Fever Ray im Trauminterview

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Kaum ein Konzert auf dem Melt! wurde gespannter erwartet als der Auftritt der zweifachen Mutter und Künstlerin Karin Dreijer Andersson alias Fever Ray und ich hatte das seltene Glück sie vorher noch zu einem Interview zu treffen.

Bekannt geworden ist Karin gemeinsam mit ihrem jüngeren Bruder Olof Dreijer als Elektro-Duo The Knife, das vor allem durch das epochale dritte Album “Silent Shout” von sich reden machte. Nun setzt sie diesen Weg mit ihrem Soloprojekt Fever Ray erfolgreich fort, dreht schaurige Videos und tourt gerade mit einer düsteren Ansammlung an Kostümen (dafür gab es beim Melt! eine Extragaderobe) und einer unglaublichen Show durch Europa. Da mich das sehr stark an reproduzierte (Alp-)Träume erinnert und Frau Dreijer Andersson so etwas schon einmal selbst angedeutet hatte, lag die erste Frage auf der Hand…

Karin, wovon träumst du häufiger? Hast du immer wiederkehrende Träume?
Ja, ein paar kehren wieder.

Kannst du mir von einem erzählen?
Eher nicht, denn es sind seltsame Dinge. Aber ein Traum davon ist vielen Leuten bekannt, da man ihn aus Traumdeutungsbüchern kennt. In diesem träumst du, deine Zähne zu verlieren. Sie fangen an auszufallen und du spürst, wie sie wackeln. Nach den Büchern bedeutet er, Angst vor dem Verlust der Kontrolle oder von Geld zu haben. Das ist sehr interessant.

Und hast du manchmal solche Ängste auch zur Tageszeit?
Ich denke eher nicht. Ich mag es zu wissen, was ich tue, das ist vielleicht eine Art von Kontrolle, aber ich bin kein Kontrollfreak oder so. Ich will lediglich wissen, was gerade passiert.

Hast du schonmal von deinen Konzerten geträumt?
Nein, ich denke das wäre zu ordinär. Manchmal träume ich aber in meinem letzten Jahr am Gymnasium zu sein. Ich kriege fast eine Panik, wenn ich davon träume, noch ein weiteres Jahr dort bleiben zu müssen.

Was war denn so schlimm an deiner Schulzeit?
Ich mag es, nicht zu wissen, dass es Dinge gibt, die bis morgen erledigt sein müssen, Dinge über die jemand anderes mir aufgetragen hat. Ich will selbst entscheiden, was ich tun kann.

Dann muss es ja super sein, ein Solokünstler mit all seinen Freiheiten zu sein.
Ja, aber es ist immer noch die gleiche Situation wie auch früher bei The Knife, weil wir unser eigenes Label haben. So können wir entscheiden, was wir musikalisch und Aufnahme-technisch machen wollen. Alles liegt in unseren Händen.

Fühlst du trotzdem einen Druck auf dir liegen durch die großen Erwartungen an deine Auftritte gerade hier in Deutschland?
(überlegt lange) Nein.

Hast du dich etwa daran schon mit The Knife gewöhnt?
Nein, ich weiß einfach nicht, was das wirklich bedeutet, wenn Leute anfangen zu mögen, was du da machst. Aber ich bin sehr froh darüber, dass sie das tun, so dass ich  meine Arbeit fortführen kann. Ich kann weiter meine Auftritte entwickeln und hier nach zurück in das Studio gehen und weiter arbeiten. Das bedeutet mir sehr viel, denn ich ziehe es vor dort zu sein, im Studio.

Was denkst du, unterscheidet also im Kern ein Fever Ray Konzert von anderen?
Ich denke, wir achten auf den ganzen Sinn des Konzepts. Wir arbeiten mit Rauch, mit Geruch (sic!) und mit Tönen natürlich, aber wir versuchen wirklich mit dem visuellen Herz der Performance zu arbeiten. In diesem Sinne ist es sehr theatralisch und filmisch. Bei vielen Konzerte, die man besucht, geht es nur um die spielende Band. Alles dreht sich um die Musik. Davon erwartet man sich nicht sehr viel, ich aber mag es, mit Kozeptformaten zu experimentieren, da es da noch so viel zum ausprobieren gibt. Manchmal funktioniert das, manchmal nicht. Vielleicht wird es heute nicht klappen, da wir in einem weißen, wohl zu weißen Zelt spielen werden.

