Melt! Festival 2011 : Live-Blog

Wir grüßen aus der Ferropolis, Gräfenhainichen! An diesem Wochenende findet hier das Melt! Festival statt und wie auch im Vorjahr und 2009 möchten wir euch wieder so oft wie möglich mit aktuellen Eindrücken direkt vom Gelände versorgen. Fotos: Christoph Paul / Text: Thomas Vorreyer

Sonntag: Regen, oder: kalte Tropfen auf heiße sonnenverbrannte Nacken (die Erinnerung an gestern). Hinter uns spielen Frittenbude als Plan B, sprich: Ersatz, für den ausgefallenen Künstler gleich Namens, Tino Hanekamp liest zudem aus seinem tollem Debütroman vor. Der Tag wurde allerdings ruhig angegangen, Grizzly legte im Sitzen für das ebenfalls sitzende Publikum vor der Gemini auf, dann setzte sich José Gonzáles, heute im Doppeleinsatz solo sowie mit Junip auf dem Melt! vertreten, auf einen Bauhausstuhl, die Gitarre im Schoß. Im letzten Jahr hatten hier Kings of Convenience für die denkbar wundervollste Entschleunigung und ein letztes Kraftauftanken vor dem letzten Festivalabend. Gonzáles ist gleich noch ein paar Töne leiser, auch introvertierter. Wer seine oder ihre Müdigkeit hört ein paar der besten Lieder des ganzen Wochenendes von einer der besten Stimme des Ebenselben.

Dass ihre Lieder für derart große Szenerien wie diese geschrieben wurden, hörte man bei den Cold War Kids wieder auf der Hauptbühne sofort heraus. Die Gruppe fühlte sich sichtlich wohl, was ja meistens eher nicht so wirkt, und rieb sich zur Spannungserhaltung gleich mal selbst immer wieder auf der Bühne. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen, bei derartigen Folkrock-Schätzen im Repertoire.

Gutes Aussehen, diesmal zudem  modisch, wurde dann auch im leider nur halbvollen Zelt geboten. Wie die Cold War Kids schauten auch Crocodiles aus den Staaten herüber und spielten ein überraschend sauberes Konzert, trotz allerhand Hall. Langweilig war der Geheimtipp dabei keinesfalls, ihre Mischung aus Shoegaze und Punkrock hatte auf dem Melt! ohnehin noch gefehlt. Ein Hoch also auf die musikalische Vielfalt und die immer noch famosen roten Bühnenvorhänge, die das Zelt anlässlich von zwanzig Jahren Intro schmücken.

Jetzt freuen wir uns auf Bodi Bill, Pulp und Les Savy Fav.

Noch zum Samstag: Nach The Streets wurden Editors zum absoluten Massenmagneten und schienen sichtlich geschmeichelt. Digitalism hatten die große Bühne mit kleinen Abstrichen ebenfalls gut im Griff, während im Anschluss Crystal Castles bzw. parallel Atari Teenage Riot im Zelt oder Rusko munter drauflos bretterten. Den schönsten Moment gab es dennoch ganz woanders, nämlich am See an der Strandbühne, wo Punkt Mitternacht SBTRKT und Sampha die Bühne betraten, hinter der sich ein klarer Mond in den Wellen spiegelte. Soviel Gefühl wie in den Produktionen des Ersteren und vor allem der Stimme des Letzteren gab es innerhalb der drei Tage sonst nicht zu hören, der Pathos fehlte dennoch vollständig und wären sie der einzige Dubstep-Act des Melt! gewesen, das Genre wäre mehr als würdig vertreten. Toll auch Metronimy und Totally Enormous Extinct Dinosaurs, die die Erwartungen auf der Gemini Bühne locker erfüllten. Ebenfalls gut war die Stimmung vor der Big Wheel Stage.

