William Fitzsimmons : Interview

Seine Haare sind weg und auch sein Übergewicht. Kurz geschoren, verloren. Nur der lange Bart ist noch geblieben. Und er hat eine wichtige Einsicht gewonnen. William Fitzsimmons, der singende Psychiater, oder besser: der all-therapierende Sänger (denn seine Lieder verschaffen auch uns Linderung) dachte, er hätte es geschafft. Hätte sich der Welt gestellt und seinen Frieden mit sich selbst gemacht, nachdem er erst über die Scheidung seiner Eltern und dann über die eigene gesungen hatte. Aber er war noch nicht am Ende angelangt.

Bevor er sein neues, viertes Album Gold In The Shadow aufnehmen konnte, hatte Fitzsimmons fast zwei Jahre lang sich dem Schreiben entzogen, während er mit sich selbst kämpfte. Nun ist das Neuwerk als einmal mehr tief berührendes, leicht stärker instrumentiertes Resultat dieses Prozesses, der Karthasis verblieben. Wir haben den US-Amerikaner (der sich sofort rücksichtsvoll entschuldigt, sobald er eigene intime Dinge preisgeben will) in Berlin getroffen, um mit ihm über das Licht am Boden der Tatsachen, die Transformation von Psychologie zu Kunst und das Leben ohne Musik zu sprechen.

“Es war ein Weckruf.”

William, du siehst dünner aus als noch zur letzten Tour.
Dafür gab es gute und schlechte Gründe. Manche waren gesund, andere nicht. Du gehst manchmal durch harte Zeiten und kommst dabei etwas vom Weg ab. Aber ich war zuvor eh zu dick. Jetzt fühle ich mich besser, gesünder und frisch.

Das kommt unerwartet, schienst du dich doch mit dem letzten Album persönlich konsolidiert zu haben. Was waren die schlechten Gründe?
Es war die Zeit zwischen den Alben. Ich hatte viel gearbeitet und für eine lange Zeit gab es in meinem Leben auch eine Essstörung. Wann immer es sehr stressig und hart wird, kann ich wieder in sie zurückfallen. Es ist wie eine Droge. Gewissermaßen war das auch gut, denn man sagt zwar, dass alles sehr dunkel wird, wenn man ganz unten ist, aber mir hat es auch gezeigt, dass ich Hilfe brauchte und Veränderungen tätigen musste. Also habe ich wieder sehr viel gearbeitet.

Bezieht sich der Albumtitel Gold In The Shadow auf diese Erfahrung?
Ja. Ich hoffe er ist schlau gewählt und nicht zu simpel. Es geht um die Idee des kopfüber-in-all-den-Mist-Springens, hinein in die Dunkelheit und nicht mehr vor ihr weg zu rennen. Das wirklich Lustige daran ist, dass ich dachte, das bereits mit Sparrow and the Crow getan zu haben. Es war noch da, ich hatte alles realisiert und wollte da durch, aber es war nur ein Symptom und ich habe niemals wirkliche Hilfe aufgesucht, stattdessen nur eine Geschichte erzählt. Für mich war es ein Weckruf. Aber wenn der nicht geschehen wäre, denke ich, hätte ich einfach über meine nächste Scheidung oder so geschrieben. Und ich glaube nicht, dass das jemand brauchen würde.

“Niemand hört mehr zu, wir reden nur noch.”

Es gab also wieder eine zweite, persönliche Motivation hinter diesem Album – neben der künstlerischen?
Ja, aber dieses Mal eher zeitgleich denn versetzt. Zuvor habe ich mich immer durch etwas gewunden und mich dann von ihm gereinigt. Es gab die Erfahrung und dann kam das Album dazu. Dieses entstand aber Seite an Seite. Ich schrieb über diese Sachen, während ich in Therapie war und versuchte meinen Verstand zu ändern und zu heilen. Ich musste also nicht warten, sondern konnte alles ganz aufnehmen.

Gold in the Shadow folgt einer Konzeptidee, die auf dem DSM-IV, der vierten Edition des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, beruht. War das Album auch ein Versuch, deine eigene Arbeit als Therapeut zu hinterfragen?
Es war zur Hälfte das und zur anderen etwas außerhalb davon. Ein Teil des ganzen Prozesses war es, für eine Weile aus meinem Kopf heraus zu kommen, eine Sache, in der Singer-Songwriter, gut sind, ist es, wirklich, wirklich ichbezogen zu sein. Es geht in Ordnung, ein paar Dinge mitzuteilen, aber wirklich gesund ist das nicht. Ich wollte über diese persönlichen Kämpfe und ihre Psychologie schreiben. Aber die andere Hälfte habe ich mit Leuten gemacht, mit denen ich arbeite, so dass es nicht nur mein Beitrag, sondern auch ihrer ist.

