
In den letzten Jahren haben sowohl der Aufstieg der „realen“, manch einer würde sagen intellektuellen elektronischen Musik (etwa Justice, Hot Chip und Digitalism), als auch die Abkehr zahlreicher Bands vom traditionellen Indierock und das Hinauswagen selbiger in verstärkt experimentellere Bereiche (Telepathe, Crystal Stilts, HEALTH sind hier wohl zu allerst zu nennen) dazu beigetragen, dass der Begriff “Pop” heute mehr oder weniger in etwa genauso anstößig ist wie “Fotze” oder “fuck“.
Pop ist seicht und für die Tonne; Pop stürzt keine Imperien und löst keine Revolutionen aus; er ist billig, unwichtig und sowieso nur für Dumme. Diese Sichtweise ist – offen gesagt – totaler Quatsch. Der Pop wie wir ihn kennen hat jedes Nu-Something-Genre der letzten Jahre mehr als nur überdauert und existiert zudem seit Anno Tobak. Gar nicht schlecht für ein Genre, das angeblich in etwa so nützlich ist wie ein Hut aus Pudding.
So ist etwa Schweden bekannt für die Erschaffung brillianter Popmusik. (Ich wollte hier eigentlich auf die Nennung von ABBA verzichten, aber ihre riesigen Leistungen auf diesem Gebiet kann ich nicht übergehen; und steckt es euch sonstwo hin, wenn ihr denkt, ich bin deshalb ein Langweiler!) Nun hat das Land aus dem hohen Norden wieder zugeschlagen, diesmal in persona der The Sound of Arrows.
Die Band besteht aus Stefan Storm und Oskar Gullstrand, zwei Freunde aus Stockholm flankiert von allerhand glitzernden Synthesizern und anderen elektronischen Instrumenten. Vor kurzem brachen sie gen London auf, um die dortigen A&R-Abteilungen zu umgarnen (und das machen sie ausgesprochen gut) und um an ihrem Album zu arbeiten, das hoffentlich bald auf einem entsprechenden Label veröffentlicht wird.
aufgemischt! traf Stefan Storm für einen gemeinsamen Spaziergang durch den herbstlich-kalten Regent’s Park in London.
Also Stefan, wie geht’s dir gerade so? Viel beschäftigt?
Ich würde sagen: Ja. Aber das liegt nur an mir. Ich befinde mich gerade in den letzten Zügen der Produktion unseres Debütalbums und man kann meinen, dass ich dabei ein bisschen verrückt geworden bin. Sobald und solange ich wach bin, arbeite ich an dem Album oder denke darüber nach. Ich würde das Gefühl hassen, mir in einem Jahr zu wünschen, jetzt doch mehr Zeit investiert zu haben.
Und wie lebt es sich so in London? Es unterscheidet sich bestimmt ein bisschen von Stockholm.
Das tut es sicherlich, ja. London ist beängstigend, dreckig, unordentlich, verwirrend und wunderschön. Stockholm ist klein, schön, sauber, ordentlich und langweilig. Halbe-halbe wäre wohl ideal.
Warum hast du dich für London entschieden? Gibt es hier mehr inspirierende Künstler für deine Arbeit als in Stockholm oder waren es eher praktische Gründe, die dich hier her verschlagen haben?
Das hatte zwei Gründe: Erstens war ich aufgeregt zu sehen, wer hier in London mit uns kollaborieren würde – wir haben eine Menge wundervoll talentierte Musiker und Produzenten getroffen. Zweitens spürte ich, dass ich mein Zuhause verlassen musste, um mich vollkommen auf die Schöpfung des Albums konzentrieren zu können. Es ist viel leichter in einer Stadt professionell am Ball zu bleiben, in der man nicht so viele Freunde hat.
Du wirst also langsam verrückt und hast keine Freunde hier. Wie steht es ansonsten um das Album?
Es geht ziemlich gut voran, aber es ist wie bei jedem kreativen Prozess: Es gibt Höhen und Tiefen. Ich will, dass es PERFEKT wird, was – wie ich gerade anfange zu erkennen – wohl nie geschehen wird. Nicht weil das Album sich nicht gut entwickelt, sondern weil ich nie zu 110 Prozent glücklich mit ihm sein werden. Gestern habe ich etwas vollendet, was in etwa die musikalische Danksagung zum Ende des Albums werden soll. Es klingt sehr nach Vangelis / Moroder / Enya.
Das ist ein ziemlicher Mix! “Magic” und “Into the Clouds” haben uns schon eine Kostprobe von Sounds of Arrows gegeben – wird es auf dem Album irgendwelche Überraschungen geben, die wir derzeit nicht erwarten?
