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Köln: Electronic Beats Festival 2012

10:29

Bereits in den letzten drei Jahren hat das Electronic Beats Festival eine attraktive Mischung aus Indie und elektronischer Musik präsentiert. Nachdem unter anderem Fever Ray, Phoenix und Gossip oder Animal Collective und Planningtorock fulminante Auftritte im Kölner E-Werk darboten, werden am 24. Mai freilich keine weniger bedeutenden Bands auf der Bühne stehen.

So darf man sich – neben The Hundred In The Hands und Citizens! – auf das immer stilvoll gekleidete britische Rockduo The Kills (Foto) freuen, dessen viertes Album Blood Pressures im letzten Jahr veröffentlicht wurde. Des Weiteren werden die drei Schweden der Gruppe Miike Snow, die 2009 den Hit Black & Blue herausbrachten, ins E-Werk geladen sowie Austra, welche den Abend mit gefühlvoll, leicht düsteren Synthie-Tönen versorgen werden. Das Debütalbum Feel It Break des kanadischen Trios zählte zu den Überraschungserfolgen des vergangenen Jahres.

Da die Domstadt auch einen populären Entstehungsort für Electro und Techno-Produktionen markiert, kommt das Electronic Beats Festival nicht daran vorbei, die in Köln beheimateten Georg Conrad und Marius Bubat von COMA einzuladen. Diese sind neben auf dem lokalen Label Kompakt unter Vertrag und werden dem Festival einen guten Abschluss mit Technopop verleihen.

Der Vorverkauf findet sich hier.


The Kills Baby Says (Video)

Berlin : Saigon & Megaloh live

16:07

Wenn wir annehmen, wahrer Gangster-Rap impliziert die Mitgliedschaft in einer Straßengang, das Dealen mit Drogen, nicht wenige Akteneinträge wegen Gesetzwidrigkeiten und einen Gefängnisaufenthalt, so mag Saigon freilich ein Archetyp dieses Genres sein. Aus seiner Vergangenheit mit all den Delikten, den puren Wahrheiten hat der Rapper sein Debütalbum The Greatest Story Never Told produziert und in diesem Jahr bei Subnoize herausgebracht. In einem Interview mit dem JUICE Magazin erklärte er kürzlich, dass er die “falschen Images” in der HipHop-Industrie verabscheut. Es solle über die Realität, über das wahre Ich gesprochen beziehungsweise gerappt werden. Für ihn würde HipHop momentan instrumentalisiert für Müll, der dann zelebriert wird.

Eine subjektive Meinung, deren Vertreter am Freitag in Berlin sein einziges Deutschland-Konzert geben wird. Jeder darf gespannt auf den Brooklyner Rapper sein, dessen Video-Auskopplung zu “Bring Me Down Part 2″ hier ein Vorgeschmack sein soll. Als Support wird der aus Moabit kommende Rapper Megaloh auf der Bühne stehen. Dieser veröffentlichte im letzten Jahr sein leicht humoristisch-dystopisches Album Monster und wird zudem auf dem Splash! dieses Jahr zu sehen sein.

Köln : Electronic Beats Festival

16:23

Ein guter Zugangspunkt für elektronische Musik sind u.a. die Webseite, das Magazin und die DVD-Serie Slices der Electronic Beats Redaktion, einer Dependance der Telekom. Mehrmals im Jahre erfreut es die Liebhaber solcher sowie experimenteller Musik zudem mit einer Festival-Reihe, anno 2010 etwa in Berlin mit The Human League, Róisín Murphy und Bon Homme. Und wo vor zwei Jahren u.a. Phoenix und Fever Ray beeindruckende Shows im Kölner E-Werk präsentierten und im Jahr darauf Major Lazer und Moderat folgten, werden in diesem Jahr – am 19. Mai – Animal Collective (Photo), Nouvelle Vague, Planningtorock und Holy Ghost! erwartet.

Der Abend des Festivals wird also einen Mix aus den sphärisch-psychedelischen Sounds des Quartetts Animal Collective, den zarten Stimmen, vermischt mit New Wave und Electro, der französischen Band Nouvelle Vague sowie Synthie-Pop von Holy Ghost! aus New York bieten. Nicht zu vergessen sei die Absonderlichkeit von Janine Rostron alias Planningtorock, die kürzlich mit The Knife und Mt. Sims das Album Tomorrow, In A Year herausbrachte und dieser Tage ihr neues Soloalbum W präsentiert. Zur musikalischen Einstimmung auf ihren Auftritt dient das neue Video zu “The Breaks“. Und die guten Nachrichten sind noch nicht vorbei, denn am Schluss des elektronisch-beatlastigen Abends werden noch die zwei Monsieurs Gernot Bronsert und Sebastian Szary von Modeselektor ihr DJ-Set präsentieren.

