William Fitzsimmons : Interview

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Es waren einmal zwei Vögel. Verliebt flogen und zwitscherten sie durch die Welt bis sich eines Tages herausstellte, dass der eine Vogel ein süßer Spatz war. Der andere hingegen war eine schwarze Krähe. Nachdem die böse Krähe dem kleinen süßen Spatz sehr wehgetan hatte, flogen die beiden Vögel von nun an in verschiedene Richtungen, traurig, verletzt und einsam. Doch die Krähe fühlte sich sehr schuldig, dem Spatzen so wehgetan zu haben. Deswegen beschloss sie sich in eine Nachtigall zu verwandeln, um sich bei dem Spatz mit 13 wunderschönen Liedern zu entschuldigen und so wieder mit sich selbst im Reinen zu sein.
William Fitzsimmons, Sänger und Songwriter aus Pittsburgh, Pennsylvania, USA, sagt von sich selbst, dass er eine Krähe war. Doch heute können ihm unglaublich viele Menschen bestätigen, dass er zu einer Nachtigall geworden ist. Dies ist Anlass genug, um den jungen Amerikaner auf seiner Tour zu besuchen und mit ihm vor seinem Konzert in Leipzig über seine Kindheit, seine Musik und letztendlich über seine (Ver-)Wandlung zu sprechen.

Du hast vorhin über Twitter und Facebook geschrieben, dass du deine Mandoline in Berlin vergessen hast. Konntest du noch eine finden?
Nein, ich hab seit ein paar Stunden nicht mehr nachgeguckt, ob jemand eine für uns hat. Aber es das ist nicht so schlimm. Wir haben viele andere Instrumente.

Es ist nicht das erste Mal, dass du in Deutschland bist…
Ja genau. Wir waren im letzten November schon einmal hier. Es ist also unsere zweite Headlinertour.

Magst du Deutschland und seine Menschen?
Ich liebe es und ich meine das auch so! Ich würde so etwas niemals einfach nur sagen. Deutschland ist einer meiner Lieblingsorte. Die Leute hier sind sehr freundlich zu mir und ich bin besonders froh darüber. Ich habe, während ich an der Uni war, ein bisschen Deutsch studiert und wollte immer herkommen. Aber ich hätte niemals gedacht, dass ich später einmal in der Lage dazu sein werde. So kam ich letztes Jahr das erste Mal her, spielte Musik und traf die Menschen. Es ist jeden Morgen immer wieder aufregend. Ja, ich liebe das.

Sprechen wir über dich und deine Musik. Was war deine erste Begegnung mit Musik? Gibt es eine bestimmte Erinnerung aus deiner Kindheit, die dir besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Wir hatten, seitdem ich mich erinnern kann, immer Musik im Haus. Mein Bruder und ich sind damit aufgewachsen. Meine Eltern waren beide Musiker. Sie haben Aufnahmen vorgespielt oder meine Mutter musizierte am Klavier oder mein Vater an der Orgel. Das war sehr aufregend – als lebe man in einem Radio; etwas ganz Besonderes. Eine von meinen Lieblingserinnerungen, nicht nur mit Musik und Kindheit im Allgemeinen, ist, wenn ich ins Bett gegangen bin und meinem Vater beim Orgelspielen zugehört habe. Es war sehr laut. Die Orgel war so groß wie eine Kirchenorgel. Ich weiß nicht, aber diese Erinnerung weckt in mir ein bestimmtes Gefühl. Immer wenn ich eine Orgel höre, erinnert es mich an meinen Vater und daran, ein Kind zu sein. Das ist eine meiner liebsten Erinnerungen.

Hast du die Instrumente alle alleine gelernt oder haben dir deine Eltern das beigebracht?
Es war ein wenig von beiden. Sie haben uns unterrichtet. Meine Mutter brachte mir Klavier und ein wenig Gitarre bei. Aber eigentlich ließen sie uns alleine. Wir mussten spielen, sie bestanden darauf. Aber es lag an uns zu üben und zu lernen. Sie ließen uns einen großen Raum an Freiheit. Aber wir mussten immer alleine üben. Es war okay. Wir hatten niemals Unterrichtsstunden oder so etwas. Einzig während meiner Schulzeit hatte ich kurz Klavierunterricht.

Wann hast du dich entschieden, ein professioneller Musiker zu werden?
Das war sehr spät. Ich arbeitete viele Jahre, um Therapeut werden zu können – und ich liebte die Musik. Aber es hat für mich keinen Sinn gemacht, es als professionellen Job zu auszuüben. Ich spielte zum Spaß für mich alleine, was vor allem großartig für mich selbst war. [schmunzelt]
Ich hatte aus Spaß ein paar Songs auf meiner MySpace Seite und die Menschen fingen an, es zu hören. Und sie reagierten sehr gut darauf. Nach und nach wurde das alles von alleine größer und immer mehr Menschen hörten die Musik. Da dachte ich mir: Gut, du weißt, ich könnte einfach hier bleiben, die Chance vorüber gehen lassen und schließlich verschwinden lassen oder ich kann hier bleiben, erst einmal probieren und sehen, ob es das Richtige für mich ist. Das war vielleicht vor drei Jahren. Jetzt liebe ich es. Aber ich vermisse es auch, als Therapeut zu arbeiten. Ich liebe diese Arbeit genauso.

