Totally Enormous Extinct Dinosaurs : Interview

Solltet ihr jemals auf der Straße einen Mann in einem Dinosaurierkostüm antreffen, der behauptet, sein Vater sei Professur in Oxford und die schönste Musik aller Zeiten wurde vor gut 300 Jahren in der deutschen Provinz geschrieben, dürft ihr wohl nicht zu unrecht den Wahn hinter seinen Augen vermuten. Anders würde sich die selbe Begebenheit aber im Club des Vertrauens ausnehmen; dann solltet ihr besser aufpassen, was ihr Orlando Higginbottom alias Totally Enormous Extinct Dinosaurs entgegnet. Seitdem vor rund anderthalb Jahren alles mit der übersprudelnden Debüt-EPAll In One Sixty Dancehalls begann, ist die Anhängerschaft des Talents aus dem Oxfordshire stetig gewachsen. Unter anderem avancierte das Video zu seinem Duett mit Louisa Gerstein, “Garden”, zu einem Semihit auf Youtube.

Und er ist nicht das gewöhnliche next big thing von drüben. Was nicht nur an seinem breiten musikalischen Fachwissen und Interesse liegt, einschließlich einer mit Francesco Tristano geteilten Leidenschaft für Johann Sebastian Bach einerseits und seiner mit der kongeniale Labelheimat Greco-Roman verbundenen Liebe für jede mögliche Unterart elektronischer Musik andererseits. Nein. Und auch nicht allein an seiner Fähigkeit, unterhaltsamen, klugen und zugleich frischen Electro-House produzieren zu können. Viel mehr ist es seine kondensierte musikalische Hauptthese: Popmusik ist eine Tragödie.

Es war schlicht an der Zeit diesen Zugang, die Maskerade und die Zukunft zu besprechen. Schließlich finden wir unweit einer alten Videokonsole im Backstage des Berliner Magnet Clubs zusammen:

“Hey, entschuldige bitte! Ich habe seit Jahren nicht mehr Sonic 2 auf einer echten SEGA gespielt.”

Schön, dass du dich amüsiert hast! Warst du früher ein Computer- oder Videospielfanatiker?
Nein, aber dieses Spiel Civilisation für Mac war verdammt großartig. Die Idee, die ganze Welt zu erobern, fand ich als mit sechs, sieben Jahren ziemlich cool. Und durch das Spiel konnte ich in diesem Alter bereits eine Karte der Welt zeichnen, also war es wohl auch lehrreich.

Letzten Endes bist du, statt eines zweiten Napoleons, Musiker geworden und dich dabei auf deinen ersten drei EPs sukzessive weiterentwickelt. Die dritte und aktuelle Household Goods EP wirkt da gewissermaßen wie der Hybrid der beiden Sixty Dancehalls EPs zuvor.
Ja, die dritte EP war ebenso Teil der Serie und somit war das abzusehen. Ich sehe sie und die zweite als eine Vereinigung, da sie sich in der gleichen Klangwelt für mich bewegen. Aber meine Musik ist nie geplant. Ich schaue einfach immer, welche Lieder ich gerade zur Veröffentlichung bereit habe.

Trotzdem scheinst du dabei deinen Sound gefunden zu haben. Und obwohl die drei Stücke auf der EP einen noch stärkeren, gemeinsamen Kern zu haben scheinen als ihre Vorgänger, unterscheiden sie sich doch stilistisch erneut sehr stark.
Für mich ist es wichtig das Dance Music sich nicht nur in einer einzigen BPM-Rate bewegt. Alle Stile sind gut und alle untereinander verbunden. Es gibt immer einen Bass, Drums und eine Melodie. Und wenn es dann ein gutes Lied ist, dann ist eben ein gutes Lied. Es sollten noch mehr Produzenten sich am Schreiben in anderen Stilen versuchen, denn ich denke, sie würden fantastische Musik machen. Stell dir einmal Skream mit einem Tech-House-Stück vor. Das wäre absolut abgefahren.