Tyler, The Creator : Pakt der Wölfe

16:07

I don‘t want to be the future of „L.A. Hip Hop“ I want to be the future of music“ schrieb Tyler, The Creator Ende April in sein Twitter-Profil. Der Konsens bei Musikjournalisten, Hörern und anderen Rappern wie Mos Def, Kanye West und Pharrell Williams zeigt auch alles andere, als dass er nur die Zukunft des HipHops in L.A. ist beziehungsweise sein wird. Der Konsens suggeriert viel mehr, dass der 19 Jährige die HipHop-Kultur mit seiner düster-ironisierten Art erfolgreich auffrischt.

Tyler sitzt auf einem Barhocker. Er trägt ein gemustertes Shirt und eine Kappe – er sieht eben aus wie ein niedlicher(?) Skater-Boy in der Postpubertät. Die schrillen Töne von „Yonkers“ und Tylers tiefe, von Düsterkeit belegte Stimme lassen den Zuschauer aber alles andere als Niedlichkeit mit ihm assoziieren. Er klingt wütend, benutzt fuck im exorbitanten Ausmaße, isst eine Schabe, woraufhin er sich übergeben muss, trägt schwarze Augenlinsen, die die ganze Attitüde noch mehr verdüstern, so dass Tyler aussieht wie ein Soziopath auf einem Patientenstuhl, von dem aus er sich am Ende selbst erhängt. Für dieses lyrische wie visuell geniale Video bekommt er fast 7. Mio. Klicks. He doesn‘t give a shit. Er möchte Musik machen und damit am besten das ganze Universum erreichen.

I’m feeling like the Bulls, I’ve got a Gang of Wolves
Odd Future is children that’s fucked up on they mental
Simple but probably not, fuck them („Bastard“)

Dass Tylers Lieblingswort fuck zu sein, ist nicht schwierig zu erraten, wenn man seine Lyrics sowie Tweets liest. Das ist im Rap freilich kein Alleinstellungsmerkmal, allerdings begegnen wir momentan keinem Rap-Musiker, der FUCK so bösartig in (Kon)texte einbettet wie er. In Tyler, The Creators Musik kulminieren alle bösen Gedanken und Beschimpfungen zu einem Alterego Mr. Evil.
Sein diabolisch-lyrisches Genius kommt in den Thematiken, beispielsweise Vergewaltigung, vaterlose Kindheit, auf seinem ersten Debüt-Album Bastard sowie in seinen Arbeiten mit dem HipHop-Kollektiv Odd Future (Wolf Gang Kill Them All), kurz: OFWGKTA, zum Ausdruck. Dieses Kollektiv, das aus ca. zehn Rappern besteht und ebenfalls aus Los Angeles, genauer gesagt wie auch Ice T oder Ice Cube, der hier aufwuchs, aus dem sozialen Brennpunkt Crenshaw, kommt, präsentiert sein Talent via Tumblr.
Hier können kostenlose Mitxtapes und Alben heruntergeladen werden. Deren Anzahl dürfte sich in Zukunft aber reduzieren, seitdem sich dieser Tage mit Sony RED, ein Major, die Vertriebsrechte an allen Gang-Produktionen sicherte. Und das lässt sogar ohne künstlerische Beschränkungen die Kassen demnächst kräftig klingeln. Auch Tyler, The Creators am sechsten Mai erscheinendes Nachfolgealbum Goblin wird nicht kostenlos, sondern am 6. Mai offiziell bei XL Recordings / Beggars erscheinen. Wie der zweifellose Erfolg ihn vermeintlich verändern könnte, ironisiert er bereits jetzt in seiner golfenden Kunstfigur Thurnis Haley.

Das Team Odd Future, bestehend aus Videoregisseuren, DJs und Skateboardern, hat sich Intensität und Bösartigkeit zu konstitutiven Merkmalen gemacht. Odd Future schreiben damit nicht nur böse Texte über raping und bitches, mit ihrem extrovertierten Auftreten bei Shows (z.B. Jimmy Fallon-Show) und dem Personifizieren mit Wölfen präsentiert sich das Kollektiv als Extrem. Extrem laut, extrem musikalisch und manchmal auch extrem lustig, wie bei einem Shooting mit dem Fotografen Terry Richardson. Es wird wohl nie langweilig um die Crew werden.

Am 6. Mai bestände ebenfalls die Möglichkeit Tyler, The Creator zusammen mit OFWGKTA im Cossiopeia in Berlin zu sehen, allerdings ist das Konzert bereits ausverkauft. Einen guten Überblick über das Kollektivschaffen bietet das Feature Youth And Young Manhood bei The Quietus.

