinen oder du bist betrunken und jemand beginnt ‘Danny Boy’ zu singen: Dann fühlst du diese riesige, unterbewusste Sehnsucht nach deinem zuhause, deinem Ursprung. Das selbe Gefühl hatte ich aber auch mit meiner englischen Seite, sobald ich England für sehr lange Zeit nicht gesehen habe. Deshalb habe ich auch mit der Folksängerin Eliza Carthy (bei The Bachelor’) zusammengearbeitet, um meinen Wurzeln Tribut zu zollen und die persönliche Verbindung zu ihnen wieder aufzunehmen.

Wie hat deine Mutter reagiert, als du den Tod deiner Großtante Patricia in ‘Who Will?’ verarbeitet hast?
Sie ist sehr stolz auf mich, weil meine Mutter eine Künstlerin ist, die mir schon in jungen Jahren die Übel der katholischen Kirche, die ja seit über 500 Jahren das Leben in Irland bestimmt, gelehrt hat. Großtante Patricia war zwar keine Katholikin, sondern Angelikanerin, aber sie war trotzdem eine Nonne. Nonnen werden dazu angehalten, in Keuschheit zu leben und sich für Jesus aufzuheben. Deshalb haben viele Nonnen jedoch Krebs, denn ihre Geschlechtsorgane werden nicht genutzt, man kann sagen: Die Zeit ist abgelaufen! Mit diesem Thema würde sich die Kirche aber niemals offen beschäftigen, obwohl es mutwillig die Lebensspannen von Leuten verkürzt, nur weil sie diese fiktive Hoffnung haben, Jesus zu treffen und Sex oder was weiß ich mit ihm zu haben. Meine Mutter war daher sehr glücklich, dass ich dieses Problem erforscht habe.

Jetzt geht es ans Touren. Was wirst du nach den letzten Erfahrungen verändern?
Aufhören zu Trinken oder zumindest aufhören zuviel zu Trinken und ein wenig mehr auf meine Leber zu achten. Ich meine, früher dachte ich, es wäre – warum auch immer – okay, drei Flaschen Whisky zu trinken und trotzdem in der Lage für eine gute Show zu sein. Das ist eine gute Lektion, die ich gelernt habe, jetzt gibt es halt Zitronen- und Ingwertee auf der Bühne. Am Wichtigsten wird es aber sein, auf meine Stimme zu achten, denn ohne sie kann ich nicht singen oder kommunizieren. Jetzt schlafe ich auch nicht mehr nachts alleine ein, denn ich habe ja meinen Mann zum gemeinsamen Aufwachen und Reisen immer mit dabei. John Lennon hat seine Yoko Ono gefunden. (lacht)

Das freut uns sehr.
Als ich jünger war, habe ich immer zwei Bilder aus meinem Schlafzimmer überallhin mitgenommen, die gingen bei den Aufnahmen im Studio allerdings verloren. Meine beiden Großmütter hatten mir jeweils einen Stein hinterlassen, die ich auch immer dabei hatte. Nun aber teile ich meine Gedanken mit einem menschlichen Wesen und nicht zwei Steinen.

Für freuen uns für dich! Vielen Dank Patrick, für diese Einblicke. Wir wünschen dir viel Erfolg!

Patrick Wolf ‘The Bachelor’ VÖ: 5. Juni | Webseite | Mehr zu Patrick Wolf | Live erleben u.a. am 19. Juli beim Melt!Festival

Dieses Interview wird demnächst auch audiovisuell bei pop10|live und im Radio bei Radio Fritz ausgestrahlt werden und verfügbar sein.

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