Über dich zu schreiben und über andere Personen: Wie groß ist der Unterschied zwischen diesen beiden Ansätzen?
Es ist wirklich verschieden voneinander. Nur die Emotionalität ist die gleiche. Du kannst im Prinzip über alles schreiben, solang du seine Emotionen verstehst.Wenn du ein menschliches Wesen bist und ganz ehrlich mit dir selbst, dann verstehst du eine Menge an Dingen: Gesetze, Leid und Trauer, Freude. Du musst kein Desaster erlebt haben, um zu wissen, wie sich Schmerz anfühlt. Als Therapeut ist dein Hauptziel Empathie, zu leben als ob du in den Schuhen des anderen stecken würdest. Wenn du also hier sitzt und mein Klient wärst, mir ein von einer großen Nervosität oder Angst vor Schlangen berichten würdest, dann begegne ich dir nicht mit Sympathie oder Mitleid, sondern mit: Wie würde ich mich fühlen, wenn ich du wäre? Glücklicherweise wurde mir das von sehr talentierten Leuten gelehrt. Es ist gar nicht so schwer mit den Emotionen. Die meisten Leuten verbringen einfach nur nicht so viel Zeit damit. Niemand hört mehr zu, wir reden bloß noch.


William Fitzsimmons : The Tide Pulls From The Moon

Lass uns einen Blick auf die Person in deinem Stuhl werfen: Wie gut kannst du die Rolle des ausfragenden Therapeuten von der des in Interviews wie diesen ausgefragten Künstlers trennen?
Es ist seltsam, denn es fühlt sich tatsächlich etwas verdreht an. Wiederum glücklicherweise bin ich einer dieser nervigen Leute, die sich gerne selbst reden hören, deshalb ist geht das für mich sehr in Ordnung. Und wenn Leute von sich etwas anderes behaupten, dann reden sie Mist, denn Musiker wollen ja schließlich auf die Bühne, sich präsentieren und ihre Musik spielen. Das Ziel eines Therapeuten ist es, zu verstehen, und nicht verstanden zu werden. Das ist das komplette Gegenteil vom Leben der Leute, denn 99 Prozent unserer Zeit verbringen wir damit, zu versuchen, verstanden zu werden und niemand hört zu. Deshalb gehen die Leute zur Therapie. Es ist etwas heikel, aber ich habe das hier für die Leute getan, so dass ich verstehe, was der Prozess ist und warum er hilft. Ich habe Zeit in beiden Stühlen verbracht und ich denke, so funktioniert es am besten.

Denkst du es hilft deinen Klienten sich dir gegenüber zu öffnen, wenn sie davon, von deiner Verletzbarkeit wissen?
Absolut. De facto ist das sogar einer der Gründe, warum Menschen sich mit der Musik verbinden. Ich könnte mich irren, aber es gibt da auch etwas Vertrauen, denn die Leute sind viel offener, mir und der Musik gegenüber verwundbar zu sein, weil ich ein Therapeut bin. Sie finden sich also in einer eher angemesseneren Lage, um finster und ehrlich zu sein.

“Ich hatte mit all diesem bedrückenden Mist abgeschlossen, aber auch Angst, nichts mehr übrig zu haben, über das ich hätte schreiben können.”

Wie stellst du sicher, dass deine Beobachtungen und Erfahrungen zu Lyrik, zu Kunst werden und nicht zu analytisch verharren?
Am Anfang der Aufnahmen gab es für mich tatsächlich die Gefahr, das letzteres einträte. Es begann alles wirklich theoretisch und wissenschaftlich wie bei dem Abwehrmechanismus der Intellektualisierung bzw. Rationalisierung: Du behältst alles in deinem Kopf, so dass nichts an dein Herz gelangen muss. Aber ich bin eine allzu emotionale Person, als dass ich jemals durchdrehen würde. Vielmehr begebe ich mich ganz im Gegenteil zu weit in all die emotionalen Sachen und werde zu rührselig. Hier war ich aber sehr behutsam und habe es dem bloßen Status eines Lehrbuchs für Krankheiten entzogen.

Und durch die verstärkte Instrumentierung öffnet sich das Buch musikalisch auch weiter.
Du musst beides haben. Als Sufjan (Stevens) die Staaten-Alben machte, hätte ihnen etwas gefehlt, hätten sie nicht sowohl den verkorkten Historiestoff als auch die sehr emotionalen Dinge in sich getragen. Beide müssen da sein, ansonsten wäre es irgendwie ein leeres Projekt.

Was denkst du ging in ihm vor, als er dieses riesige Projekt, für jeden der 50 US-Staaten ein Album zu veröffentlichen, abbrach? Es schien sein Lebenswerk werden zu können.
Und es wäre unglaublich gewesen. Er hätte das letzte mit 70 beenden können. Ich denke, am Anfang war es ihm Ernst damit. Ambitionen gehen oft mit Kreativität Hand in Hand und er ist wohl eine der kreativsten lebenden Personen überhaupt. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber ich denke auch, dass es ihm etwas langweilig wurde. Er möchte nie das Gleiche am Stück tun. Was irgendwie auch wieder eine Schande ist, denn ich garantiere dir: Hätte er zehn oder fünfzehn davon gemacht, jedes einzelne wäre gut gewesen.