Live : James Blake

11:42

Das Album ist draußen und der Konsens da: Von Musikmagazinen hin über Zeitungen und Blogs; jeder ist beeindruckt von dem jungen Engländer James Blake und seinem Debütwerk. Zwischen Pianoklängen und sphärischen Melodien baut Blake erneut seine verletzlich klingende Stimme ein, die eine unaufhaltsame Melancholie hervorruft. Bei dem einen Hörer wird vielleicht das reflexive Gemüt angesprochen, bei dem anderen die depressiv-melancholische Ader, etwa bei “Limit to your love“.

Wie auch gerade die dritte und letzte Vorab-EP Klavierwerke (R&S Records) ist der Langspieler ein epischer Geniestreich, der dem ein oder anderen Gast live sicher temporär den Atem rauben wird. Aufgrund dieser Brillanz des Herrn Blake sind seine vier kommenden Deutschlandkonzerte zu empfehlen. Gerne erinnern wir da an die ersten Liveeindrücke aus Großbritannien.

Ein BBC-Videointerview mit Blake findet sich hier.

James Blake live:
13.04. Köln, Luxor
15.04. Hamburg, Grünspan
16.04. Berlin, Berghain -ausverkauft-
18.04. München, Atomic Café
28.04. Donau Festival, Krems (Österreich)

Esben and the Witch : Interview

08:01

Eine zweijährigen Anlauf gepflastert mit allerhand Vorschusslorbeeren vollendet die nächste britische Hoffnung Esben and the Witch anno 2011 nun in ihrem Debütalbum Violet Cries. Dabei sieht das Brightoner Trio Daniel Copeman, Thomas Fisher und Sängerin Rachel Davies – benannt nach einem dänischen Märchen -, hier von Jonathan Hyde verloren im Schnee abgelichtet, niedlicher aus, als es ihre Musik ist. So prägt ihren Stil eine Düsterkeit, konstituiert aus einer wiederum bizarren Vertracktheit.

Nicht selten schnürt die Musik uns Brust und Kehle zusammen, macht die Luft klamm. Doch immer wieder bricht das in die Ecke gedrängte Individuum neu hervor, revoltiert und so bindet die Band nicht mit Agitation, aber mit Verweisen auf James Joyce und klassische, griechische Mythen den Zeitgeist, der zuletzt die Jugendlichen auch in Großbritannien auf die Straße trieb. Und dann enthält ihr Debüt ganz im modernen Zwiespalt auch durchaus liebevolle, Glück verheißende Passagen.

Wir haben all das und mehr mit ihnen reflektiert, Tourdaten gibt es obendrein:

Noch 2009 wurde eure Musik als Goth-Pop kategorisiert, schon ein Jahr später hat man euch einfach verstohlen mit der sogenannten Witch-House Bewegung in eine Topf geworfen. Zudem gab es den von euch selbst geschaffenen Begriff des Nightmare-Pops. Wie wichtig ist es für eine Band wie die eurige unter einer bestimmten Flagge zu segeln und welche Schlüsse zieht ihr daraus?
Wir spüren keine bestimmte Affinität zu irgendwelchen Etikettierungen oder Subgenren. Der Nightmare-Pop war da eher ein Term, den wir damals für eine recht effektive Umschreibung unserer Musik hielten, der aber nie mehr als das sein sollte und sich mittlerweile auch schon wieder überholt anfühlt.

Das Märchen, nach dem ihr euch benannt habt, ist eine düstere Geschichte mit einem glücklichen Ende und daher gewissermaßen auch ambivalent zu eurer Musik oder? Schließlich klingt diese so dunkel, dramatisch und nahezu magisch. Sie lässt beinahe keinen Ausgang erkennen.
Es wäre eine undankbare Aufgabe, die Geschichte und all ihre Stimmungen in ihrer Gesamtheit wiedergeben zu müssen. Stattdessen haben wir sie ausgewählt, weil wir uns ihre generelle Metaphorik und ihre Themen angezogen haben, wir die Worte als gute Anwandlung unserer eigenen, musikalischen Bestrebungen wahrnahmen. Nichtsdestotrotz halten wir auch nicht alle unserer Lieder ausschließlich für auf die Dunkelheit fixiert, denn wir sehen in dem Album auch starke Illusionen der Liebe, Hoffnung und Fröhlichkeit.

