Archive for the ‘features’ Category

MS MR – Pop am Abgrund

07:53

Sie trifft ihn, er trifft sie, es funkt. Und weil allein schon diese wenigen Informationen das Kopfkino befeuern, Geheimnisse bekanntlich die Fantasie anregen, bleibt es bei MS MR aus New York (vorerst) auch bei dieser spärlichen Erzählung. Namen? Gesichter? Biografien? Alles Fehlanzeige! Nur drei Fotos auf ihrem Myspace-Profil belegen, dass es sich bei MS MR um ein Duo handelt. Dessen weiblicher Part hat scheinbar ein Faible für Flakons, sein männliches Pendant eins für das Schachspiel. Offensichtlich handelt es sich um eine young miss bzw. young mister. Allerdings, dort endet die gedachte Romanze bereits, denn in den Liedern von MS MR sind Selbstzweifel und Verbitterung die bestimmenden Themen.

“These are hard times for dreamers / and lovers, believers”, heißt es da in Bones, dem ersten Song der im Herbst eingestellten EP Ghost City USA. Wie es der post-apokalyptische Titel schon andeutet: Die namensgebenden Knochen sind natürlich kalte, kalkweiße Gebeine; der verbundenen Seele soll die Isolation gewährt werden, die Uhr zeigt Mitternacht. Ein weiteres Stück, Ash Tree Lane, wurde höchstwahrscheinlich von Mark Z. Danielewskis hintergründiger Horroerzählung House of Leaves (in Deutschland: Das Haus) inspiriert.

Dennoch handelt es sich bei MS MR nicht um eine Gothic-Formation. Eher ist ihre Musik schwermütiger bis dramatischer Synthpop mit Schlagzeugunterstützung, gesprengelt von kleineren Noisesamples. Die Stimme der unbekannten Sängerin erscheint zunächst leicht unterkühlt, packt den Hörer schließlich aber raumgreifend in den Griff von Sentiment und Melancholie.

Solche Klangentwürfe waren zuletzt vor allem in Großbritannien zu hören, bei Florence and the Machine etwa (An Welchs Stimme erinnert jene der MS MR-Sängerin in ihrer Eindringlichkeit auch.) oder bei Patrick Wolf. Dessen Abschiedsode Time Of My Life hat sich die Band angeeignet. Und sie wirkt ihnen wie auf den Leib geschneidert, wenngleich sich Songstruktur und Arrangement stark am Original orientieren.

Inhaltlich knüpft nun Hurricane, MS MR’s neuestes, gerade veröffentlichtes und bislang bestes Lied, an die Beziehungsaufarbeitung an. Auch hier bleibt die Protagonistin allein zurück, das Schicksal wurde allerdings notgedrungen selbst gewählt. Eine empfangene Liebe kann nicht erwidert, aus Angst vor den eigenen Dämonen wird das Herz verschlossen. Ein angenehm schwerer Kopfnickbeat und dezente Streicher lassen dabei jedoch nicht allzu Melancholie aufkommen – Pop von Format! Für 2012 sollte MS MR der Durchbruch ins Haus stehen, und siehe da: Im Vorprogramm von Marina and the Diamonds gilt es demnächst, die allerersten Liveauftritte zu absolvieren.

Dies ist ein durch Myspace Deutschland vermittelter Eintrag.

patten

16:50

[vimeo 27587374 nolink]

Die britische IDM-Hoffnung patten (vollständig in Minuskeln geschrieben) will am 26. September sein Debütalbum GLAQJO XAACSSO (vollständig in Kapitalen) vorlegen. Nachdem zuvor Werk Discs als potentielle Labelheimat des Londoners galt, erscheint der Langspieler nun bei den hiesigen Obskuritätenspezialisten von No Pain in Pop. Begleitet wird die frohe Kunde von einem neuen Video zu “Blush Mosaic” (siehe oben) und einem Remix.

patten, als Produzent noch gesichtslos, setzt dabei gerne auf die Überforderung und lässt etwa in “Blush Mosaic” Blue-Monday-eske Erweckungserlebnisse sich aus beinah überfrachteten Verschachtelungen von Glitch, House, Synthpop, chopped beats und Vokalfetzen direkt in das hörende Unterbewusstsein schälen. Das kristalline Video dazu drehte Jane Eastlight, die auch schon für Alak gearbeitet hatte. Als Remixer von “my love is the best” der Letzteren (ein Projekt der Kalifornierin Jocelyn Jade Noir) löst patten hingegen nur behutsam die hymnische Monotonie des Einstiegsloops, hebt sich körnige Claps und den nahezu banalen Gong fast bis zum endgültig entrückenden Schluss auf.