Metronomy (Samstag), José Gonzáles, Cold War Kids, Crocodiles

Samstag: Das Wetter hat gehalten und während Andreas Dorau im schwarzen Anzug schwitzend die Hauptbühne eröffnet, können Clock Opera die beinahe-Kühle des Zeltes genießen. Entsprechend ruhig gehen sie alles an, man kommt nur langsam in Schwung, den man dann gleich vor der Gemini voll entfalten kann, denn Monarchy, eben im gemeinsamen Gespräch noch maskenlos, bieten fantastischen Elektropop mit großer Geste (ein kleines Hurts-Dejavue, die ja 2010 ebenfalls an dieser Stelle spielten inklusive) und nur wenigen Längen, allerdings scheint das noch nicht allgemein bekannt zu sein. Der erste Deutschlandauftritt der Wahllondoner findet dementsprechend vor einer überschaubaren Besucherzahl statt. Diese gibt sich jedoch euphorisch und kann dank Großbritannien-Veröffentlichung letzter Woche bzw. Leak im letzten Jahr alle Albumtexte von Around The Sun problemlos mitsingen. (Interview folgt!)

Die nächste Dramaqueen wartet da bereits auf der Hauptbühne. Patrick Wolf, bekanntlich ja noch recht frisch verlobt und anscheinend noch immer bis in die roten Haarspitzen euphorisiert darüber, umschmeichelt im babyblauen Anzug sein Publikum. Die einzelnen (älteren) Stücke leiden etwas unter dem wiedergefundenen Pop-Appeal, die ganz neuen Lieder hingegen wirken durch die reduzierte Aufführung gleich viel angenehmer und weniger, Verzeihung, schmalzig. Der Wiederholungseffekt zu seinem etwas raueren Konzert hier auf der selben Bühne vor zwei Jahren fällt dadurch erfreulich gering aus.

Gleich zweimal heißt es im Anschluss, Abschied zu nehmen: These New Puritans ziehen sich vorerst in das Kreativstadium zurück, um eventuell den Nachfolger von Hidden aufzunehmen, das sie heute zum letzten Mal live spielen. Der Soundcheck dauert lange, die Band wirkt etwas müde, trotz hohem Aufwand (Posaunen und Perkussionisten etc.) und Einsatz springt der Funke nicht ganz, ein neues namenloses Stück schleppt sich etwas zäh daher. Schade, doch beinahe schon wieder vergessen, denn auf der Hauptbühne spielt ein ganz großer sein letztes Konzert überhaupt in Deutschland. Mike Skinner sind seine The Streets überdrüssig geworden, also sagt er sich gerade live von ihnen los. Das deutsche Publikum wird mehrfach umschmeichelt (die weltbesten Autos, die weltbesten Winker…), muss sich seine Lorbeeren aber auch hart verdienen, denn der Brite fordert lautstark gleich drei parallele Moshpits – erfolgreich. Zuvor spielt sich die Band durch das komplette Streets-Repertoire; Grime, Rock, alles fliegt genussvoll durcheinander. Der Brite gibt mal den sensiblen Facebook-Stalker, spuckt dann wieder große Töne, zelebriert das einfache Leben und gibt für Bandmitglied gut gelaunt den Macker: Blue Stew ist frisch getrennt und soll heute bitte nicht ohne Groupiesex in den Tourbus steigen. Da vergisst Skinner auch schnell die Bedeutung des Konzerts oder gar irgendwelche Abschiedsworte. Schade, dass keine Zugabe gefordert werden kann, weil direkt danach die Editors anstehen. Vielleicht wäre ein anderer Programmplatz da idealer gewesen? Soviel Spaß wie The Streets haben auf diesem Festival dann nämlich doch nur wenige verbreitet. Schade.

Des Nächtens treten nun die besagten Editors, Metronomy, DJ Koze, Crystal Castles, K.I.Z., SBTRKT und viele andere auf.

Clock Opera, Monarchy, Patrick Wolf, Publikum vor der Hauptbühne, These New Puritans, The Streets

Freitag, Cut Copy, Robyn, Paul Kalkbrenner, Crystal Fighters: Es ist Samstag, die Sonne knallt ordentlich. Irgendwie wären wir doch wieder gerne noch im kalten See, statt auf dem Gelände. Nur tummeln sich auf der Ferropolis bereits Andreas Dorau, Lawrence und gleich auch Clock Opera und Patrick Wolf.

Zu gestern: Einen kurzen Phoenix-Wiedergängermoment haben wir mit den Franzosen, nein: Australiern, von Cut Copy. Poprock trifft auf noch saftigere Electronica, alles sitzt und fühlt sich gerade im Tanzen gut an. Da wo ihr neues Album Zonoscope gegenüber dem Vorgänger In Ghost Colours zuhause leicht abfällt, drückt es hier erfreulicher Weise umso stärker nach vorne.