Ein Stück, das es nicht auf das Album geschafft hat, heißt “Lucia, at the Precipice”. Lucia war die Tochter des Autoren James Joyce und litt unter Schizophrenie. Darüber hinaus kämpfte sie ihr ganzes Leben lang um die Liebe ihrer Mutter und die Aufmerksamkeit ihres Vaters, so wie wohl nicht wenige andere mit Abstrichen auch. Spiegeln sich solche Aspekte in irgendeiner Art und Weise auch in der Band und euren persönlichen Erfahrungen wieder?
Auf keinen Fall. Wie bei vielen Themen und Ideen des Albums so steckt auch hinter “Lucia” eine Geschichte, die unsere Vorstellung in Besitz nahm und uns zu nötigen schien, sie zu erkunden. Natürlich ist es unvermeidlich, dass die HörerInnen die Inspirationen und Referenzen unserer Lieder auf ihre eigene, persönliche Weise lesen werden. Es sind also emotionale Elemente darin eingefasst, aber sie werden nicht direkt durch den Kontext angedeutet.

Und Joyce führt uns weiter: Eure Hingabe für Literatur ist uns wohl bekannt. Was könnte daher eurer Meinung nach die ideale Handlung für das ultimative Buch sein, das es noch zu schreiben gilt? Keine Sorge, ich will nicht an den Rechten beteiligt werden.
Das könnten wir unmöglich sagen… Vermutlich ist genau das die schöne Natur der Literatur.

Vielen Dank, es bringt uns zurück zum Album: Noch nicht erschlossen hat sich sein Titel. Was verbirgt sich hinter Violet Cries?
Der Titel entstand im selben Zeitraum wie auch die äußere Gestaltung und das Album selbst. Er konnotiert es im Übrigen viel weniger als es die Liedtitel selbst tun. Seine wirklich Bedeutung für das Album erschließt sich daher eher aus den Bildern, die er evoziert, und den Farben, aus denen Violett entsteht. Das, verbunden mit dem Wort ‘Cries’ (schreit), empfanden wir als die angemessene Stimmung für die HörerInnen.

In vielen der Albumstücke wendet ihr das Konzept eines übermannenden wall of sound an, gleichzeitig behandeln die dazugehörigen Liedtexte Kriege und Schlachten: Wie seht ihr da Musik als Kraft bzw. Gewalt im Allgemeinen?
Die Musik ist durchaus eine unglaubliche Gewalt und ihre Bedeutung und Auswirkung für die Menschen unbestreitbar. Sie ist etwas, das diese an ihre Erinnerungen und Momente heften, und ist daher von ihrem Wesen direkt mit der Lebensweise der Menschen verbunden.


(Regie: Peter King & David Procter)

Während ich den “Marching Song” hörte, las ich Le Horla, eine Kurzgeschichte von Guy de Maupassant. In ihr ist ein Mann besessen von einer ihn dominierenden Halluzinationen (die Horla), die ihm das Leben zu rauben wollen scheint. Und dazu singt ihr: “Lost in the blackness/they’re losing their sights”, vor einem Hintergrund verschwimmender, düsterer Klänge. Würdet ihr eure Musik mit solchen Anwandlungen in puncto Wahnsinn, Finsternis (und Existenzängsten) identifizieren?
Das klingt faszinierend und bewegt sich in den Kreisen jener Literatur, die uns anzieht. Da wir es aber nicht gelesen haben, können wir letztendlich unsere Musik nicht mit diesem einzelnen Werk identifizieren. Die angesprochenen Punkte betören und faszinieren uns allerdings und man kann durchaus behaupten, dass wir sie in diesem Album erkunden.

Ihr singt zudem von Krankheiten wie Argyrie (“Argyria”) oder “Chorea” und auch vom Mythos der griechischen Rachegöttinnen bzw. Erinyen oder Eumeniden (“Eumenides”). Alles recht bedrohlich, fatalistisch. IstViolet Cries als Ganzes ergo ein Kassandraruf, eine Untergangsprophezeiung?
Nun, wir bereits zuvor erwähnt, empfinden wir auch Momente der Hoffnung und des Glücks im Album und das dürfte auch daran liegen, dass unsere Vorstellung von ihnen im Vergleich zur Restbevölkerung verdreht ist. Wir finden Schönheit in Gegenständen, die von vielen als schrecklich und grotesk wahrgenommen werden. Es wäre unsererseits auch ziemlich vollmundig, das Album eine Untergangsprophezeiung zu nennen.

Daran anschließend: Kürzlich kam es zu Studentenunruhen in London, die britische Volkswirtschaft präsentiert sich in einer schlechten Verfassung und die EU scheint ein einziger Zankapfel zu sein. In Zeiten wie diesen, welche Agenda verfolgt ihr über die Musik hinaus?
Es ist unmöglich, sich der mannigfaltigen Übel, die die Welt seit kurzem befallen haben, nicht bewusst oder über sie besorgt zu sein. Zugleich sind es interessante, gefährliche Zeiten, da viele Elemente des modernen Lebens, mit denen unsere Generation aufwuchs, gerade ausgehöhlt werden. Weiterhin gibt es sehr reale und erdrückende Besorgnisse über die Umwelt, in der wir alle leben. Wie solche Probleme zunächst akzeptiert und dann angegangen werden ist für uns von höchster Bedeutung.

