Zola Jesus : Interview

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Homo homini lupus. Der Geist von Hobbes und Plautus schwebt im Raum als wir Niki Roza Danilova zum Interview in Berlin treffen. Die mittlerweile 21 Jahre alte, unglaublich talentierte Kalifornierin russischer Abstammung hat uns vor kurzem unter der Flagge von Zola Jesus mit ihrem europäischen Debütalbum Stridulum II förmlich attackiert. Mag das Werk letztendlich doch nur ein Update der Sacred Bones Records EP gleichen Namens – ihre bis dato achte Veröffentlichung seit der ersten Soeur Sewer EP vor nur zwei Jahren auf dem selben Label, darunter das eigentliche Debütalbum The Spoils – sein, auf diese Länge gedehnt, erleben wir die Musik wie einen schwarzen, schweren Monolithen, der beinahe in Zeitlupe über unsere Brust walzt, uns mit unseren innersten Ängsten einsperrt und sich doch gerade noch in den äußersten Grenzen des Pop bewegt.

Diese Art der (bewussten) Überanstrengung kann in letzter Konsequenz auf der Bühne nur einen figurativen Kampf bedeuten. Die Künstlerin bestätigt: “Es mag vielleicht weniger zugänglich sein, aber wenn ich da oben stehe, dann bin ich sehr aggressiv”, erklärt Nika, während sie im gigantischen, ausgemusterten Terminal des Flughafen Tempelhofs sitzt, einst einst vom Nazi-Architekten Ernst Sagebiel aus Görings Entourage entworfen, nun Heimstätte des Berlin Festivals. “Du musst dich als Überlebenskünstlerin in jedem noch so kleinen Teil des Lebens erweisen. Sei stark, pass auf dich auf. Manchmal ist es gut, eine Kriegerin zu sein.”

Wo finden wir die Wurzeln dieser Einstellung?
Ich bin mit einer Mentalität aufgewachsen, dass du alles im Leben erreichen kannst, aber dafür auch sehr hart arbeiten musst. Es wird nicht einfach sein, dorthin zu gelangen, und es wird es auch nie werden. Somit war ich vorbereitet darauf, stets so hart wie möglich zu arbeiten. Wenn ich mir heute etwas vornehme, dann bereite ich mich immer auf das schlimmstmögliche Gefecht vor. Und das ist die Musik etwa für mich jeder Zeit, denn ich bin sehr selbstkritisch.

Hast du in diesen Schlachten bereits große Niederlagen erleiden müssen?
Gewissermaßen. Es gibt viele Dinge im Leben, denen ich mich stellen muss, mal mein Leben lang, mal tauchen sie auf und verschwinden gleich wieder. Aber letztendlich ist es immer der Kampf mit mir selbst und meinem Platz in dieser Welt. Was jetzt vielleicht sehr allgemein klingen mag, aber ich glaube tatsächlich, dass das Wichtigste im Leben ist.

Für mich hat das etwas von den typischen adoleszenten Wirrungen.
Nicht im geringsten. Ich etwa habe mich überhaupt nie adoleszent gefühlt, ich habe das einfach übersprungen. Es geht nicht darum, wer du bist, ein Doktor oder Banker. Vielmehr geht es darum: Bin ich menschlich? Bin ich weiblich oder männlich, tot oder lebendig? Das sind die wahren Fragen. Oder, bin ich ein Tier oder mehr als das? Ich weiß, dass fast alle Menschen glauben sie wären tatsächlich weiter, aber de facto sind wir vielleicht genauso wie die Hunde auch.

Was sind das für Momente, in denen du deine tierischen Instinkte die Kontrolle über dich gewinnen spürst?
Wenn ich auf der Bühne bin. Ich habe große Angst. Da bin ich wie ein einsamer Wolf, der einem ganzen Rudel anderer Wölfe in die Augen schaut. Du musst beweisen, dass du dich da oben alleine behaupten kannst. Du kannst keinen Rückzieher machen, weil du merkst, dass sie dich dann jederzeit attackieren könnten. Was sie auch so in gewisser Weise machen. Die Leute sind sehr kritisch.