Deine Songs kommen von tief in dir. Ist es schwer für dich, diese aufzuschreiben und vor dem Publikum zu performen?
Ich denke, dass es das vielleicht für Andere. Aber es war nie schwer für mich; nicht, weil ich besonders bin. Sondern weil ich während meines Studiums und meiner Arbeit als Psychologe gelernt habe, sehr offen zu sein. Ich saß dort mit Menschen zusammen, so wie wir beide hier. Das waren Menschen mit Selbstmordgedanken, Schizophrene, eben alle Arten von Menschen und Problemen. Wenn du das gemacht hast, hast du dich dran gewöhnt über sehr traurige Dinge zu sprechen. Und immer wenn ich anfing zu schreiben, kamen die Dinge heraus, die wirklich tief in mir waren. Es war normal, typisch eben. Aber es war nie schwer.

Wie wichtig ist dir die Musik, die Melodien, um deine Aussage auszudrücken?
Die Musik ist sehr wichtig. Die Melodien sind sehr wichtig. Aber ich denke für mich selbst und für die Dinge, die ich kreiere: Ich möchte kommunizieren. Ich möchte mit meinen Songs zu den Menschen reden. Deshalb sind die Lyrics für mich immer wichtiger. Ich möchte wirklich gute Musik machen. Aber ich möchte auch interessant sein. Ich persönlich mag wenider die Songs mit mehr Musik als Wörtern. Die Wörter sind sehr wichtig für mich. Wenn ich Musik höre, kann der Song beeindruckend sein. Aber wenn die Lyrics mir nichts bedeuten, kann ich mich nicht mit dem Song identifizieren.

Während deiner Shows gibt es einen interessanten Kontrast. Obwohl deine Lieder eher traurig sind, lachst und scherzt du auf der Bühne. Genauso das Publikum, es scheint als wäre es die meiste Zeit fröhlich.
Ja! Das ist irgendwie bizarr und seltsam. Ich hab das nie mit Absicht gemacht. Als ich damals meine ersten Auftritte hatte, sagte mir niemand vorher, was ich zu tun hatte. Niemand sagte: Sitz einfach da, ruhig und depressiv und sei liebevoll.
Es gibt viel Hoffnung in der Musik. Und ich denke, dass viele Menschen ihre Hoffnung aus der Musik nehmen. Sie verlieren sich in ihr. Viele Künstler denken, wenn man sie ernst nehmen soll, dann müssen sie auch ernst sein. Ich bin lieber ich selber auf der Bühne. Ich hab eine Menge Schmerz erfahren, so wie du oder jeder andere auch. Wir alle haben Schmerzen und Dinge über die wir traurig sind. Aber ich bin nicht immer eine traurige Person. Ich möchte ich selbst sein.

Du hast deine ersten beiden Alben bei dir zu Hause aufgenommen. Warum hast du dich dazu entschlossen, dein aktuelles Album in einem professionellen Studio aufzunehmen?
Die Songs auf dem neuen Album, „the sparrow and the crow“, waren sehr wichtig für mich – natürlich waren es die anderen Songs auch. Aber es war das erste Mal, dass ich wirklich fühlte, in meinen Songs direkt zu einer Person zu sprechen. Ich musste bestimmte Dinge meiner Ex-Frau mitteilen und wollte dabei nichts riskieren. Ich wollte die Chance wahrnehmen. Ich wollte so gut sein, wie ich nur konnte und perfekt sein! Mir war klar, dass das was ich zu Hause machen konnte, gut war. Aber im Studio würde es besser sein. Es war für mich persönlich wichtig, die Songs so gut wie möglich zu machen. Dazu wollte ich andere Menschen um mich herum haben, die mehr als ich über die Produktion und Studioarbeit wussten.

Hast du mit deiner Ex-Frau über das Album gesprochen?
Wir haben eine Weile nicht mit einander gesprochen. Das ist ja normal nach einer Trennung. Die ersten Dinge danach waren sehr düster. Aber als wir letztendlich in der Lage waren wieder mit einander zu reden und einander zu vergeben, hörte sie schließlich das Album. Sie sagte mir danach, dass es sehr hart für sie war es zu hören. Sie meinte aber auch, dass sie jetzt alles verarbeiten könne, was passiert ist und vergab mir. Das war alles, was ich wollte. Ich wollte für uns Beide, dass wir es schaffen uns gegenseitig zu vergeben und das ist passiert. Ich war trotzdem nicht froh über das Ganze. Aber ich war befreit, ich war im Einklang mit Allem.