Es ist ein nicht enden wollendes Dickicht in das man sich hier voller Vorfreude auf detailverliebte Überraschungen stürzen. Auch seine Webseite ist in etwa so übersichtlich wie die Kritzelei-Flyer-Collagen Berliner Clubklotüren. Über die bloße Collagieren setzt er sich dabei aber spielerisch hinweg und so ist der gewählte Künstlername durchaus als sinnstiftende Metapher zu sehen: Als patten werden in der englischen Sprache nämlich jene Holzplateausohlen bezeichnet, die im Mittelalter die Füße der Bürger vor den Ansammlungen von Pferdedung, Müll und menschlichen Ausscheidungen auf den Straßen schützte, sie quasi darüber erhob.


ALAK : my love is the best (patten Remix) (Download)


patten : This sharpened mist (slow turn version) (Download)

patten GLAQJO XAACSSO
1. Ice
2. Crown 8vo
3. Words collided
4. a.m./soft focus
5. Blush mosaic
6. & our wild paths intersect
7. Fire Dream
8. Peachy swan
9. Out the coast
10. Ndi bem
11. Plurals
12. Rubylith film

Das oben verwendete Foto hat die Fotografin Mi Nguyen im Hafen von Amsterdam geschossen, wo sicherlich auch einige niederländische Klompen tagtäglich verschifft werden. Alle Rechte vorbehalten.

Gatto Fritto : s/t

15:44

Der Beipackzettel für die Presse bemüht sich noch um Mystifizierung, doch bereits der Name stimmt perplex. Ein, lange Zeit vor allem durch die Londoner U-Bahn herumwandelnder, Einzelgänger soll Gatto Fritto, der im echten Leben Ben Williams heißt, gewesen sein, bevor er sich mit allerhand Instrumenten in ein Studio einschloss, um sein gleichnamiges Debütalbum aufzunehmen. Frittierte Katze bedeutet der Künstlername, sofern man ihm aus dem Italienischen übersetzt, und erinnert damit (sicherlich unfreiwillig) an drögen deutschen T-Shirt-Humor. Seine Musik bleibt jedoch in jeder der insgesamt 54 Minuten eine ebenso ernsthafte wie erquickende Erfahrung.

Das Album ist gerade bei International Feel erschienen, einem Wunderkind der digitalisierten globalen Musikwelt, das sich erstmals an das Langspielformat heranwagt, nachdem es zuvor mit sechzehn Singles in zwei Jahren sich ähnlich treffsicher gezeigt hatte wie seine uruquayischen Landsmänner der Fußballnationalmannschaft der 1920er Jahre. Die neugewonnenen Einblicke in den detailverliebten Kosmos Williams’ sind mannigfaltig, wobei die Himmelsassoziation hier bewusst gewählt ist: Gatto Fritto legt den Soundtrack zu zahllosen traumgebliebenen Weltraumabenteuern vor.

Das ist natürlich alles bis weit in den Krautrock zurück verwurzelt, quasi ein nostalgischer Futurismus, erinnert aber in aktuelleren Bezügen bei “The Hex” an die Chromatics oder direkt an Studio, wenn eine Gitarre in die elfminütige Trance von “Invisible College” einführt. Allerdings waren beide Stücke bereits zwischen 2007 und 2008 als Singles bei Andy Blakes Dissident bzw. in Eigenregie erschienen. Es handelt sich somit vielmehr um eine musikalische Parallelentwicklung. Und wird einmal gesungen, etwa in “The Curse” oder “Lucifer Morning Star”, die beide bereits offiziell mit aus altem Filmmaterial zusammengeschnittenen Videos ausgestattet wurden (siehe unten), kommt selbstverständlich der Vocoder zum Einsatz.