Ihr seid aus Brighton, über das ein Journalist einmal schrieb, es sei voller Menschen aus London, die der Metropole und ihrem Lärm schlicht entfliehen wollen. Wie steht ihr zu dieser Beobachtung?
Wir begrüßen natürlich den Umstand, sehr nah an London leben zu können und gleichzeitig das etwas langsamere Tempo in Brighton zu genießen. London ist eine fantastische Stadt, die einen allerdings ziemlich überfordern kann!

Als Kind und Jugendliche war ich öfters in Brighton und ich liebe diesen Ort für seine Kiesestrände und die Märkte sowie den Pier, der ja leider abgebrannt ist. Nun, aus dieser Stadt hörten wir zuletzt eher Rock-Pop-inspirierte, gradlinige Bands wie die bekannten Blood Red Shoes, The Go! Team und The Kooks, aber keine finster-dramatischen, experimentellen Klänge wie die euren. Haben wir da ein falsches Bild von Brighton vermittelt bekommen oder nehmt ihr die Dinge einfach nur kritischer wahr?
Brighton ist eine sehr junge, lebhafte Stadt und deine Vorstellung trifft sie gut. Es ist von uns keine bewusste Entscheidung, dennoch mit ihr zu hadern, und wir hoffen, dass seine Bewohner sich nicht von uns missverstanden fühlen. Wir können nur jene Musik machen, die auf natürliche Weise in uns gelangt, und derzeit scheint ihr eben verständlicher Weise eine dunklere Natur innezuwohnen.

Zu guter Letzt, neben all dem Leid und der Dunkelheit – was war euer lustigstes Erlebnis anno 2010?
Es gab einen Zwischenfall, bei dem Daniel während eines Auftritts die Bühne verließ und dann so ziemlich seine Schwierigkeiten hatte, wieder hoch zu kommen, um ihn zu beenden.

Esben and the Witch Violet Cries wird am 28. Januar bei Matador / Beggars erscheinen. Im Anschluss begibt sich das Trio auf eine ausgiebige Europatour, die sie auch nach Deutschland führen wird:

31.01. The Louisiana, Bristol
01.02. Pavillion Theatre, Brighton
03.02. Other Rooms, Newcastle
04.02. Sneaky Pete’s, Edinburgh
05.02. Rescue Rooms, Nottingham
07.02. The Harley, Sheffield
08.02. Hare and Hounds, Birmingham
09.02. XOYO, London
11.02. Botanique Rotunde, Brussels
12.02. Paradiso, Amsterdam
13.02. Gebäude 9, Cologne
14.02. Molotow, Hamburg
16.02. Loppen, Copenhagen
17.02. Comet Club, Berlin
19.02. La Route Du Rock, Saint-Père
21.02. Point Emphemere, Paris

TEXT: Franziska Finkenstein / Thomas Vorreyer

James Blake

16:35

Wir hören zu viel und schreiben zu wenig. Da wurde unsererseits und anno 2010 so manchem nicht schreibend Gehör verschafft, dass er oder sie doch absolut verdient hätte(n). Statt halbgarer Jahresbestenlisten nun also ein (nachgeschobener) Artikel zu… James Blake:

Eine kaum belichtete Wohnung. Schwereloses Obst schwebt umher. Ein verträumter Blick wandert durch die Zimmer. Das Video zu James Blakes jüngster Single “Limit To Your Love” (einem Feist-Cover) zeigt Verzweiflung und melancholische Konfusion. Seine Mimik ist reduziert, insgesamt gibt der 22-jährige Dubstep-Künstler sich distanziert. Seine Stimme ist dafür umso kraftvoller, wenn sie mit dem Piano korreliert.
Der Brite weiß, sein Talent einzusetzen. Seine Gefühle instrumentalisiert er auf epische Weise durch seine Stimme in Konnexion mit Subbasslines und Piano. Neben den Genre-Kollegen Mount Kimbie, Joy Orbison und Scuba lässt auch Blake die Vocals zu einem relevanten Klanginstrument avancieren. Diese, bei Rusko, Rustie, Benga und anderen Dubstep-Künstlern (zumeist) weggelassen, kulminieren nun bei Mount Kimbie (z.B. in “Maybes”) und ihm (“Limit To Your Love”, “CMYK”). Der Gesang als emotive Extension macht dem Hörer das Werk zugänglicher. Mit Blake empfindet man schon fast Mitleid, wenn er auf dem Bett sitzend singt: “There’s a limit to your care.”