Wie lange wirst du noch Musik machen? Wirst du irgendwann in deinen Job als Therapeut zurückkehren?
Das hängt davon ab, an welchem Tag du mich fragst. Ich liebe Musik. Das ist das Einzige, was ich je machen wollte und das ist wundervoll. Viele würden dafür töten. Aber ich fühle mich so: Ich kann nicht wirklich an meine Chance glauben. Ich kann nicht glauben, dass es das ist, was man von mir verlangt. Außerdem habe ich so lange gearbeitet, um ein Therapeut zu werden und ich denke immer noch, dass dieser Job noch nicht vollständig gemacht ist. Ich denke, ich werde eines Tages zurückgehen, um wieder als Therapeut zu arbeiten. Aber zurzeit fühle ich, dass Musikmachen das einzig Richtige ist, was ich tun sollte.
[überlegt kurz und fängt an zu schmunzeln]
….aber wenn du mich vielleicht morgen fragen würdest…

Bevor du es dir jetzt anders überlegst: Du wirst noch weitere schöne Alben aufnehmen?!
Ja, ich hoffe doch!

Das freut sicherlich viele zu hören. Hast du schon ein paar neue Songs?
Ja! Ich habe einige. Ich war für ein paar Monate zu Hause und konnte dort ein paar neue Sachen schreiben. Und sie sind anders. Ich bin jetzt in der Lage nicht nur über Scheidung und traurige Dinge zu schreiben und so einen Scheiß. So fühlte ich mich. Aber ich möchte zu anderen Dingen übergehen. Ich möchte Freude ausstrahlen!

Wir werden also zukünftig viele fröhliche Töne von dir hören?
In der Tat! Auf dem nächsten Album. Das ist die Richtung, in die ich gehen werde. Ich muss schreiben, was in mir drin ist. Das ist sehr wichtig für mich. Ich fühle, dass ich mich in eine bestimmte Zielrichtung bewege. Es ist aber nicht Lady Gaga und es ist nicht so wie [führt ein paar anschauliche und witzige Tanzbewegungen vor].

Hörst du neben Lady Gaga auch ein paar deutsche Künstler?
[Lacht] Ich kenne ein paar Klassische…und Rammstein. Grönemeyer ist auch sehr gut!

Wir sehen dich eigentlich nur Musik machen. Was machst du denn sonst so in deiner Freizeit?
[lacht] Ich mag es, viel Zeit zu Hause zu verbringen. Aber ich mag auch die Natur. Ich liebe Fischen! Und ich mag es, Sachen mit meiner Familie und meinen Freunden zu unternehmen,…
…Scrubs zu gucken…
Ja, oh ja! Ich mag ein paar Fernsehsendungen. Aber vor allem in den wärmeren Monaten ist es so großartig die Zeit draußen zu verbringen. Eigentlich bin ich ziemlich langweilig. Ich mache keine Partys oder so etwas.

Eine letzte Frage noch: Man findet nirgends wie alt du bist?
Was denkst du, wie alt ich bin? Aber sei ja vorsichtig!
So um die 37 bis 40?
[lacht] Oh nein, ich bin erst 31! Aber 40 ist gut! [lacht immer mehr] Das hat bisher noch niemand gesagt. Ich denke, das liegt am Bart.
Würdest du ihn abrasieren?
Oh nein, bloß nicht. Ich würde wie ein Kind aussehen – wie 12 Jahre alt!

Hast du zum Abschluss noch einen Satz auf Deutsch?
Vielen Dank für deine Liebe!

Beim anschließenden ausverkauften Konzert präsentierte sich Fitzimmons wieder einmal in best gelaunter Verfassung. Zunächst eröffnete jedoch die amerikanisch-holländische Sängerin Laura Jansen am Klavier hinreißend niedlich und zauberhaft schön den Abend. Auf muntere und fröhliche Art und Weise sang sie von ihrem Liebesunglück und präsentierte ein unglaublich schönes Cover von „Use somebody“ von Kings of Leon.
Die erste Hälfte seines Auftrittes bestritt anschließend Fitzsimmons alleine mit seiner Akkustikgitarre, bevor er seine restliche Band auf die Bühne holte. Interessant war dabei wieder einmal dieser Kontrast zwischen traurigen Liedern und den Witzen und lustigen Sprüchen des Amerikaners. So passierte es, dass er voller Freude ankündigte, den nächsten Song dem Publikum widmen zu wollen und dann beim Blick auf die Setlist feststellte, dass der nächste Song „Your broke my heart“ war. Aber genau das ist es, was seine Konzerte ausmacht und weshalb viele Menschen den sympathischen Sänger so lieben. Dass er live zusätzlich mit Band spielt, hat dem ganzen Auftritt noch mehr Abwechslung und musikalische Farbenvielfalt verliehen.
Nach knapp 1 ½ Stunden, 14 Songs und zwei Hände voller Anekdoten war der lustige, zum Nachdenken anregende aber insgesamt schöne Abend vorbei.

PHOTOS: René Berger

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One Response to “William Fitzsimmons : Interview”

  1. […] wird es auch mit William Fitzsimmons geben. Der Sänger und Songwriter, letztes Jahr bei uns im Interview,  ist zwar auch kein Unbekannter mehr, aber das mögen die Besucher des Immerguts den […]