Godly Grooves

godly grooves

Sonntag, der Ruhetag, Sabbath, Tag Gottes. Wie auch immer du es nennen magst, es war ein Sonntag als Gott erstmals als stehen und liegen ließ, sich einenen Ovaltine machte und sich seine erste Pause von der Arbeit überhaupt könnte, nichts ahnend vom alles verändernden kindischen Sturm Scheiße, in den sich seine welt bald verwandeln würde und an dem er nicht ganz unschuldig war. Man könnte durchaus sagen, dass Gott ein wenig Mist gebaut hat bei der Erschaffung dieser Welt. Da wäre etwa Adam, der ohne die Erschaffung Evas wohl sein Leben wohl ausschließlich mit Fischen und Masturbieren verbracht hätte. Sicherlich war auch die Schlange ein Fehler.

Natürlich ist das nur meine eigene Meinung, meine Erfahrungen im Welten Erschaffen sind eher limitiert, und dass ich nur einen einzigen Planeten zum Vergleich habe, macht mich auch nicht gerade zum Experten. Eigentlich geht es ja nur darum, dass wenn wir uns schon über die Probleme auf dieser Welt beschweren wollen, dann sollten wir das bei Gott machen, der hat ja (angeblich!) die ganze Sause gestartet und seitdem Eva auftauchte, sind die Dinge einen eher misslichen Verlauf genommen. So mag Gott und das Planeten Bauen vielleicht eine nette und in Rekordzeit ausgeführte Idee gewesen sein, fatal gescheitert ist sie trotzdem.

Jedenfalls zurück zu den Sonntagen. Dieses allsonntagmorgentliche, stumpfe Kopfkratzen ist weder der Effekt von zuviel Sodawasserkonsum in der Disko, noch ist es irgendein pubertärer Schuldkomplex, der dein Gehirn zwingt auszutreten, nur weil du gestern Nacht mit jemand anderens Freundin eng umschlungen getanzt hast. Nein, dieses nervige, widerliche Gefühl von weißem Rauschen, das du erlebst, ist dein Gewissen, das dir sagen will, du hast noch viel, viel schlimmere Dinge getan.

Wie Eva damals, erkennst du, dass du dich unabsichtlich auch von der Schlange verführen lassen hast; bildlich ausgedrückt, versteht sich. Dieser glitschende, hypnotische und scharfzüngige Kretin hat es geschafft, sich dir einzuflüstern und es sich in deinem Herzen gemütlich zu machen, langsam jeden Sinn für richtig oder falsch in Diskofragen aus die herauszuquetschen.

Er hat dich faul und träge gemacht, dich überzeugt, dass du immer, wenn du ein billiges Bier gestürzt hast und tanzen gehst, dass du dann – zum aktuellsten Remix künstlicher Glückseligkeit aus dem Hause Kitsuné oder irgendeinem ätzend piependen, kratzenden Blödsinn von Ed Banger – die beste Zeit deines Lebens verbringst. Und du fällst auch noch jedes Mal darauf herein, verdammt nochmal! So weit ist es gekommen, dass sich selbst Musiker über die lustig machen können. MSTRKRFT haben gerade eines der uninspirierstesten Alben aller Zeiten produziert, dessen Veröffentlichung ziemlich erstaunlich war, schließlich kann ich kaum glauben, dass ihnen das selbst gefällt. Ganz nach dem Motto: Öffne dein iElectroMusicStar, mach ein paar Beats an, füge einen Cliché-Glitch-Filter hinzu und presto, da ist es auch schon –  dein zweites Album.

Simian Mobile Disco haben mehr oder weniger dasselbe getan: Der atemlosen Enthusiasmus des Debütalbmus – so frisch und plötzlich war er, dass wir uns beinahe einnässten, als wir es das erste Mal hörten – wurde dieses Mal durch einen Haufen behäbiger, schwabbeliger, soßengartiger Lieder ersetzt, die noch nicht einmal die nach VIP’s geifernde Featureliste aus dem Dreck hiefen konnte, in den man sich selbst hineinmanövriert hatte. Und bei Jupiter, wenn ich noch jemanden höre, der sich vor Freude angesichts eines bevorstehenden, neuen Klaxons-Albums in einen kichernden Wackelpudding verwandelt, muss ich wohl meinen eigenen Kult gründen, um zu ihrer rituellen Opferung aufzurufen. Mit Löffeln, oh ja.

Noch nicht einmal Digitalism bewegen einen noch. Wäre ich der Veranstalter ihres letzten DJ-Auftritts gewesen und sie wären wieder in zerknitterten, weißen T-Shirts bei mir erschienen, ich schwöre, ich hätte den Stecker gezogen und sie auf der Bühne ausgepeitscht bis sie nachhause gegangen wären, um sich doch noch angemessen zu kleiden.