Selbiges versucht die Schwedin Robyn auf der Hauptbühne ebenfalls, seit Jahren – ob wieder beim Melt!, beim Berlin Festival oder Oya – werden ihre Auftritte immer härter und elektronischer, gerade zu technoid. Beim Melt! anno 2011 klopft sie damit lautstark an die Eurodance-Autoscooterdisco-Tür. Grenzwertig, aber eben nur das, und somit noch sehr gut und unterhaltsam (nur “With Every Heartbeat” als Finale bleibt vom Pulsrausch verschont), jedoch scheint das Konzept damit ausgereizt. Pluspunkte gibt es da noch für das Blumenmuster ihrer Leggings und gehörig Körpereinsatz auf der Bühne.

Vielleicht blieb Robyn ja auch gar nichts Anderes übrig, als eben so auf die Tube zu drücken, folgen auf sie doch Paul Kalkbrenner und Boys Noize. Ersterer hat seinen Laptop dabei, über ihm schweben seine Initialen im Lichtkreis. Die Szenerie wirkt optisch obskur, passen aber zum zunächst kalt wummernden Technoklang, der auch oben im Intro Zelt noch gut zu hören ist, während sich die Crystal Fighters noch etwas Zeit mit ihrem Auftritt lassen. Der gerät dann zwar etwas schief und neben der Spur, aber selbst dort geht man gut ab.

Cut Copy, Robyn (2), Paul Kalkbrenner, Crystal Fighters

Freitag, The Drums & FM Belfast: Schnell noch zwei Fotos nachgeschoben. FM Belfast waren auf der Gemini, The Drums spielen immer noch auf der Hauptbühne. Den Sieg nach Punkten holen sich die Isländer, denn Stimmung ist vor beiden Bühnen, nur oben drauf wirken die US-Amerikaner deutlich (von sich selbst?) gelangweilt.

The Drums, FM Belfast

Freitag, der Beginn: Etwas verspätet sind wir hier, erwischen noch das Ende von When Saints Go Machine, deren komplexe Klangwaben (leider) noch reichlich Platz finden. Überhaupt wirkt das Gelände sehr leer; wo sind die Leute vor den Baggern? Am Strand, der sich bereits beim spätnachmittäglichen Auftritt von Jamie Woon in den Tagebausee abneigt. Oben ist der Himmel matt und grau, unten Woons Stimme wunderbar klar. Auf der von Modeselektor kuratierten Elektrobühne entfaltet sich sein halbelektronischer Gitarrensoul perfekt und wärmt auf.

An den beiden Hauptbühnen vorbei geht es fast zurück bis zum Eingang hinein in das hübsch rot verkleidete (die Intro feiert ihren Zwangzigsten) und daher erhaben einladend wirkende Zelt. Little Dragon sind aus Schweden gekommen und haben nordische Verführungstänze im Gepäck. Das Set ist bis zu einem ausufernden Intermezzo im Terje-Studio-Stil (holla!) knackig und schön direkt nach vorne. Bereits zu Beginn gab es mit Sängerin Yukimi Naganos neonorangen Fingernägeln, die im UV-Licht zu Spinnenbeinen verwischten einen ersten, optischen Höhepunkt, an den der Auftritt musikalisch anknüpfen kann.

Zeitgleich sind die Swans auf der Hauptbühne bereits fertig; leer war es, die Ästhetik der Waveveteranen für das heutige Publikum vielleicht etwas zu verworren. Fröhliche Routine und trotzige Energie sorgen dennoch für ein gutes Konzerte der Wenigen. Direkt im Anschluss folgt mit The Naked And Famous dann die Melt!-Explosion: Die Hits sind allseits bekannt, der Schub hatte sich angestaut, die”VIVA-Band” ist längst bereit für die große Bühne, Geschmack hin oder her. Wer auf letzteren etwas geht ist eh bei Nicolas Jaar am Wasser, der leider mit Akustikproblemen zu kämpfen hat.

Es folgen heute noch u.a. FM Belfast, Robyn, Cut Copy, Apparat, Iron and Wine, Gold Panda, Nôze, Azari & III sowie Paul Kalkbrenner und Boys Noize.

Jamie Woon, Little Dragon (2), The Naked And Famous (2)

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