Oder möglicherweise das komplette Gegenteil.
Das kannst du nie wissen. Was kann schon schiefgehen? Ich glaube, dass die Fans heutzutage gelassener sind und die Produzenten sich selbst herausfordern hören wollen. Durch das Internet und Annie Mac haben sich die Dinge gewandelt. Ich spüre, dass einem heute mehr durchgelassen wird. Als ich mit meinen ersten Sets anfing, hatte ich noch Angst, dass die Leute es hassen könnten. Durfte ich zum Beispiel nicht mehr Electro-House spielen? War es plötzlich so uncool geworden? Und dann habe ich mir gesagt: Fuck it!

Wie fühlt es sich, Annie Mac oder Greco-Romans Joe Godard (Hot Chip) als Unterstützer hinter sich zu wissen?
Die Szene ist sehr freundlich und umsorgend. Die Leute bemühen sich, sich um dich zu kümmern. Annie Mac und die anderen BBC Radio 1 DJs haben mich unter ihre Fittiche genommen, ob bewusst oder nicht, und das fühlt sich erstaunlich an. Aber gerade in Großbritannien haben sich die Leute schon immer mehr für Untergrundsachen interessiert, also könnte es durchaus härter werden, sobald ich Erfolg habe, haha.

“Ich versuche, fröhliche Lieder zu schreiben, aber sobald ich einen Synthesizer oder ein Klavier spiele, wird es tragisch.”

Dort werden auch Untergrundgenre sehr schnell und oft in ebenso blutleere wie paradoxerweise erfolgreiche Abziehbands kanalisiert. Gerade etwa Modstep in puncto Dubstep.
Sein Gesicht bei dem Namen verziehend: Da kannst du nicht das Geringste dagegen machen. Wenn du 13 bist und anfängst Radio zu hören, dann kennst du die ganze musikalische Vorgeschichte nicht und springst direkt dorthin, wo sich alle gerade aufhalten. Das ist normal und auch der Grund, warum sich alles so schnell weiterentwickelt. Gruppen wie Modstep wird es immer geben und dann wieder eine Gegenreaktion darauf. Aber für viele Leute, die dem Dubstep anhängen, kann eben mit einem einzigen Künstler alles vorbei sein. So war es auch mit Pendulum und Drum’n’Bass. Das war der Punkt, an dem viele Leute, mich eingeschlossen, die das Genre jahrelang gemocht haben, sich abwendeten. Ich selbst will einfach nicht jemals ein Album zurückhalten müssen, nur weil es den Leuten nicht mehr gefallen könnte. Vielleicht muss ich das mal, aber ich hoffe nicht.

Stattdessen nimmst du dir – wie auch James Blake und andere hoffnungsvolle Neulinge – viele unterschiedliche Stile und Einflüsse zur Brust. Glaubst du, dass dieser Ansatz genuin für eure Generation von Musikproduzenten ist?
Vielleicht. Ich weiß, dass das passiert, aber ich bin nicht sicher, warum es das tut. Wenn du heute als Jugendlicher Musik machen willst, brauchst du keine Band mehr, sondern nur einen Computer für den Anfang. So begeistern sich Abertausende dafür. Hier steckt eine Menge Liebe drinnen und das spüren die Leute. Sie sehen die Sorgfalt, die auf das Schreiben und Aufnehmen der Musik verwendet wird. Das wird allgemein unheimlich wertgeschätzt, gerade bei James Blake, denn er ist nicht nur wirklich talentiert, sondern bemüht sich um jeden einzelnen Klang. Es ist einfach eine gute Zeit gerade.

TEED hingegen waren auch einmal ein Duo.
Nicht ganz. Am Anfang war ich es allein, dann hat Boxman (Edmund Finnis*) mich ein Jahr live unterstützt. Jetzt ist er Komponist seriöser Musik für Orchester und Opern. Ich wiederum habe nun Tänzerinnen auf der Bühne und manchmal ist Louisa (von Lulu and the Lampshades) aus “Garden” mit dabei.
*Finnis und Higginbottom sangen bereits als Kinder gemeinsam im Choir of New College Oxford, der von Orlandos Vater Edward angeleitet wurde.