Am liebsten würde man das Album letztendlich auf den Mond schießen; auf den Mond und in jede andere Ecke des Universums auch, sich selbst verlierend im Schlepptau.

Gatto Fritto Gatto Fritto ist bei International Feel / NEWS erschienen. Heute Abend spielt Gatto Fritto live in der Soju Bar, Berlin, (Programm: siehe unten), am Samstag dann in der Elli Disco, München.


Gatto Fritto : Lucifer Morning Star


Gatto Fritto : The Curse (Video)


Gatto Fritto : Hex (Download)

Tyler, The Creator : Pakt der Wölfe

16:07

I don‘t want to be the future of „L.A. Hip Hop“ I want to be the future of music“ schrieb Tyler, The Creator Ende April in sein Twitter-Profil. Der Konsens bei Musikjournalisten, Hörern und anderen Rappern wie Mos Def, Kanye West und Pharrell Williams zeigt auch alles andere, als dass er nur die Zukunft des HipHops in L.A. ist beziehungsweise sein wird. Der Konsens suggeriert viel mehr, dass der 19 Jährige die HipHop-Kultur mit seiner düster-ironisierten Art erfolgreich auffrischt.

Tyler sitzt auf einem Barhocker. Er trägt ein gemustertes Shirt und eine Kappe – er sieht eben aus wie ein niedlicher(?) Skater-Boy in der Postpubertät. Die schrillen Töne von „Yonkers“ und Tylers tiefe, von Düsterkeit belegte Stimme lassen den Zuschauer aber alles andere als Niedlichkeit mit ihm assoziieren. Er klingt wütend, benutzt fuck im exorbitanten Ausmaße, isst eine Schabe, woraufhin er sich übergeben muss, trägt schwarze Augenlinsen, die die ganze Attitüde noch mehr verdüstern, so dass Tyler aussieht wie ein Soziopath auf einem Patientenstuhl, von dem aus er sich am Ende selbst erhängt. Für dieses lyrische wie visuell geniale Video bekommt er fast 7. Mio. Klicks. He doesn‘t give a shit. Er möchte Musik machen und damit am besten das ganze Universum erreichen.

I’m feeling like the Bulls, I’ve got a Gang of Wolves
Odd Future is children that’s fucked up on they mental
Simple but probably not, fuck them („Bastard“)

Dass Tylers Lieblingswort fuck zu sein, ist nicht schwierig zu erraten, wenn man seine Lyrics sowie Tweets liest. Das ist im Rap freilich kein Alleinstellungsmerkmal, allerdings begegnen wir momentan keinem Rap-Musiker, der FUCK so bösartig in (Kon)texte einbettet wie er. In Tyler, The Creators Musik kulminieren alle bösen Gedanken und Beschimpfungen zu einem Alterego Mr. Evil.
Sein diabolisch-lyrisches Genius kommt in den Thematiken, beispielsweise Vergewaltigung, vaterlose Kindheit, auf seinem ersten Debüt-Album Bastard sowie in seinen Arbeiten mit dem HipHop-Kollektiv Odd Future (Wolf Gang Kill Them All), kurz: OFWGKTA, zum Ausdruck. Dieses Kollektiv, das aus ca. zehn Rappern besteht und ebenfalls aus Los Angeles, genauer gesagt wie auch Ice T oder Ice Cube, der hier aufwuchs, aus dem sozialen Brennpunkt Crenshaw, kommt, präsentiert sein Talent via Tumblr.
Hier können kostenlose Mitxtapes und Alben heruntergeladen werden. Deren Anzahl dürfte sich in Zukunft aber reduzieren, seitdem sich dieser Tage mit Sony RED, ein Major, die Vertriebsrechte an allen Gang-Produktionen sicherte. Und das lässt sogar ohne künstlerische Beschränkungen die Kassen demnächst kräftig klingeln. Auch Tyler, The Creators am sechsten Mai erscheinendes Nachfolgealbum Goblin wird nicht kostenlos, sondern am 6. Mai offiziell bei XL Recordings / Beggars erscheinen. Wie der zweifellose Erfolg ihn vermeintlich verändern könnte, ironisiert er bereits jetzt in seiner golfenden Kunstfigur Thurnis Haley.

