Hercules and Love Affair: Die Rückkehr

hercules and love affair bw

Hercules and Love Affair sind tatsächlich wieder live unterwegs und schauten letzte Woche gar in der Panoramabar des Berliner Berghains vorbei.* Erst ein Jahr liegt ihre letzte Tour und unser Interview zurück, im März 2008 war das unbetitelte Meisterwerk von Debüt erschienen. Und dennoch war die Spannung bis zur Rückkehr überdurchschnittlich groß, wusste man doch nicht wie Bandkopf Andy Butler und Vollzeitmitglied Kim-Ann Fox nun auch mit neuem Line-Up das Projekt fortführen würden.

Umso ärgerlicher, dass mir bereits durch die Außenwände des Berghains die ersten – noch unidentifizierbaren – Töne entgegenschallen, die sich dann beim Hinaufeilen der Treppe zur Bühne als “Raise Me Up” entpuppen. Kaum einen geeigneten Stehplatz gefunden, findet der Song schon ein euphorisch beklatschtes Ende. “Endlich!”, kommentiert das neue erste Gesicht rechts, Aerea Negrot, auf deutsch die aufkeimende Stimmung. Vor mir steht eine deutlich verkleinerte Version der Band. Neben Sängerin Nomi Ruiz fehlen auch Bassist Andrew Raposo, Keyboarder Morgan Wiley und das übliche Bläser-Duo (Antony Hegarty – eine der Stimmen vom ersten Alben – hatte sowieso nie mit der Band getourt).

Dafür gibt es drei neue Gesichter neben Kim-Ann Fox, die ein sichtlich gut gelaunter Andy Butler nun der Reihe nach vorstellt. Die in Berlin lebende Negrot, eine große Frau mit einer ebenso großen Portion Soul in der Stimme, habe er bereits vor einigen Jahren getroffen und war zugleich von ihrem Talent fasziniert, obwohl man sich danach für einige Zeit wieder aus den Augen verlor. Neben Butler steht zwischen Keyboard, Pult und Controllern Mark Pistel, der sich Ende der 80er Jahre als Synthie-Part der Industrialband Consolidated einen Namen machte und danach als Produzent, Toningenieur und Songschreiber mit Größen wie Grace Jones zusammenarbeitete. Am meisten optisch hervorstechen tut aber Shaun Wright am linken Bildrand im Goldjäckchen (“My Mommy made it!”) und mit Rick-James-Frisur.

Musikalisch und visuell beherrschen Hercules and Love Affair so auch in neuer Formation und mit neuen Songs noch immer bravorös das undurchdringliche und zugleich verlockende Spiel mit Sex, Geschlecht und Bass. Fox, die Andy als “bad boy” liebkost, erscheint mit der tiefsten und härtesten und somit maskulinste Stimme des Vokalistentrios, nur um wenig später bereits in höchste Höhen zu entsteigen. Wright hingegen – immerhin einziger männlicher Sänger auf der Bühne – gibt sich betont feminin, zeichnete dazu wirre Linien mit seinen Händen in die Luft und betört mit samtweicher, ja beinahe zu zarter Stimme, während Negrot die gewandte wie charmante Allzweckwaffe gibt und sich beide im Singen der ehemaligen Hegarty- und Ruiz-Vocals abwechseln.

“Raise Me Up” und der Vorstellung folgen vier neue Songs und so wie sich auch der mythische Hercules (im griechischen Original Herakles) zeit seines Lebens und gar bis ins Jenseits auf der Suche nach der Liebe – sowohl weiblicher wie auch männlicher – und sich selbst befand, so ist auch jedes der neuen Stücke für sich genommen eine zwischen Kosmos und Discolight oszillierende Ode an das Verlorensein. Da fragt ein Stück im  Refrain: Where do come from?, und wagt sich in einer Variation der Antwortmöglichkeiten bis zu Mars und Venus hervor. An anderer Stelle – im raumgreifenden, groovenden  “Painted Eyes” – schweift der Blick von den Sternen zurück in den Spiegel –  How can you wait forever? … there’s no forever, forever; auf den modernen Hercules warten nach seinem Tod weder die Unsterblichkeit, noch die Göttin der Jugend.

“Painted Eyes” wurde bereits bei bei den letzten Tourterminen in alter Besetzung anno 2008 vorgestellt, damals noch mit Nomi und Kim Ann am Mikro und Bläsern in einem deutlich luftigeren mit Jazz- und Funkanleihen spielenden Gewand.  2009 wartet das Stück mit einem runden, schweren und treibenden Disco-Bass garniert mit verführerischen, da eingängigen Streicherarrangements (die geschmackvolle Antwort zu Shakiras “She Wolf) auf – eine Disco-Hymne für späte Stunden. Zum Vergleich: Zunächst eine Liveinterpretation der “alten” Hercules and Love Affair vom 18. November 2008:

Und hier von den “neuen” Hercules and Love Affair vom 15. August 2009:

Überhaupt ist der neue Sound eine einzige Zeitreise in den US-amerikanischen Untergrund der späten 1970er und 80er Jahre und wieder zurück. Butler und Pistel führen Chicago House, dessen jüngeren Bruder Acid House, sowie Detroit Techno und Disco zu einer modernen, wummernden Extravaganz zusammen, die sich auf einer Anlage wie sie das Berghain besitzt zu einem Endorphin geschwängerten, romantischen Clubmonster entwickelt, das den ebenso gelungenen, experimentellen Bandsound des Debüts weitläufig abgelöst hat.

Nach den vier ineinander übergehenden neuen Songs verabschieden sich Hercules and Love Affair vorerst mit der neuen Single “I Can’t Wait”, die Butler bereits Anfang der Saison in seinen Sidetracked-Mix eingefügt hatte (hier ein Ausschnitt). Ein gelungener Abschluss, der selbstverständlich eine Zugabe erfordert, die sich das klatschende und mittlerweile auch verschwitzte Publikum mit “You Belong” – erneut kräftig im Beat und weich in (Shauns) Stimme – einholt; das nun endgültige Ende einer triumphalen Rückkehr.

Hercules and Love Affair “I Can’t Wait” wird Ende Dezember auf Beatport.com erscheinen.

*Da im Berghain das Fotografieren verboten ist, sei hiermit die Galerie des Brooklyn Vegan vom ersten Auftritt der neuen Besetzung in New York empfohlen.

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