Dieses Lied ist ein perfektes Beispiel für die Besonderheit deiner Musik, abgesehen von der Diversität: Es gibt immer einen gewisses Sentiment der Melancholie.
Ich versuche, fröhliche Lieder zu schreiben, aber sobald ich einen Synthesizer oder ein Klavier spiele, wird es tragisch. Und ich denke, dass etwas Tragisches in sowohl dem Clubben als auch der Popmusik liegt, ebenso in der Tatsache, du und ich zu sein.

Was bedeutet das für dich genau?
Vereinfacht gesagt: Du gehst für eine Nacht feiern mit den Träumen dieser Nacht im Kopf: Ich werde mich betrinken, ein Mädchen küssen, eine famose Nacht haben… bla, bla. Meistens passiert das aber eben nicht und du kommst leicht enttäuscht nachhause. Und selbst wenn du eine tolle Nacht hattest, bist du zwei Tage später bereits traurig, dass sie vorbei ist. Für mich ist Dancemusic voller Nostalgie, was ein sehr starkes Gefühl ist und wie sich hoffentlich auch meine Musik anfühlt. Am besten hörst du sie an einem Mittwoch nach dem Wochenende. Das Ausgehen ist so schnell vergangen und man bleibt Musik über Erlebnisse schreibend im Studio zurück, unfähig sich dieser wirklich zu erinnern.

“Ich verkleide mich als Dinosaurier, ich kann nicht cool sein!”

Gewissermaßen widerspricht das dem Geist der Konzerte.
Ja, das ist einfach so passiert. Ich weiß nicht warum, hoffe aber, dass es funktioniert.

Wie viele Dinokostüme besitzt du? Mittlerweile müssten sie sehr verschwitzt sein.
Die sind noch in Ordnung. Die der Mädchen sind schlimmer. Zudem sind meine waschbar, da sie einen Schwanz haben; aber nur von Hand. Es sind insgesamt zwei grüne und je ein schwarzer, hellblauer und afrikanisch bedruckter Anzüge. Der Schwarze ist mein Favorit. Nina (Rebina), die auch bei mir tanzt, entwirft die Kostüme, daher ich rufe ich sie immer an sobald ich hundert Pfund zusammen habe.

Und sie lassen dich auch bisweilen modisch aussehen. Gab es schon Anfragen aus der Modeindustrie für eine Kooperation? Zufälliger Weise bist du ja auch immer genau zur Modewoche in Berlin.
Ja, ich habe mit Designern zusammen meine Kopfbedeckung entworfen, aber ich habe nie Modeaufnahmen oder dergleichen gemacht. Ich sage ja auch nicht, dass ich modisch bin oder das hier cool ist. Ich verkleide mich als Dinosaurier! Ich kann so nicht cool sein und ich versuche es auch nicht. Eigentlich versuche ich genau das Gegenteil indem ich den Konzertbesuchern sage: Seid ihr selbst, entspannt euch und habt Spaß, denkt nicht über irgendetwas nach, denn der Typ auf der Bühne macht einen Affen aus sich, weil er als Dinosaurier verkleidet ist.

Das Ganze erinnert mich an Max und sein Wolfkostüm in Where the Wild Things Are. Siehst du das spielerische Verkleiden auch als eine Flucht vor irgendetwas?
Eskapismus? Wahrscheinlich, ja. Musik ist oft auch Eskapismus und das spielt hier wohl mit rein. Manchmal glaube ich, dass ich Musik schreibe, die eine Fluchtmöglichkeit ist. Aber ich weiß nur, dass ich sie genieße und mich in der Lage, das auch noch ein paar Jahre weiter so zu machen. Ich kann Geld verdienen und die Leute mögen es, so läuft das. Es gibt keine große Philosophie dahinter.

Keine Agenda, keinen Subkontext?
Natürlich nicht.

