Crookers : Interview

Das Mailänder DJ/Produzententeam Andrea “Bot” Fratangelo und Francesco “Phra” Barbaglia alias Crookers haben in den letzten Jahren allerhand Aufmerksamkeit bekommen, zuerst in der heimatlichen Electroszene, dann als Remixer von Leuten wie Britney Spears, Armand van Helden und vor allem Kid Cudi auch im westlichen Pop- und Clubmainstream, den Charterfolg mit Cudis “Day’n'Nite” eingeschlossen. Jetzt steht endlich ihr Debütalbum Tons of Friends in den Läden und der Titel darf dabei wortwörtlich genommen werden: Jedes der zwanzig Stücke hat mindestens ein Feature, angefangen bei großen Namen wie Kelis, Will.I.Am und Róisin Murphy bis hin zu The Very Best, Major Lazer und Soulwax. Wir wollten von den beiden wissen, wie das so ist, wenn der Black-Eyed-Peas-Mastermind deine Nummer will, man vor Ms Murphy vorsingen muss und wie am besten von Switch klaut.

Hallo, ich habe vorhin noch ein Video mit Will.I.Am gesehen, in dem er behauptet, ihr würdet kaum Englisch sprechen. Ich dachte wir fangen deshalb mal besser auf Italienisch an: Come state ragazzi? (Wie geht es euch?)
BOT: Wir verstehen es jetzt, aber vor zwei Jahren als wir ihn in Sydney trafen war es wohl noch schlimmer.
PHRA: Aber come state ragazzi ist gut. Mir geht es gut; ein bisschen übernächtigt vielleicht.

Das geht doch. Wie habt ihr das Zusammentreffen mit ihm damals erlebt?
BOT: Er war in einem Club dort und der DJ spielte unseren “Salmon Dance Remix”, den er anscheinend sehr mochte und sich nach ihm erkundigte. Als der DJ ihm erzählte, dass wir am nächsten Tag in der Stadt spielen würden, kam er direkt vorbei und stellte sich uns vor. Es war bizarr.
PHRA: Wirklich seltsam. Wir haben seine Telefonnummer in eine neue SMS getippt, und dann aber so viele weitere an unsere Freunde geschickt, in denen wir ihnen davon erzählten, dass wir den offenen Entwurf mit seiner Nummer wieder verloren. Für uns war das aber ein guter Anfang zu sehen, dass er mit uns abhängen will, schließlich war noch alles recht neu für uns.

Super gemacht, Jungs! Wie seid ihr denn dann wieder zusammengekommen?
PHRA: Wir sind für zwei Tage nach London gekommen, um abgedrehte Beats für ihn und das Black Eyed Peas Album aufzunehmen. Dann haben wir ihm noch ein paar andere geschickt. Der, der jetzt auf Tons of Friends ist, stammte aus einer Aufnahmesession in unserem Hotel dort, als wir erstmals eine neue Software ausprobierten. Dann haben wir noch einen weiteren Beat verwendet, der ursprünglich für BEP war, aber jetzt bald als unser Song erscheinen wird.

Als ihr vor fünf Jahren mit den Crookers angefangen habt, waren Will und seine Band bereits globale Superstars. Schwebten euch derartige Kollaborationen damals schon vor?
PHRA: Nein, wir hatten keinerlei Erwartungen.
BOT: Es ist großartig, dass große Namen wie er mit uns arbeiten wollen, aber genauso toll ist es auch, mit unbekannten Leuten zusammenzuarbeiten. Ich glaube, wenn man etwas nur mit dem Gedanken aufnimmt, was man damit erreichen könnte, dann wird es schlecht.

Es ging dann alles ziemlich schnell: Als ich euch endlich das erste Mal 2008 bei Radio Soulwaxmas in Berlin live gesehen habe, fühlte ich mich wie die allerletzte Person auf diesem Planeten, die das noch nicht getan hatte. Im Prinzip kennt man euch also schon recht lange. Warum hat es so lange mit dem Album gedauert?
PHRA: Weil wir wie verrückt getourt haben…
BOT: … und weil durch diese Blogsache und Superüberkommunikation alles super schnell ging. Von “niemand kennt dich” zu “alle reden über dich” kann es mittlerweile nur noch zwei Monate dauern.