Das Team Odd Future, bestehend aus Videoregisseuren, DJs und Skateboardern, hat sich Intensität und Bösartigkeit zu konstitutiven Merkmalen gemacht. Odd Future schreiben damit nicht nur böse Texte über raping und bitches, mit ihrem extrovertierten Auftreten bei Shows (z.B. Jimmy Fallon-Show) und dem Personifizieren mit Wölfen präsentiert sich das Kollektiv als Extrem. Extrem laut, extrem musikalisch und manchmal auch extrem lustig, wie bei einem Shooting mit dem Fotografen Terry Richardson. Es wird wohl nie langweilig um die Crew werden.

Am 6. Mai bestände ebenfalls die Möglichkeit Tyler, The Creator zusammen mit OFWGKTA im Cossiopeia in Berlin zu sehen, allerdings ist das Konzert bereits ausverkauft. Einen guten Überblick über das Kollektivschaffen bietet das Feature Youth And Young Manhood bei The Quietus.

Cat’s Eyes : Faris Badwans neuester Streich

10:00

Nachdem sich Lumina wohl verlaufen haben, startet The-Horrors-Sänger Faris Badwan ein neues Projekt: Für Cat’s Eyes hat er sich mit der kanadischen Opernsängerin Rachel Zeffira zusammengetan und konnte schon illustere Unterstützer gewinnen. So wird die erste, am 28. Februar von Polydor in Großbritannien zu veröffentlichende EP Broken Glass von Chris Cunningham gestaltet sein, der auch schon das Video zur Horros-Single “Sheena Is A Parasite” gedreht hatte; zudem war der frühere Produzent von Größen wie New Order, The Happy Mondays oder Suede, Steve Osborne, mit der Band im Studio, um das am 11. April erscheinende Debütalbum aufzunehmen. Im März stehen drei erste Konzerte auf der Insel an.

Zwei Lieder wurden bereits öffentlich gemacht. Das erste, “Not A Friend”, ist eine kurze, harmonische Sixtiesode, die Zeffira alleine singt – in etwa die kleine, schüchterne Schwester von “God Only Knows” der Beach Boys, die sich nachfolgend angehört und unter catseyesmusic.com gegen eine E-mailadresse heruntergeladen werden kann. Das zweite, “I Knew It Was Over”, ist ein trauriges, sakrales Duett mit gar noch mehr Harmoniechören. Hierzu gibt es bereits ein Video, das vermeintlicher Weise nirgendwo anders als im vatikanischen St. Petersdom während einer Messe gedreht wurden sein. Angeblich soll Zeffira, die bereits im Dom gesungen habe, hierfür die nötigen Kontakte aufgewärmt haben, allerdings könnte es sich auch nur um einen geschickten Zusammenschnitt handeln, wirkt das Szenario doch zunächst unglaublich. Aber sehet selbst:


Cat’s Eyes : I Knew It Was Over (Video)


Cat’s Eyes : Not A Friend (Stream)

Cat’s Eyes live
14.02. Manchester, St Philips
15.02. Glasgow, St Andrews
18.02. London, Amadeus Centre

Cloud Nothings

11:30

Zugegebenermaßen, wir haben im letzten Jahr kein Wort über Cloud Nothings aus Cleveland verloren, obwohl sich das herrlich wüste, schroffe und doch eingängige Debütalbum Turning On des damals noch 18-jährigen Dylan Baldi Lied für Lied in unseren Gehörgängen festgesetzt hatte wie kaum ein anderes. Da nehmen wir fast mit Bedauern zur Kenntnis, dass “Should Have”, die erste Single des titelosen (oder eben Cloud Nothings genannten) Zweitwerks schon einen Deut glattgestrichener daherkommt.