Vielleicht hätte er einfach nebenbei weitere andere Lieder veröffentlichen und dem ganzen Zeit geben sollen.
Richtig. Und wahrscheinlich macht er das auch gerade, denn er kann ja immer noch dazu zurückkehren. Aber ich bezweifle das. Ich rede auch immer davon, anstelle der Musik Bücher zu schreiben, und das traue ich ihm auch zu, aber das wäre natürlich wirklich schrecklich, denn wir brauchen mehr seiner Alben.

Weil wir es besonderes kulturelles Bedürfnis für sie haben?
Ich weiß es nicht. Die Dinge verwässern, verkommen zu Illusionen. Zum Beispiel gab es bei mir diese Angst nachdem ich das letzte Album beendet hatte, dass ich zwar mit dem ganzen bedrückenden Mist abgeschlossen hatte, aber auch nichts mehr übrig hätte, über das ich hätte schreiben können. Nebenbei: Es ist ein sehr guter Punkt im Leben, an dem man nichts mehr zum ausschütten hat. Sufjan und eine kleine Gruppe weiterer haben einfach soviel Substanz in sich.

“Die Absicht hinter dem Schreiben der Lieder war es, ein besserer Therapeut zu werden. Und noch heute ist es der selbe Grund.”

Du bist mit Musik aufgewachsen und kannst dir wahrscheinlich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen. (William: Ja.) Während deiner Adoleszenz hast du dich aber kurzzeitig auch wieder von ihr abgewendet. Ein Vergleich: Das DMS ist ein recht kontrovers diskutiertes Handbuch, dessen Sinnhaftigkeit etwa vom Rosenhan-Experiment in Zweifel gezogen wurde. Gab es für dich eine ähnliche Erfahrung, einen Einschnitt in deinem Verhältnis zur Musik?
Musik war immer diese familiäre Sache und dann wurde sie eine deprimierende, denn die Familie zerbrach. Wir hatten sie zusammen gemacht und jetzt nicht mehr. Also wandte ich mich Musik zu, die eher lauter, härter und schneller war – kein Metal, aber eben auch kein Folk. Es war einfach nur Krach. Erst als in der Lage war, die Dinge auszugleichen und das alles zu akzeptieren, erkannte ich, dass sich nicht immer alles grau anfühlt. Manchmal ist Weihnachten nicht perfekt, aber das geht in Ordnung. Es kann immer noch gut sein und man muss all diese Sachen beieinander halten. Vielleicht ist das jetzt etwas kitschig, aber es gibt da das Wassermelonen-Prinzip: Wenn du eine Wassermelone haben willst, musst du zuerst einen Samen in die Hand nehmen. Das ist das Leben. Du musst mit ihm umgehen lernen und es gibt zu viele gute Sachen in ihm und der Musik, als dass du beide vollständig aufgeben könntest.

Zuerst hast du aber noch über die Probleme deiner Patienten geschrieben. Ist Musik also auch ein gutes Mittel, um Dinge zu kanalisieren?
Das habe ich nicht direkt gemacht. Es war meine Übung, mich emotionaler mit ihnen zu verbinden, um ihnen helfen zu können. Ich habe ihnen die Lieder etwa nicht vorgespielt. Aber die Absicht hinter dem Schreiben war es, ein besserer Therapeut zu werden. Und es ist heute noch der selbe Grund. Du versuchst dich selbst zu verstehen, und andere Leute wiederum besser, und Musik ist dafür ein großartiges Mittel.

William Fitzsimmons Gold In The Shadow ist bei Grönland / Rough Trade erschienen. Lest hier unser erstes Interview mit ihm, hier ein weiteres interessantes von der National Association for Mental Illness mit dem Titel “William Fitzsimmons: From Mental Health to Music” und seht hier ein Mixtape, Livevideos und eine Tourdokumentation auf Fitzsimmons’ sehr empfehlenswertem eigenen Kanal bei tape.tv. Wer ihn live sehen will, hat dazu im Sommer Gelegenheit:

17.06. Dortmund, Konzerthaus
18.06. Neuhausen ob Eck, Southside Festival
19.06. Scheeßel, Hurricane Festival
20.06. Brüssel, Botanique
25.06. Amsterdam, People’s Place
26.06. Köln, Gloria
28.06. Berlin, Lido
01.07. Wien, Jazz-Fest
02.07. Nürnberg, K4 Festsaal
03.07. Frankfurt a.M., Mousonturm
05.07. Graz, Postgarage
08.07. Leipzig, Centraltheater
09.07. Kassel, Kulturzelt Festival

1 Response

  1. Chris sagt:

    I like this interview. Just like I liked your previous with William. Insightful questions, very nice intro with the birds story. Imagination and maturity. Good job, guys. If you feel like it you can check out my interview with William, which I did this month. Cheers.

    http://www.rockoko.pl/en/wywiad-william-fitzsimmons

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