Trotzdem hätte ich das Album früher erwartet.
BOT: Unsere Plattenfirma auch, aber wir haben vom ersten Tag an daran gearbeitet, sogar weit bevor wir überhaupt ein Label hatten.
PHRA: Wir haben so viele Beats, um die 200 unbenutzten. Es brauchte einfach seine Zeit, um die richtige Form für das Album zu finden.
BOT: Wir wollten wirklich zufrieden mit ihm sein.

Clever wie ihr seid, habt ihr sogar ein paar Beats recyclet, etwa den für ”No Security” mit Kelis.
PHRA: Wir verwenden viele Beats wieder, weil allerhand Remixe abgelehnt werden. Manchmal auch von großen Namen. Heutzutage fragen die einen Clubmix an und wollen in Wirklichkeit einfach eine weitere Version des Songs für das Radio. Aber so läuft ein Remix mit uns nicht.

Trotzdem waren schließlich die Remixe für euren Durchbruch verantwortlich. Hat es euch überrascht, dass nicht die für Britney oder Timbaland, sondern der für den eher weniger bekannten Kid Cudi euer bis heute größter Erfolg wurde?
PHRA: Ach, da gibt es eine große Zufallsgröße. Mancher funktioniert eben gut, ein anderer nicht.
BOT: Mit diesem Remix waren wir am Anfang nicht sehr glücklich: Das Label packte ihn nicht auf die Vinysingle, gab ihn nur als Download frei, und wir spielten ihn nicht in unseren Sets, weil er wohl etwas zu melodisch war.

Am Ende wurde es euer größter Erfolg bis jetzt und ist nun als lustiger Acappella Skit auf Tons of Friends zu hören. Lasst uns einmal darüber sprechen. Es wirkt als hätte jemand versucht eine neue, aber coole Live-Aid-Single aufzunehmen und dann ist das Ganze aber in zwanzig Einzelteile zerfallen. Wie seid ihr mit all diesen Leuten zusammengekommen? Spank Rock soll ja ursprünglich zu euch in das Studio gekommen sein, um euch zu interviewen.
PHRA: Ja, das war merkwürdig. Er kam und fragte, ob es möglich wäre, eine sehr kurzes Interview zu machen. Danach erzählten wir ihm von all den Leuten, mit denen wir gearbeitet hatten und meinte: “Cool, ich will mitmachen, aber mit diesem Mic hier.” Da wir zuvor großen Spaß mit ihm hatten, ließen wir ihn einfach etwas rappen.
BOT: Alles war purer Zufall. Der Beat war etwa am Vortag entstanden, als gar nichts zusammenlief, weshalb wir nur ihn gemacht hatten. Und dann kam Spank Rock am nächsten Tag und hat einfach drüber gerappt.

Auf eurer Seite ist ebenfalls ein Video zu sehen, dass euch mit  Dave “Switch” Taylor im Studio zeigt. Die Situation erinnert dort irgendwie an den Meister und seine zwei Lehrlinge.
BOT: Das war ein besonderer Moment: Wir nahmen dieses Mädchen aus New York (Carrie Wilds) auf und er übersetzte uns.
PHRA: Es war Carrie. Wenn wir mit anderen Produzenten zusammenarbeiten, können wir ihnen etwas direkt erklären. Aber als wir mit ihr im Studio waren, brauchte es Dave, um die Details und Feinheiten für sie ins Englische zu übersetzen. Wir und Switch können uns unsere Vorstellung unterhalten und er versteht es sofort, der / die SängerIn vielleicht nicht. Außerdem muss man dabei sehr geschickt und nett sein, auf die Psychologie achten.
BOT: Róisín Murphy fragte uns manchmal auch, was sie an bestimmten Stellen singen solle. Wir meinten: “Wir wissen es nicht, sing einfach darüber.”
PHRA: Wir können ihr nur sagen, dass sie so singen soll, dass es uns gefällt. Aber wie man sehen kann, ist es ziemlich schwierig vor Róisín Murphy zu stehen und “Ahlalala…” zu singen. Da fühlt man sich sehr dumm. Für uns ist dementsprechend schwierig mit wenigen Worten zu erklären, es sei denn auf Italienisch natürlich, aber  Dargen (D’Amico) war der einzige italienische Gast diesmal. Switch hat uns über diese Sprachbarrieren hinweggeholfen. Vom ersten Tag unseres Bestehens an ist er einer unserer Haupteinflüsse gewesen.
BOT: Während dieser Zeit machte er eine Sound wie niemand anderes sonst, also haben wir ihn gefragt, ob er uns beim Mixen helfen wollte. We wanted to steal him some secrets!