Andererseits entschuldigt dafür bereits ein herrlich skurriles Video des New Yorker Regisseurs John Ryan Manning, in dem Mädchen und Jungen nicht nur alle einunddieselbe Frisur haben sondern auch allerhand (sexuelle) Zärtlichkeiten oral mit an ihren Zöpfen austragen. Vom Ekelfaktor her könnte das Video auch als jugendfreie Version von Xiu Xius “Dear God I Hate Myself” gesehen werden, wurden doch als DarstellerInnen ausschließlich High-School-SchülerInnen eingesetzt.

Aufgenommen hat Baldi “Should Have” und die anderen zehn Stücke des neuen Albums gemeinsam mit dem hiesigen Produzenten Chester Gwazda (Dan Deacon, Future Islands) im Baltimorer Copycat Building, einer steingewordenen offenen quasi-Musikkommune bzw. einem Kunstquartier. Die Zeit zwischen dem in den USA bereits 2009 erschienen Debüt und dem Zweitwerk hatte er sich zuvor u.a. mit der Aufnahme eines Split-EP mit Campfires für das ausschließlich Kassetten veröffentlichende Label Bathetic Records vertrieben.

Auf Cloud Nothings ist die Lo-Fi-Attitüde ist nun verflogen, das reißerische Tempo mit Popanschluss ist hingegen verlieben. Für die Dynamik bedeutet das beim ersten Hören der gerade mal etwas mehr als 28 Minuten, die passender Weise am 28. Januar bei Wichita / Cooperative Music erscheinen werden, noch leichte Unentschlossenheit, schon im nächsten Anlauf schält sich allerdings Dylans unverkennbares Melodiegespür wieder hervor, wenn auch nicht jeder Refrain so zündet wie auf dem Vorgänger. Die Produktion also vorerst als Transition, statt Transistor; Übergang statt Verstärkung.

Im Februar sind Cloud Nothings auf Großbritannien-Tour, am 2. März folgt das bislang einzige Deutschlandkonzert im ehemaligen Bang Bang und jetzigen Levee Club inmitten von Berlin.


Cloud Nothings : Should Have (Video)

Cloud Nothings live:
15.02. Newcastle Cluny, Byker
18.02. York Fibbers, York
21.02. Barfly Camden, Camden Town
25.02. Camp Basement, London
25.02. Dempseys, Cardiff
02.03. Levee Club, Berlin

James Blake

16:35

Wir hören zu viel und schreiben zu wenig. Da wurde unsererseits und anno 2010 so manchem nicht schreibend Gehör verschafft, dass er oder sie doch absolut verdient hätte(n). Statt halbgarer Jahresbestenlisten nun also ein (nachgeschobener) Artikel zu… James Blake:

Eine kaum belichtete Wohnung. Schwereloses Obst schwebt umher. Ein verträumter Blick wandert durch die Zimmer. Das Video zu James Blakes jüngster Single “Limit To Your Love” (einem Feist-Cover) zeigt Verzweiflung und melancholische Konfusion. Seine Mimik ist reduziert, insgesamt gibt der 22-jährige Dubstep-Künstler sich distanziert. Seine Stimme ist dafür umso kraftvoller, wenn sie mit dem Piano korreliert.
Der Brite weiß, sein Talent einzusetzen. Seine Gefühle instrumentalisiert er auf epische Weise durch seine Stimme in Konnexion mit Subbasslines und Piano. Neben den Genre-Kollegen Mount Kimbie, Joy Orbison und Scuba lässt auch Blake die Vocals zu einem relevanten Klanginstrument avancieren. Diese, bei Rusko, Rustie, Benga und anderen Dubstep-Künstlern (zumeist) weggelassen, kulminieren nun bei Mount Kimbie (z.B. in “Maybes”) und ihm (“Limit To Your Love”, “CMYK”). Der Gesang als emotive Extension macht dem Hörer das Werk zugänglicher. Mit Blake empfindet man schon fast Mitleid, wenn er auf dem Bett sitzend singt: “There’s a limit to your care.”