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Ich hoffe es funktioniert dennoch. Nochmal zurück zum Studio: Hattest du irgendwelche Erwartungen an dich, als du die ersten Songs aufnahmst?
Ich wusste noch nicht mal, dass ein Album werden würde. Ich wollte einfach ins Studio gehen und sehen was passiert.

Warst du überrascht an dem Moment, an dem du zurückblicktest und erkannt hast, wozu sich Fever Ray entwickelt hatte?
Ja, das war ich. Ich glaube du bist jedesmal sehr überrascht, wenn du an einem Album arbeitest und realisierst:  Ja, ich werde das hier tatsächlich beenden. Musik zu Machen ist wirklich sehr hart und schwierig. Es verbraucht soviel Energie und man krempelt sich komplett um. Du hasst alles was du machst und manchmal magst du etwas davon. Ich war also jedesmal sehr überrascht. Wenn du anfängst, weißt du nie, ob es zu etwas führt, es könnte auch gar nichts daraus werden.

Wie eine Reise mit unbekanntem Ziel…
Eher wie eine kleine Reise. Und dann machst du Schluss, gehst nachhause und reist nie wieder. Das kann passieren, wenn dir die Ideen ausgehen oder du sie nicht realisieren kannst.

Wenn du von deine Tour-Reisen zurückkommst, erwarten dich deine zwei Kinder. Sind sie dein Energiereservoir?
(überlegt lange) Ich weiß nicht, wie über sie in Zusammenhang mit meiner Arbeit denken soll. Ich arbeite nämlich nicht zu hause, das ist unmöglich. Es ist wie bei allen Eltern: Sie überlassen ihre Kinder dem Kindergarten und dann gehen sie zur Arbeit oder eben ins Studio.

…oder tragen furchterregende Kostüme.
Die trage ich ja nicht im Studio. (lacht) Ja, aber manchmal spiele ich halt Konzerte. Wir befinden uns gerade in der Mitte des Jahres und das letzte Mal haben wir vor drei Jahren mit The Knife getourt. Nach diesem Jahr werden wir das hier beenden und zurück ins Studio gehen. Es passiert also nicht sehr oft, dass ich für Konzerte unterwegs bin.

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Haben deine Kinder dich schonmal live gesehen?
Meine Ältere, ja.

Und hatte sie Angst vor deinem Bühnen-Ich?
Sie ist das schon gewohnt, sie weiß, was ich mache. Ich denke für sie ist das ganz normal und sie ist nicht so sehr davon beeindruckt. Sie hat ja ihren eigenen Musikgeschmack.

Bist du zufrieden mit ihrem Geschmack?
Ich denke, es ist fantastisch, dass sie Musik mögen und sie kann wählen, was immer sie wollen.

Empfiehlst du ihnen auch Musik?
Ja, ich spiele die Musik, die ich mag zu hause, aber dann kommen sie und sagen: “Nein Mum, ich will lieber dieses Album spielen!”.

Der klassische, pubertäre Eltern-Kinder-Musik-Konflikt…
Ich weiß nicht. Manches hört auch jeder von uns gerne.

Wer wäre so eine allseits akzeptierte Band in deinem Haushalt? Und jetzt sag nicht Abba!
Nein, nein. Zum Beispiel hören wir gerne Tomahawk, wir mögen rhythmischen Metal. Sie mag vor allem Rock wie Twisted Sister oder AC/DC und Kiss, sie liebt Kiss und ich auch.

Klingt nach einer coolen Tochter.
Ja! (lacht) Ich liebe es, dass sie ihren eigenen Musikgeschmack schon so früh haben. Meine Nichte ist erst ein Jahr alt, aber wenn du Amaduo & Mariam anmachst, fängt sie einfach an zu tanzen. Das ist unglaublich.

Originaltext in Englisch, übersetzt durch den Autor.
Photos by Cooperative Music (1) and Christoph Paul (2-4, shot at Melt! Festival 2009)

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