James Blake : Limit To Your Love (Feist Cover) (Video directed by Martin de Thurah)

Ob Post-Dubstep, Ambistep oder Post-Klassik (?), der Produzent besitzt ein faszinierendes Bannungs-Potenzial (man höre: “I Only Know (What I know now”), was den empathischen Hörer nicht mehr loslässt. Folgerichtig ist Blake derzeit in nicht wenigen Bestenlisten des Jahres vertreten.
Auf erste Remixe von u.a. Lil’ Wayne und Destiny’s Child (damals noch als Harmonimix) und die erste Single “Air & Lack Thereof” folgten in diesem Jahr drei außergewöhnliche EPs. Vor der im Internet sowie in der Musikkultur polarisierenden Klavierwerke EP (R&S Records), die durch trübe, verschwommene Sounds an narkotisierte Zustände erinnert, zeigte Blake mit The Bells Sketch (Hessle) und CMYK (wieder R&S) bereits im Mai noch seine weniger emotive Seite.
Wo er sich auf den Vorgängen noch an R&B-artigen und rapideren Basslines orientiert, ertönen auf den Klavierwerken Piano, Bleeps und verhuschte Vocals, die man mit unerklärbaren Traumsequenzen beschreiben könnte. Und auch auf seinem gleichnamigen Debütalbum, das am 7. Februar nächsten Jahres auf ATLAS/A&M Records erscheinen wird (Cover oben zu sehen, Titelliste am Ende), dürfen nebulöse Klangelemente und Vokalfetzen erwartet werden. Inspirationen sollen bei der Album-Produktionen unter anderem Bon Iver, Laura Marling und Joni Mitchells Blue gewesen sein, wie Blake Pitchfork verriet.

Ein erster Vorgeschmack ist vielversprechend: In “Wilhelms Scream” geht es um Unwissenheit und Kummert, welche schlichtweg in purer Ausweglosigkeit münden (“I’m fallin’, fallin’, fallin'”). Auf poetische Weise arrangiert Blake erneut Stimme, Piano und Ambientsounds. Da steckt Poesie, da steckt Verletzlichkeit drin. Und wieder ist die musiktherapeutische Ebene erreicht, auf der uns James Blake mitnimmt:


James Blake : Wilhelm’s Scream (Stream)

Kreatives Spielen mit der eigenen Stimme, Bässen, Synthies plus Piano (Blake) oder Gitarre (Mount Kimbie) charakterisiert also die aufstrebenden jungen Dubstep-Künstler aus England. Man darf gespannt sein auf das nächste Jahr; stehen doch unter anderem die vermeintlich ersten Liveauftritt Blakes für den 12. bzw. 14. Januar beim Groninger EuroSonic Noorderslag Festival und im Londoner Plan B an – der Vorverkauf läuft bereits. Jedoch gab er erst letzte Woche und überraschenderweise im Vorprogramm von Everything Everything in Manchester erste Hörproben zum Besten – nachfolgend zu sehen (via The Fader):




James Blake James Blake:
1. Unluck
2. Wilhelm’s Scream
3. I Never Learnt To Share
4. Lindesfarne I
5. Lindesfarne II
6. Limit To Your Love
7. Give Me My Month
8. To Care (Like You)
9. Why Don’t You Call Me
10. I Mind
11. Measurements

on3 Festival : München im Herbst

23:02

Der Festivalsommer ist vorbei, die bunten Blätter fliegen durch die Luft und mit ihnen schwingt ein Hauch von Herbstgefühlen durch die Straße. Wenn, dann muss aber nur temporär in Sentimentalität und Melancholie verfallen werden. Denn es gibt eine musikalische sowie freudige Empfehlung an diesen kalten Tagen: das on3-Radio-Festival in München. Der Jugendsender des Bayrischen Rundfunks lädt wieder mal Ende November – am 27. – in das Münchener Funkhaus ein.

Wo letztes Jahr FM Belfast, Creme Fresh und Speech Debelle bewegende Shows lieferten und manch Journalist meinte, Pete Doherty (aufgrund dieser Aktion) ridikül zu zerreißen, sind dieses Jahr auch wieder einige gute Künstler am Start. Beispielsweise das kanadische Trio Born Ruffians, das dieses Jahr bei Warp ihr zweites Album Say It heraus gebracht haben. Mit ein bisschen Gebrüll und mal ruppigen mal zarten Gitarrenklängen arrangieren die Herren ein harmonisches Klangverhältnis.

Surreal und elektronisch im Sound wird es dann mit den Crystal Fighters, die schon rapider und tanzbarer sind. Außerdem zusagt haben Kele Okereke von Bloc Party (oben live beim Melt! Festival von Christoph Paul fotografiert), der dieses Jahr ein durchaus hörenswertes Soloalbum geschaffen hat, Telekinesis, MIT, Roman Fischer sowie die jungen Panda People und weitere (das komplette Line-up findet ihr nachfolgend).