Wieso natürlich nicht? Warum verweigern sich mittlerweile selbst konzeptionell durchdacht agierende Künstler, wie du es auch bist, jeder Art persönlicher oder ästhetischer Agenda?
Vielleicht brauchen wir mehr Poeten, aber ich… Okay, pass auf! Wenn ich eine Agenda habe, dann ist es die, zu unterhalten. Aber es gibt keine tiefere Bedeutung oder Klischees in meinen Texten. Ich hoffe nur, dass die Leute irgendwo gerade meine Lieder summen. Wenn ich ernste Musik schreiben wollen würde, wäre das zeitgenössische klassische Musik. Die schönste Musik der Welt stammt von Bach und warum sollte ich versuchen, mich daran zu messen? Wenn ich versuchen würde tief und bewundernswert zu sein, dann würde ich nur Klavier und die Musik anderer Leute spielen.

“Greco war das perfekte Zuhause für mich, aber es gibt ein anderes Label für mich.”

Rührt das alles von deinem Vater Edward her, der Professor für Chormusik an der Universität Oxford ist?
Von meinem Vater und meiner Mutter. Ich lernte schon sehr früh, einen CD-Spieler zu benutzen, und habe Unmengen Alben gehört. Ich liebte es, Klavier zu spielen, sang als Kind im Chor. Das war alles sehr wichtig für mich. Die klassische Musik ist eine ernste und unglaubliche Angelegenheit, aber ich mache etwas Leichtes. Die Melancholie, die Tragödie meiner Musik… sie ist heftig, aber sie passiert eben einfach. Ich denke darüber nicht nach.

Tauschst du dich mit deinem Vater über deine Musik aus?
Ja, er will, dass ich sie stärker verändere, Ideen weiterentwickle. Für ihn macht ein einziger Loop, der sich durch ein ganzes Lied zieht, was ja schließlich gute Dancemusic ausmacht, keinen Sinn. Er liebt Minimalismus, Reich und Cage, aber ich glaube, dass Techno jenseits seiner Verständnismöglichkeiten liegt. Aber gerechterweise muss man sagen, dass wenn jemand sein ganzes Leben der klassischen Musik gewidmet hat, dann fühlt sich Techno mit Sechzig-plus absolut wesensfremd an. Ich kann hingegen die Energien von beiden spüren, aber wie willst du das nun wieder erklären?

Es sind nahezu identische Ansätze, aber unterschiedliche Techniken. Wo wir beim Komponieren sind; wie steht es um dein Debütalbum?
Das Album wird gerade geschrieben und ich muss es in drei Wochen fertig haben, so dass es im Sommer erscheinen kann. Vielleicht wird es ein paar Gastbeiträge geben. Gerade nehme ich ein paar Leute auf und sehe, wohin das führt. Man muss die Dinge ausprobieren. Nun machst du ein Album, einen ganzen Querschnitt. Viele Leute werden sich das anhören. Wie präsentierst du das? Es hat mich seit einigen beschäftigt, also muss es jetzt richtig werden, die richtige Botschaft vermitteln.
Und ich werde für das Erste nicht weiter bei Greco veröffentlichen, denn es gibt ein neues Label, einen Major. Aber sie waren das perfekte Zuhause für mich, haben mich dazu befähigt dieses kuriose Projekt umzusetzen.  Ich bin mir sicher, dass wir noch einige Parties und dergleichen zusammen machen werden.

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Später erzählt uns Greco-A&R Alex Waldron, dass Orlandos Pläne einfach zu groß für das kleine Budget des Labels waren, weshalb wir umso gespannter das neue Machwerk erwarten. Auch die Kollaboration mit Riton ist nicht eingeschlafen, allerdings wurden erst zwei Lieder aufgenommen. Ab heute sind Totally Enormous Extinct Dinosaurs aber erstmal als Support von Darwin Deez in Großbritannien und Deutschland unterwegs – alle Termine findet ihr hier. Zusätzlich empfehlen wir ein Interview mit Nina Rebina über ihre Arbeiten in Amelia’s Magazine.

Totally Enormous Extinct Dinosaurs Household Goods EP ist bei Greco-Roman erschienen.


The 2 Bears : The Lunatics (Totally Enormous Extinct Dinosaurs Remix) (Stream)


Totally Enormous Extinct Dinosaurs : Household Goods (Justin Martin vocal remix) (Stream)

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