aUtOdiDakT : Jägermeister WHT Interview

Wenn am Donnerstag die Jägermeister Wirtshaus Tour im Stuttgarter Calwer Eck einkehrt, hat er die kürzeste Anreise: Andres Klein alias aUtOdiDakt, Labelvater von Traktor Records und Mähtrasher, hat sein Refugium hier am Neckar, kennt die einheimischen Clubs ebenso gut wie die regionale Küche, zu der er nach Auftritten in aller Welt gerne wieder zurückkehrt. Und obwohl man zuerst die ganz harten (musikalisch-elektronischen) Töne mit seinem Namen (und vor allem Mähtrasher) verbindet, ist vielleicht sogar der vielseitigste der drei auftretenden bzw. auflegenden Künstler. Uns hat er ein paar Fragen über seine Heimat und die anfänglichen Rückschläge wie späteren Erfolge seiner Karriere beantwortet.

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Bis vor kurzem galt Stuttgart als beschauliche Landeshauptstadt, mit den Protesten gegen S21 wurde es plötzlich zur Heimstätte der neuen “Wutbürger”. Du hingegen hälst dich in deiner Musik seit jeher nicht mit Kompromissen auf. Warst du ein Vorreiter?
Keine Ahnung, es wäre auch vermessen sich selbst so zu bezeichnen, aber am Anfang haben mich die meisten anderen DJs mit meinem härteren Kram schon eher belächelt und z.T. in meinem Beisein den Clubbesitzern erzählt, dass ich die Leute sowieso überfordern würde und so ein Sound nie hier ankommen wird. Nach einer Weile haben sie dann auch angefangen so was zu spielen, als der Vorwurf nicht mehr haltbar war, ha.
Aber ich glaube schon, dass Stuttgart seit einer Weile eine Sonderstellung hat hinsichtlich der Würdigung von Sachen, die in irgendner Form ‘nen “Mittelfinger” zeigen, ob das jetzt musikalisch oder politisch ist…

Du bist als DJ weltweilt unterwegs. Worauf freust du dich am meisten, wenn du wieder nachhause zurückkehrst?
Auf ‘ne harte Matratze! Ich bekomm von den meist viel zu weichen Hotelmatratzen Rückenschmerzen… sonst natürlich auf die Badewanne und darauf wieder selber zu kochen und Musik zu machen!

Welche Gerichte der lokalen Küche schätzt du besonders und vor allem: Welche kannst du auch selbst kochen?
Also ich mag eigentlich alle schwäbischen Gerichte ausser Kutteln und Hirnsuppe! Einen anständigen Zwiebelrostbraten bekomm ich schon hin und Käsespatzle auch, wobei die meine Freundin viel besser kann als ich! Ich mags gern schwer und fleischig, also ist schwäbisch schon genau mein Ding…

Dein aUtOdiDakT-Vorgängerprojekt IMP-ACT ging bei einem Majorlabel unter, das geplante Album erschien nie. Verfolgt so ein Erlebnis einen auch sieben Jahre später noch?
Klar, das prägt sehr nachhaltig! Wir haben damals drei Jahre Zeit und Ideen reingesteckt und konnten keinerlei Einfluss darauf nehmen, was anschließend passiert, d.h. wir waren vollständig ausgeliefert und konnten auch nicht bei einem anderen Major, der ebenfalls Interesse hatte, signen, weil wir ja schon etwas unterschrieben hatten. Im Endeffekt hat das die Band zerbrochen und alle sieben damals Beteiligten wollten mit der Musikindustrie möglichst nichts mehr zu tun haben und gehen jetzt normalen Jobs nach, außer mir. Ich habe Traktor Records gegründet, weil ich einfach eine Plattform wollte, wo ich allein die vollständige Kontrolle habe und mir kein Ibiza-gebräunter A&R reinreden kann, was für Musik ich am besten machen soll oder in welcher Schublade er mich gerne mit welchem Image vermarkten würde…

Im letzten Jahr erschien dein Debütalbum Genres Are Dead mit 28 im Durchschnitt mehr als vier Minuten langen Titeln u.a. als Doppel-CD-Album. Hattest du keine Angst, die potentiellen Hörer_innen damit zu überfordern?
Natürlich war mir bewusst, dass ich damit die meisten überfordere oder verwirre. Aber im Endeffekt dachte ich mir, dass ich a) keine Lust habe, ein Album nur mit Gebretter zu machen, nur weil die meisten das jetzt aufgrund meiner DJ-Sets erwarten würden und b) ich das Format Album sowieso für mich selbst mache. Ich wollte eigentlich nur mal schaun, ob ich es hinbekomme, ein komplettes Album zu machen, das für mich selbst langfristig interessant anzuhören bleibt und eine gewisse Stilbreite als Produzent aufzeigt. Ich hab es mir jetzt nach drei Monaten (davor konnte ich nicht objektiv sein, weil ich alles schon im Entstehungsprozess so oft angehört habe) zum ersten Mal wieder angehört und war sehr zufrieden damit. Das war für mich auch das einzige Ziel des Albums: Es nach einer Weile selbst gut zu finden. Der Rest, d.h. ob es sich verkauft oder ob es überhaupt noch jemand anderes gut findet, ist für mich eher zweitrangig gewesen. Aber das ist natürlich dann die Glasur auf der Torte und freut ungemein.