Darwin Deez : Zu viel Nietzsche

14:19


Darwin Deez: Nietzsche im Bücherschrank, nicht in der Pfanne

Ein Problem am Philosophie-Studium kann entstehen, wenn man sich in eine Abhandlung zu sehr hinein versetzt, sie nicht mehr weglegen kann und die Realität um sich vergisst. Der Musiker und Philosophie-Student Darwin Deez steckte kürzlich in dieser prekären Situation, als er Werke von Nietzsche explizit studierte. Nietzsche, der große Freigeist, der zum Wahnsinnigen dahin vegetierte. Von diesem Wahnsinn ließ sich auch Darwin Deez anstecken und geriet in eine depressive Phase. Ein Unterschied zwischen Nietzsche und Deez ist aber vor allem, dass Deez aus diesen wirren Depressionen herauskam und heute voller Elan und Lebensfreude auf der Bühne steht.

Mit seiner Band transportiert er poppig-harmonische Töne, die eine Euphorie implizieren und zur Fröhlichkeit anregen. So zum Beispiel beim zum Hit mutierten „Radar Detector“.


Darwin Deez : Radar Detector (Video directed by Ace Norton)

Da wären wir auch schon bei dem Thema ‚Musiktherapie’ oder viel mehr: Musikmachen als therapeutisches Mittel gegen Depressionen. Freilich verarbeitet Deez seine schwere Phase in seinen Texten, unterfüttert diese aber nicht mit melancholischen Klangverhältnissen, sondern Lo-Fi-Sounds und Hippie-Elementen. Manchmal klingt das ein bisschen ironisch, aber insgesamt verursacht Darwin Deez’ Musik ein sprichwörtliches ‚Yeah’-Gefühl.

Nicht ohne Grund standen dieses Jahr u.a. beim Melt! Festival Menschenkollektive, die ihre Hände schwingend in die Höhe hielten und mitwippten. Im Frühjahr geht die Band mit dem jungen Herr mit Locken und Haarband erneut auf Tournee in Großbritannien, wo sie derzeit ebenfalls unterwegs ist, und Deutschland (alle Daten nachfolgend). Bis dahin kann man sich es mit der aktuellen Platte Darwin Deez, die unter Lucky Number (Rough Trade) erschienen ist, gut gehen lassen. Oder mit der heute dort wiederveröffentlichten Single „Constellations“, die mit Remixen der von uns (wie hier zu hören zu Recht) hochgeschätzten SBTRKT und Totally Enormous Extinct Dinosaurs daherkommt. Letzerer der beiden wird dann auch im Frühjahr Darwins Toursupport sein.


Darwin Deez : Constellations (Video directed by Terri Timely)


Darwin Deez : Constellation (Remixes)

Darwin Deez live 2010:
19.10. Thekla, Bristol
20.10. Cavern, Exeter
21.10. Wedgewood Rooms, Portsmouth
22.10. Digital, Brighton
23.10. Jericho, Oxford
24.10. Arts Centre, Norwich
26.10. Scala, London
27.10. Hare & Hounds, Birmingham
28.10. Kasbah, Coventry
30.10. Plug, Sheffield

2011 mitTotally Enormous Extinct Dinousaurs:
24.02. Academy 2, Manchester
25.02. Liquid Rooms, Edinburgh
26.02. Garage, Glasgow
27.02. Metropolitan University, Leeds
01.03. Waterfront, Norwich
02.03. HMV Institute, Birmingham
03.03. Koko, London
04.03. Anson Rooms, Bristol
05.03. Concorde 2, Brighton
07.03. Knust, Hamburg
08.03. Gleis 22, Münster
09.03. Gloria, Köln
10.03. Backstage, München
11.03. Lido Astra, Berlin

Hans Unstern : Interview : Flucht & Hingabe

12:21

Nachdem Hans Unstern per Zufall die österreichische Band Ja, Panik kennen gelernt hat und vom bandeigenen, Berliner Label Nein, Gelassenheit unter Vertrag genommen wurde, zeigen immer mehr Leute ein reges Interesse an diesem Künstler. Seine lyrischen Texte mit einem Hauch Poetizität handeln von Ausbrechen, vom Eskapismus. Doch selbst weiß er gar nicht, ob er sich als Eskapist bezeichnen würde. „Vielleicht als ein kleiner,“ sagt Hans Unstern. Soviel spricht er über seine Texte auch nicht. Insgesamt überlegt er sehr lange, lässt sich Zeit.