Also seid ihr mit ihm beim Mixen durch das ganze Album gegangen?
PHRA: Einige Stücke sind von ihm, andere nur von uns. Und wir wollten, dass David Dewaele von Soulwax “We Love Animals” mixt, denn wir mögen total ihren Sound, sogar obwohl er exakt genauso wie unsere Clubtracks klingt – es gibt einen großen Kick und keinen wirklichen Gesang.

Letztendlich ist es aber ein sich ganz ordentliches, sich-Schritt-für-Schritt-entwickelnder Opener geworden.
PHRA: In der Tat. Aber die meisten Leuten sagen, er würde keinen Sinn machen, da hier auf das wohl längste Intro aller Zeiten ein sehr kurzes Stück trifft.

Neben Soulwax und Switch gibt es zwar viele, weitere Kollaborationen, aber darunter finden sich mit einigen wenigen Ausnahmen wie Radioclit / The Very Best kaum Produzenten aus eurer Generation.
BOT: Wir bevorzugen es, die Produktion bei uns selbst zu belassen.
PHRA: Es war ein sehr eigenartiges, italienische Lied, das wir gemacht hatten und hatten an Radioclit gesendet hatten, aber sie meinten, es wäre gut und sie könnten mit den Beats arbeiten, nur nicht mit dem Gesang, haha. Also haben sie es zerstückelt und an Esau Mwamwaya gesendet, der dann den vocals seinen Stempel aufgedrückt hat. Dann haben wir es wieder geremixt. Überhaupt verändern wir Dinge kontinuierlich – einen Remix eines Remixes eines Remixes anzufertigen ist eine gute Herangehensweise für ein Album.

Sieht so aus, als ob Tons of Friends eher ein Mixtape denn ein Album ist.
PHRA: Es ist das Mixtape vom Remix der eigentlichen Platte.

Und es gibt ein sehr aussagekräftiges, interessantes Bild, wie ihr genau das gemacht hat, in den Aufnahmen aus New York zu sehen. Da sitzt Bot ganz alleine an diesem großen Studiotisch mit all den Anlagen um ihn herum und benutzt ausschließlich seinen kleinen Laptop.
BOT: Wir mögen es, in diesen riesigen Studios zu sein mit all den Geräten dorten, aber das einzige, um das wir dort bitten, ist ein Mini-Jack-Kabel, um den Computer anschließen zu können.
[Am selben Laptop sucht Bot während des gesamten Interview nach der geleakten Version des Albums, von der ich ihm erzählt habe.]
PHRA: Es ist wirklich seltsam.

Aber warum seid ihr bei diesem kleinen Ding hier geblieben?
BOT: Weil wir ohne Geld angefangen haben, also haben wir gecrackte Software benutzt. Jetzt haben wir zwar das Geld und ein paar Synthesizer, aber es ist immer gut seine Musik überall mit dem Laptop aufnehmen zu können. Und wenn etwas wirklich besser klingen oder gemixt werden soll, kannst du ja noch immer eine Maschine nehmen. Wir waren auch überrascht, wie Switch ihn benutzte. Er kann damit Sounds wie niemand sonst machen und das alles nur auf diesem Laptop.

Wärt ihr auch in der Lage gewesen, es ohne Computer aufzunehmen?
BOT: Nein! Aber letztendlich macht das wirklich keinen Unterschied. Wenn die Idee nicht gut ist, kannst du zwar all diese tollen Geräte und Instrumente aus den 1970ern um dich herum haben, aber es klingt trotzdem nicht toll. Es ist cool solche Sachen zur Verfügung zu haben, aber am Ende nutzen alle nur ihre Computer.

Letzte Frage an euch als Softwarefanatiker mit Hip-Hop-Background: Warum gibt es kein Autotune auf Tons of Friends?
PHRA: Das wäre zuviel! Vor drei Tagen habe ich ein Lied von Riva Starr damit gehört. Zuerst war ich echt aufgeregt, aber als die Vocals hörte, war alles kaputt. Autotune is over! Wir haben es nur ganz wenig bei ”Cooler Couleur” mit Yelle benutzt.
BOT: Abgesehen davon haben wir es auf dem ganzen Album nicht verwendet. Alles ist out of tune.

Crookers Tons of Friends ist bei Ministry of Sound / Warner erschienen.

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