Wir befinden uns also in einer Abwärtsspirale. Es ist, als würde uns ein gähnendes, schwarzes Loch – als die faulen Künstler und einsichtslosen Konsumenten, die wir sind – in die Tiefe einer kochenden, unentrinnbaren Jauchegrube zu reißen, wo uns – neben dem Verbrennen natürlich – nichts anderes übrig bleibt, also wie die Roboter zu ‘Pop the Glock’ zu tanzen und uns über der Frage, welche Maison Kitsuné Compilation, denn die beste gewesen wäre, zu Tode zu langweilen – für immer.

Es ja noch nicht einmal so, dass wir eine Lüge geglaubt hätten, nur weil sie irgendwann einmal wahr gewesen wäre; nein, es lässt sich einfach niemand dazu hinreißen, unseren Fehler einzugestehen. Es benötigt eben etwas Zeit und Mut zur Bekenntnis, dass das Groß an aktueller elektronischer Musik wirklicher Mist ist. Man kann in ein paar Clubs tanzen, wie ein sich unter Krämpfen schüttelnder Spastiker auf einem Pfeiler, und nach zwanzig Minuten ist sie da, die Erleuchtung. Es ist wie der brennde Busch bei Moses oder die Teilung des Roten Meeres, wenn man langsam bemerkt: Hey, ich wurde programmiert das hier zu mögen – das spricht gar nicht zu mir – ich fühle auch nichts dabei – ich bin im Autopilotmodus – ich mag das eigentlich gar nicht. Was macht man also? Zurück zum Nu Rave gehen? Oder zum Indierock oder Chiptune? Wenn das die einzigen Optionen wären, würde ich anfangen Pillen in meinen Socken zu verstecken und anfangen zu Donk-Parties zu gehen, oh ja.

Aber es gibt ein Licht, einen entfernten, goldenen Schimmer am Ende diesen fetten, flatulenten Tunnels voller Mist. Sein Name ist – eigentlich ziemlich angemessen – “Godly Grooves“. Und mein Gott, selbst wenn diese Platte auf einer Wolke begleitet von Engeln und Engelchen vom Himmel in mein Zimmer geschwebt wäre, ich könnte sie kaum mehr mögen. Arok und Scientist sind zwei deutsche Djs, die allerhand Inspiration aufgezogen haben müssen, schließlich legen sie einen der stärksten Anwärter auf das bestem Album 2009 vor.

Ein einzigartiges und völlig übergeschnapptes Mixtape aus seltenen christlichen Grooves aus den 1960ern und 70er Jahre, ursprüngliche bei eigentümlichen religiösen Labeln erschienen und nun ausgewählt, entstaubt, aufpoliert und in eine einstündige Zusammenstellung gemixt. Gesegnet seien sie, denn sie haben es auch noch gleich bei einem neuen Label mit limitierter Auflage von 100 Stück veröffentlicht. So himmlich, so ungewöhnlich ist das, dass förmlich die Fähigkeit zur Beschreibung aussetzt und man nur noch mit offenem Mund ungläubig googlen kannn, wie jemand ein auf das erste Hören vielleicht ungeheuerliches Werk geschaffen haben kann, das sich in Wirklichkeit wohl derart nah an die absolute Perfektion annähert wie kein Album in diesem Jahr vor ihm.

Normalerweise ist religöise Musik eher eine Bestrafung und in etwa so amüsant wie ein gemeinsamer Tag mit den Zeugen Jehovas beim Hausbesuchen. Das hier ist anders; bizarre, knarzende christliche Songs gesungen in Deutsch über Lo-Fi-Beatsamples, mächtigen Basslines und brüchigen Orgelklängen. Es ist schwer, an soetwas zu glauben, aber ihr solltet es glauben, Brüder und Schwestern. Hier finden wir den erfrischenden Beweis, dass die Arbeiten von Musikern irgendwo da draußen tatsächlich noch die Grenzen des Begriffes ‘elektronische Musik’ verschieben, bisher unberührte Genre einbeziehen und etwas völlige Neues auslösen können.

Werden wir also alle in der nächsten Zeit zu obskuren christlichen Grooves tanzen? Eher nicht. Und freilich ist es – im Gesamtkontext gesehen – auch nicht das größte Album aller Zeiten, aber allein die Tatsache, dass es (ausgenommen HEALTH und Robot Koch) rechtfertig diese Erwähnung. Und der Gedanke, dass es wohl niemand mögen wird.

Gott sei mit euch in der Disko, meine Kinder! Amen.

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“Goodly Grooves” ist bei Audiac Records erschienen.

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