Die Introvertiertheit, die er im Gespräch hat, verliert er dann auf der Bühne. Dort widmet er sich ganz seiner Musik. Mit seiner Gitarre steht Hans Unstern dann auf der Bühne, umringt von seinen Bandmitgliedern, aber eigentlich für sich allein. Sein langer Bart, der ein wenig an Räuber Hotzenplotz erinnert, umhüllt sein Gesicht. Darüber hinaus erfährt man nicht viel vom in Berlin lebenden Sänger. Zumindest nicht über verbale Kommunikation. Jeder für sich muss ihn wohl analysieren und seine Musik interpretieren. Oder einfach anhören und schön finden.

Hans Unstern “Flecken” / Ja, Panik “Alles hin, hin, hin” (Video)

Wir sitzen im Kölner Gebäude 9. Der Club liegt direkt unter S-Bahn-Schienen nicht weit vom opulenten Dom entfernt. Es ist ein altes, heruntergekommenes Gebäude mit vielen Durchgängen und kleinen Zimmerchen, schiefen niedrigen Decken. In solch einem großen leeren Raum mit hohen Decken sitzen auch wir. Trotz, dass an diesem Tag einige Interview-Termine anstehen, lässt sich Hans Unstern Zeit. Er schlürft gemütlich seine Afri-Cola mit Kirschgeschmack und lässt seine Blicke sekündlich durch den Raum mit den hohen Decken fahren. Vielleicht lauscht er dem Großstadt-Leben, während er überlegt. Vielleicht erinnert er sich an die Zeit, in der er auf fremden europäischen Straßen Cover-Lieder sang.

Jetzt schreibt Hans Unstern seine eigenen Lieder und entwickelt lyrische Chanson-Werke. Interessant und wirkungsintensiv ist dabei die Metaphorik der Lyrics. Auf die Frage, ob dieses rhetorische Mittel gleichzeitig als Kunstmittel ästhetischer Wirkung dient, antwortet er bloß: „Ich finde, das hört sich gut an.“ Sein musikalisches Konzept kann er nicht so recht in Worte fassen. „Es gibt da eben so ein bestimmtes, oder auch unbestimmtes, vages, aber auch wichtiges Bedürfnis, irgendwas zu sagen oder sich zu beschweren. Und ich habe, um das zu vermitteln, den Weg zur Musik gefunden.“

Hans Unstern “San Simon” (ZEIT Online Rekorder Video)

Für Hans Unstern war dieser Weg wichtig, eine lange Reise, auf die er seine Musik mitnehmen konnte. Ein paar seiner Texte entstanden während dieser kleinen Reise durch Europa, wo er sich mit einer Gitarre bekleidet an unterschiedlichste Orte setzte und alte Songs coverte. Eine Form von Mitteilung. Eine Form von Freiheit. Einfach auf der Straße spielen und seiner Passion – der Musik – nachgehen. Das Fernweh, was ihn damals auf seiner Reise begleitete und Befriedigung suchte, ist auch in Unsterns Texten wieder zu finden. ‚Ich würde mich gerne auch so winden, so finden, so verschwinden,’ lautet eine Textzeile aus dem Song „Endlos, Endlos“. Verschwinden aus der Welt mit ihrer Egalität gegenüber Ökonomie und Liebe? Ja, „unter Umständen, zu bestimmten Zeiten” würde sich Hans Unstern auch als Eskapist nennen. „Ich ordne mich aber schwer Dingen konkret zu.“ Das ist auch nicht verwerflich.

Hans Unstern findet es auch viel interessanter, was andere Menschen über seine Musik sagen. Viel weniger möchte er über sich und seine Person sprechen. Gegenüber auf dem Sofa sitzend, scheint er wie ein schüchternes Genie umgeben von Wänden und Unscheinbarkeit. Man möchte gerne wissen, was in seinem Kopf vor sich geht und viel mehr erfahren, doch dieser Wunsch bleibt verwehrt. Vielleicht ist das aber auch besser. Musik reicht doch auch. ‚Du willst die Welt vergessen gehen. Es ist dir egal was sie spielen. Du willst einfach nur spielen.’ – singt er weiter in Endlos Endlos und macht damit eine deutliche Aussage.

Hans Unsterns neueste Tourdaten findet ihr am Ende. Das Album Kratz Dich Raus ist bei Nein, Gelassenheit / Rough Trade erschienen.

Hans Unstern & Band live
24.09. Köln, Gebäude 9
25.09. Hamburg, Reeperbahnfestival
26.09. Potsdam, Waschhaus
02.10. Hannover, Feinkostlampe
05.10. Frankfurt, Mousonturm
06.10. München, Kranhalle
08.10. CH-Luzern, Treibhaus
09.10. Leipzig, UT Connewitz
10.10. Stuttgart, Theaterhaus
21.11. Berlin, Sophiensaele

PHOTO: Tanja Pippi (All rights reserved by the photographer.)