Ich glaube, es wird manchen überraschen, dass Teile von ihm recht düster sind oder zumindest dunklerer. Aber so sind alle guten Alben; wie eine Reise. Darüber hinaus werden andere wohl davon überrascht sein, wie sehr wie unsere Samples lieben. Man sollte also mindestens drei Instrumente erwarten.
Sound of Arrows hat eine sehr entscheidende visuelle Komponente und das Video zu “Into the Clouds” einen sehr speziellen Stil. Es erinnert mich an “Die Unendliche Geschichte”, wenngleich ich bestimmt nicht der erste bin, der das sagt. Glaubst du, dass es wichtig ist, wieder etwas Fantastisches in den Pop einzfügen?
Ich denke nicht, dass es zwangsläufig wichtig ist, aber ich denke auch, dass die Musik, die mir am besten gefällt, sich in einem gewissen Kosmos bewegt. Manche Elemente daraus sind einfach überlebensgroß. Da keiner von uns beiden keiner mit einer derart außergewöhnlichen Persönlichkeit aufwarten kann, müssen wir uns der Hilfe der visuellen Abteilung bedienen.
Das Video sieht aus, als hätte es eine Million Dollar gekostet. Habt ihr wirklich so tief in die Tasche gegriffen oder habt ihr einen sehr geschickten Grafiker gehabt, der all diese Fantasiekulissen erschaffen hat?
Das ist ein Geschäftsgeheimnis.
Wollt ihr den Zuhörer auch bei euren Liveshows in diese mystische, fremde Welt aus eurem Video entführen?
Auf jeden Fall! Vor allem deshalb versuchen wir, bei einem Major unter Vertrag zu kommen, um etwas Hilfe bei der Umsetzung unserer großen Visionen für die Liveshows zu bekommen. Es wird ein audio-visuelles Erlebnis werden.
Apropos, man sieht euch selten live auf der Bühne oder? Seid ihr eher eine Studioband oder gibt es gerade Pläne für eine Tour?
Von Haus aus bin ich eigentlich am glücklichsten, wenn ich im Studio sitzen und an einem neuen Synthesizer herumbasteln kann. Aber bisweilen lieben wir es auch, live aufzutreten. Ich glaube auch, dass wir ziemlich gut darin sind.
Es scheint als ob „Pop“ in den letzter Zeit fast schon ein Schimpfwort geworden ist, obwohl ich denke, das er großartig und ein wichtiger Teil der Musik ist. Würdest du euch anders beschreiben?
Ich habe schon immer Pop-Musik geliebt, deshalb löst das Wort in mir nicht Negatives aus. Manche Leute mögen Pop mit seelenloser Musik assoziieren, aber nicht ich. Ich glaube man erreicht die bestmögliche Musik, wenn sich Eingängigkeit und Kreativität vereinen.
Pop oder nicht – NME und Dazed & Confused scheinen zu mögen, was ihr macht, und ihr habt anscheinend innerhalb kürzester Zeit viel Wirbel in London verursacht. Seid ihr gerade bei jemandem unter Vertrag? Wird es ein Indie- oder Major-Label werden? Vertrittst du selbst auch diese ziemlich alberne Theorie, dass alle Indies großartig und alle Majors böse sind?
Nein, überhaupt nicht. Wir alle aber verstehen, dass sobald es um das große Geld geht auch einen Art Kompromiss erfolgen muss. Aber wir würden uns von niemanden vorschreiben lassen, einen Song, den wir lieben, nicht zu verwenden. Dann würde ich es eher noch selbst veröffentlichen.
Wie klingen Sound of Arrows nun also?
Widescreen pop.
Verdrückt ihr beide dann jeden Morgen ein schönes, großes, fettiges englisches Frühstück bevor ihr ins Studio geht?
Hahaha. Auf gar keinen Fall. Ich bin jetzt seit zehn Jahren Vegetarier und erst vor kurzem habe ich versucht, noch weiter zu gehen und Veganer zu werden. Was bleibt da bei einem englischen Frühstück noch übrig? Gebackene Bohnen?! Ich esse kein Essen aus Dosen.
Und zu guter letzt: Magst du es, wenn Journalisten während des Interviews mit dir flirten?
Hahaha. Es ist immer schön, wenn jemand mit dir flirtet, ob Journalist oder nicht.
The Sound of Arrows aktuelle EP “Into The Clouds” erschien bei Neon Gold Records und ist als 12″ bei Pure Groove erhältlich. Digitale Veröffentlichungen der Band findet man bei iTunes.
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