James Blake : Limit To Your Love (Feist Cover) (Video directed by Martin de Thurah)

Ob Post-Dubstep, Ambistep oder Post-Klassik (?), der Produzent besitzt ein faszinierendes Bannungs-Potenzial (man höre: “I Only Know (What I know now”), was den empathischen Hörer nicht mehr loslässt. Folgerichtig ist Blake derzeit in nicht wenigen Bestenlisten des Jahres vertreten.
Auf erste Remixe von u.a. Lil’ Wayne und Destiny’s Child (damals noch als Harmonimix) und die erste Single “Air & Lack Thereof” folgten in diesem Jahr drei außergewöhnliche EPs. Vor der im Internet sowie in der Musikkultur polarisierenden Klavierwerke EP (R&S Records), die durch trübe, verschwommene Sounds an narkotisierte Zustände erinnert, zeigte Blake mit The Bells Sketch (Hessle) und CMYK (wieder R&S) bereits im Mai noch seine weniger emotive Seite.
Wo er sich auf den Vorgängen noch an R&B-artigen und rapideren Basslines orientiert, ertönen auf den Klavierwerken Piano, Bleeps und verhuschte Vocals, die man mit unerklärbaren Traumsequenzen beschreiben könnte. Und auch auf seinem gleichnamigen Debütalbum, das am 7. Februar nächsten Jahres auf ATLAS/A&M Records erscheinen wird (Cover oben zu sehen, Titelliste am Ende), dürfen nebulöse Klangelemente und Vokalfetzen erwartet werden. Inspirationen sollen bei der Album-Produktionen unter anderem Bon Iver, Laura Marling und Joni Mitchells Blue gewesen sein, wie Blake Pitchfork verriet.

Ein erster Vorgeschmack ist vielversprechend: In “Wilhelms Scream” geht es um Unwissenheit und Kummert, welche schlichtweg in purer Ausweglosigkeit münden (“I’m fallin’, fallin’, fallin'”). Auf poetische Weise arrangiert Blake erneut Stimme, Piano und Ambientsounds. Da steckt Poesie, da steckt Verletzlichkeit drin. Und wieder ist die musiktherapeutische Ebene erreicht, auf der uns James Blake mitnimmt:


James Blake : Wilhelm’s Scream (Stream)

Kreatives Spielen mit der eigenen Stimme, Bässen, Synthies plus Piano (Blake) oder Gitarre (Mount Kimbie) charakterisiert also die aufstrebenden jungen Dubstep-Künstler aus England. Man darf gespannt sein auf das nächste Jahr; stehen doch unter anderem die vermeintlich ersten Liveauftritt Blakes für den 12. bzw. 14. Januar beim Groninger EuroSonic Noorderslag Festival und im Londoner Plan B an – der Vorverkauf läuft bereits. Jedoch gab er erst letzte Woche und überraschenderweise im Vorprogramm von Everything Everything in Manchester erste Hörproben zum Besten – nachfolgend zu sehen (via The Fader):




James Blake James Blake:
1. Unluck
2. Wilhelm’s Scream
3. I Never Learnt To Share
4. Lindesfarne I
5. Lindesfarne II
6. Limit To Your Love
7. Give Me My Month
8. To Care (Like You)
9. Why Don’t You Call Me
10. I Mind
11. Measurements

Documentary: Making CONTAKT

11:28

In der heutigen Zeit, in der schon alles irgendwie, irgendwo, irgendwann einmal dagewesen zu sein scheint, wird es für KünstlerInnen immer schwieriger, sich in ihrem Liveauftritt von der Masse abzuheben. Das gilt im Besonderen für die elektronische Sparte, die zu meist visuell relativ effektarm hinter ihrem Pult verschwindet. Anstelle von publikumwirksamen, schweißgebadeten Gitarrenfetischismen behilft man sich hier allerdings nicht selten mit ganzen, eigens für die Show konstruierten, lichtgeworfenen Zauberwelten.