Also fürchtest du ihre Meinungen?
Ja.

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Die Wölfin betritt die Bühne.

Glaubst du, dass sie gehobene Ansprüche an dich stellen, eine ähnlich extrovertierte, exzessive Rundumpräsentation wie die einer Fever Ray, mit der du auf Tour warst, oder einer Lady Gaga oder M.I.A. von dir erwarten?
Nun, das ist ja wiederum kaum real. Alles muss eine riesige Show und ein billiges Vergnügen zugleich sein. Denn die Leute langweilen sich schnell. Sie brauchen dauerhafte Stimulation, eine magische Show vor ihren Augen. Da versuchen die KünstlerInnen natürlich, einfach alles weiter zu verstärken. Ich möchte aber damit brechen, es zerstören. Ich bin ich. Ich verstecke mich nicht, trage keine Maske. Das ist das Wahre.

Macht sich die Kriegerin damit nicht wieder angreifbar?
Ja, aber ich versuche mich angreifbar zu machen, weil ich denke, dass ein kleines Massaker im wesentlichen auch dazugehört.

Etwa nur aus Spaß und Lust wie in den alten, römischen Amphitheatern?
Nein, das ist einfach etwas, woran du wächst. Indem du dir einfach diese ganze Show, diese Rüstung abstreifst. Dann können die Leute zu dir gelangen und du kannst sie mit deinem Körper und deiner Stimme wieder abwehren.

Hat das für dich eine nihilistische Komponente?
Nicht mutmaßlich. Aber ich sehe mich selbst als recht nihilistische Person, ja.

Du hast bereits mit zehn Jahren begonnen, Opern zu singen. Wann kamen da die ersten Ideen deines heutigen Stils und Denkweise auf?
Das weiß ich nicht. Zuerst war die Oper reiner Spaß für mich, aber dann wurde ich sehr ernsthaft und erreichte einen Punkt an dem ich sehr diszipliniert war und gerade sehr viel Selbstdisziplin besaß. Aber wenn du dort angelangt bist, beginnst du dich selbst auf eine verstärkt kritische Weise mit dir auseinanderzusetzen. Da war ich zwölf oder dreizehn Jahre alt.

Hast du mehr Druck auf deinen Schultern verspürt als andere ZeitgenossInnen damals?
Ja, aber diesen Druck habe ich mir ganz allein selbst auferlegt. Ich habe mich sehr hohen Ansprüchen verschrieben, weit über jene hinaus, denen sich wohl selbst eine 21-Jährige unterlegen sollte. Aber ich denke, dass so der eigene Fortschritt angetrieben wird. Wenn du dich selbst unter ein Mikroskop packst und dich dazu bringst, an sich unmögliche Dinge zu vollbringen.

Dennoch erwartet die moderne Gesellschaft von dir perfekt zu sein. Alles gleichzeitig und mit links zu handhaben, ohne Beschwerden.
Aber ich finde es viel ermächtigender, die Anforderungen der Gesellschaft abzuweisen und an deren Stelle deine eigenen Regeln ob deiner Ziele im Leben aufzustellen. Ansonsten wäre auch ich heute irgendein Businesstrottel in irgendeinem Hochhaus irgendwo.

Stattdessen hockst du in alten europäischen Flughäfen, um Interviews zu führen. Vielen Dank, kleine Kriegerin.

Zola Jesus tritt heute Abend mit Xiu Xiu und dem gemeinsamen Projekt Former Ghosts live im Berliner Festsaal Kreuzberg auf. Alle weiteren Termine findet ihr hier. Sowhol die Stridulum II LP als auch die neue Single Poor Animal (nicht auf dem Album enthalten) sind kürzlich bei Souterrain Transmissions erschienen. Das Stück “Sea Talk” vom Album könnt ihr euch hier kostenlos herunterladen und nachfolgend als Video angucken.


Zola Jesus : Sea Talk (Video gedreht von Jacqueline Castel)


Zola Jesus : Night (Ein weiteres Video, gedreht von Jacqueline Castel)

PHOTOS by Christoph Paul

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