Wie entstand das Album?
Ich habe im Winter 2008 die erste richtige aUtOdiDakT-Single “Shit your rack” rausgebracht und seither einfach weiterproduziert, ohne ein Album anzuvisieren. Ich habe verschiedene Sachen versucht, weil es mich schnell langweilt, denselben Stil zu produzieren, und ich Abwechslung brauche, d.h. am besten immer je einen ruhigen, einen harten und einen funkigen Track unfertig auf der Festplatte, so dass man stimmungsabhängig arbeiten kann. Wenn ich scheiße drauf bin, kann ich nicht funky sein, und wenn es mir blendend geht, kann ich auch schlecht Geballer machen.
Jedenfalls waren es irgendwann ca. 80 Tracks von Electro bis reinem Indie-Rock oder Downbeat und ich dachte mir, ich versuche mal ein Album daraus zu kompilieren. Dann habe ich gemerkt, dass mir selber da z.T. noch Brückensongs fehlen, d.h. Tracks, die als Überleitung von einem Stil zum anderen funktionieren oder einfach stilistisch fehlen, um andere logischer zu machen. Die hab ich dann gemacht und noch Sängern bzw. Rappern, die ich gut finde, Instrumentals geschickt, weil ich mich noch nicht für so einen töfte Sänger halte, dass ich auf der Mehrheit der Tracks singen sollte… Aber Vocals wollte ich natürlich auch drauf haben. Im Endeffekt singe ich jetzt nur auf zwei Liedern selbst (erster und letzter), aber die Gastsänger machen ihre Sache auch mehr als gut! Vielleicht singe ich auf der nächsten mehr.
Bezüglich der Stilmischung habe ich trotzdem noch etwas versucht, die ganz harten Ausreißer von der elektronischen Basis eher wegzulassen, sonst wäre es doch auch für mich selbst schwierig geworden, das Album am Stück als “Artist-Album” zu erkennen und nicht als Kompilation unzusammenhängender Sachen.

Dein Traktor-Sublabel Mähtrasher ist nun ziemlich genau ein Jahr alt. Wie zufrieden bist du mit seiner bisherigen Entwicklung? Wohin geht es demnächst?
Mähtrasher hat mich extrem überrascht! Ich dachte mir schon, dass es einfacher ist ein Label zu branden, das für einen bestimmten Stil steht (im Gegensatz zu Traktor), aber dass es so schnell geht, hätte ich nicht gedacht! Ich glaube fast, dass Mähtrasher (zumindest im Ausland) Traktor schon in Sachen Bekanntheit überholt hat in diesem einen Jahr.

Mit der Reihe Stuttgart kaputtraven – Traktor Edition veranstaltest du selbst obendrein noch alle zwei Monate eine Party im lokalen Rocker33. Haben dich die hier gesammelten Erfahrungen als Künstler auf Tour eher entspannter oder anspruchsvoller werden lassen?
Ich glaube, es hat mich in Bezug auf Publikumsreaktion eher anspruchsvoller werden lassen, beim Kaputtraven drehen die Leute halt schon oft enorm durch, ha. Aber bezüglich der Routine lässt einen das natürlich auch ruhiger werden. Wenn man als Veranstalter den ganzen Stress bei den eigenen Parties mitbekommt, lässt man sich außerhalb als Dj auch weniger aus der Ruhe bringen, weil die meisten Probleme dann ja nicht die eigenen sind bzw. man sich nicht selber darum kümmern muss.

Mit Proxy aufgelegt zu haben, soll für dich wie “Weihnachten, Geburtstag und Apokalypse zusammen” gewesen sein. Welche aUtOdiDakT-Auftritte und Traktor-Nächte haben sich sonst noch besonders in dein Gedächtnis eingebrannt?
Sonst haben sich natürlich so “exotische” Auftritte wie Johannesburg oder Sydney eingebrannt, aber auch viele “kleinere” wie z.B. der in nem Landgasthof namens Fuchs & Has in irgendeinem 20-Seelendorf in Bayern, wo mehrere hundert Leute komplett ausgerastet sind und der Alkohol frühzeitig einfach aus war! Von den Traktor-Editionen vom Kaputtraven möchte ich jetzt keine besonders hervorheben, weil da wirklich alle was Besonderes für mich waren… Die erste ist natürlich besonders wichtig, das war beim Kaputtdubben auch so. Eine Partyreihe definiert sich natürlich durch die erste Ausgabe und da war es sehr befriedigend, so tolle Headliner zu bekommen und zu sehen, dass es dermaßen abgeht!


aUtOdiDakT Genres Are Dead (Exzerpte)

In Zusammenarbeit mit Jägermeister.

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