Einen der aufwändigsten, ausgefeiltesten und wohl auch richtungsweisendsten Ansätze derartiger Visualierung war sicherlich die CONTAKT Tour des britisch-kanadischen Produzenten und DJs Richie Hawtin anno 2008 gemeinsam mit seinen Kollegen Magda, Troy Pierce, JPLS, Gaiser und Hartthrob – allesamt vom Hawtins Minimaltechnolabel M-nus, das mit dieser Tour sein zehnjähriges Jubiläum feierte. Gemeinsam mit dem Bildkünstler und alten Bekannten Ali Demirel versuchte die Gruppe hier nicht nur dem ZuschauerInnen ein audiovisuelles Spektakel zu servieren, sondern auch – ganz im Sinne moderner Social-Media-Ethen – selbst mit in die Musik und das Projekt mit einzubeziehen. So betraten nicht nur die Künstler auf der Bühne Neuland, als sie sich vom regulären Set-für-Set-Konzept abwandten und versuchten parallel bis abwechselnd ein einziges, großes Set gemeinsam zu gestalten, auch die Konzertbesucher konnten über Internet und vor Ort an einem Contakt-Cube erstmalig die Show live beeinflussen und mit den Künstlern (indirekt) kommunizieren.

Dabei entstand, unter der Regie von Hawtin (hier bei der Premiere im Rahmen des ctm.10 zu sehen) und Demirel selbst die Tourdokumentation Making CONTAKT. Gemeinsam mit Niamh Guckian und Kameramann Patrick Protz schaffen sie hier einen Einblick in die komplexe Planung und Synchronisation aller Beteiligten und Einheiten und zeigen die Höhen und Tiefen der Tour zwischen Detroit, Europa, Buenos Aires und Tokyo und geben dem Zuschauer die Gelegenheit, die Show erstmalig bzw. noch einmal (nach) zu erleben (Ausschnitte aus London, Berlin und Buenos Aires findet ihr weiter unten).

Digital ist die Dokumentation exklusiv bei zero” erschienen. Zugleich verlost mensch dort noch drei der heißbegehrten, exklusiven M-nus-Mitgliedschaften und zehn iPhone-Versionen des Films, die ihr mit eurem nettesten / lustigsten Kommentar auf der zero” Themenseite gewinnen könnt.

Aber auch uns hat zero” etwas überlassen: Wer uns bis Samstag 14 Uhr (29. Mai 2010) hier oder auf Facebook einen Kommentar hinterlässt, kann einen von zwei Downloads des kompletten Filmpaketes inklusive des Soundtracks (oder die iPhone-Version) gewinnen. Viel Glück!

Schmeißt eure eigene Superparty!

12:30

In düsteren Zeiten wie der heutigen fühlt es sich fast schon dekadent an, eine Party für 150.000 € zu schmeißen, aber hey, es ist nicht euer Geld, dafür könnte es aber eure Veranstaltung werden! Bei der Smirnoff Experience Berlin könnt ihr euch euer eigenes Line-Up und eure eigene Location auswählen und zusammen mit 1.500 1.499 anderen Menschen dann am 23. April dort feiern. Und wo das ganze Geld dafür herkommt verrät ja der Titel der Veranstaltung (und das allerhand Wodka für euch fließen wird).

Auf der Webseite der SEB drüben bei den Kollegen und Freunden von der Vice könnt ihr eure Party mit einer Liveband, Support, zwei DJ-Sets auf dem Hauptfloor plus ein weiteres Line-Up auf einem zweiten Floor, ausgewählt von eurem Lieblingsveranstaltungsteam aus der Gegend, zusammenstellen und dann entweder im .hbc, dem Haus am Köllnischen Park oder dem E-Werk in Berlin steigen lassen.

“Leider” sind Simian Mobile Disco schon als Hauptact gesetzt, aber mit dem britischen Electro-Duo hätte man wohl kaum eine bessere Wahl treffen können oder? Dazu könnt ihr so feine Leute wie den Afrikan Boy, These New Puritans, Telonious oder unsere Freunde von Awesome (für den 2. Floor) einladen. Dann gilt es das Ganze ansprechend auf eurem eigenen Poster zu präsentieren und es zur Abstimmung freizugeben, denn nur die Party mit den meisten Stimmen von allen wird am Ende veranstaltet. Und da die “Bewerbungsphase” schon am 13. März endet, solltet ihr euch ranhalten.

Oder ihr lernt euch ganz entspannt zurück, votet einmal für unsere Party mit dem perfekten Disco-Line-up mit den dänischen Dauerbrennern WhoMadeWho, den finnischen Exil-Berlinern Renaissance Man und dem noch ganz frischen und deshalb unso heißerem The-C90s-Duo aus London, und überlasst so uns den ganzen “Stress” für die Party zu werben. Dazu wird Mr Hugo Capablanca den zweiten Floor schmeißen und zwar nackt – wenn er sein Versprechen hält.

Wenn ihr aber lieber selbst gewinnen wollt und dann auch solltet, wird man euch ganze elf VIP-Einladungen (ihr wollt ja bestimmt auch Freunde mitbringen) für die Nacht zukommen lassen.  Man kann übrigens auch für mehrere Parties gleichzeitig voten (um sich abzusichern etwa). Die restlichen Tickets werden unter allen registrierten Nutzern der Seite verlost, bzw. hier, denn wir verlosen 2×2 Tickets für den 23. April – egal mit wem und wo der Event steigt – unter allen Kommentaren unter diesem Artikel. Und guckt noch einmal auf die SEB-Seite, denn Vice verlost noch allerhand mehr Preise während des Wettbewerbs.

Nachfolgend noch einmal die Übersicht über alle 31 (!) zur Auswahl stehenden Künstler und Veranstalter:

Supporting Act: Afrikan Boy, Bugati ForceThe CocknBullKidMetronomy, These New Puritans, WhoMadeWho

Main DJ: Boy 8-Bit, Renaissance ManShit Robot, Telonious, Zombie Disco Squad

Supporting DJ: BiffyThe C90sLes Gillettes, HeadmanShir Khan

COOP, Beatproviders, Awesome, Team From Hell, Creathief, New Judas, keinemusik, Discos Capablanca, Whizzkids, Easyjetset, De:Bug, Bang Bang Berlin, Intro, Groove, Motor FM

Das große Greco-Roman Interview

23:08

greco-roman

Wer diese Seite hin und wieder besucht oder einfach ein sogenannter SzenemultiplikatorIn irgendwo auf dieser weiten Welt ist, dem / der wird Greco-Roman Music bereits ein Begriff sein. Dieses feine Clubprojekt begann mit ein paar geheimen Parties in London, reiste dann mit dem Konzept einmal um die halbe Erde und auf das Glastonbury und veröffentlicht mittlerweile sogar eigene Platten. Nächster Halt: Totale Weltherrschaft.

Natürlich war es dabei nicht gerade hinderlich, dass einer der vier Gründungsmitglieder Joe Goddard von Hot Chip ist, aber was Greco-Roman wirklich aus- und erfolgreich macht, ist ihr spielerischer, offener Zugang zu so gut wie heißem Musikgenre unserer Zivilisation. Und statt um Geld geht es hier vor allem um Spaß und das Entdecken neuer Sounds. Mit Drums of Death und Totally Enormous Extinct Dinosaurs haben sie zudem zwei der derzeit vielversprechendsten Talente der Szene unter ihre Fittiche.

Nachdem wir im letzten Sommer (endlich!) unsere allererste Greco-Roman-Nacht in Berlin überstanden hatten, haben wir uns noch einmal mit einem der Köpfe hinter dem Label, Alex Waldron, auf einen Plausch getroffen. Mit der offiziellen Berufsbezeichnung “A&R Manager” hat Alex sicherlich schon bei mindestens einem eurer Lieblingsalben seine Finger mit ihm Spiel gehabt, umfasst sein Lebenslauf doch (in chronologischer Reihenfolge) Anstellungen bei Island Records, 13Amp, !K7 und aktuell XL Recordings in Berlin, der Wahlheimat des Briten.

Nebenbei hatte er die berüchtigten Über-Alles-Reihe ins Leben gerufen und legte hin und wieder mit solo als Half/Full Nelson oder eben gemeinsam mit Joe Hot Chip auf – eine, wie sich herausstellen sollte, sehr fruchtbare Verbindung, die in Greco-Roman mündete. Laut Eigenaussage auf seinem Myspace, sieht sich Alex selbst in dreißig Jahren “wearing a Hawaiian shirt with a silver pony-tail and sunglasses […] going on about times with Tom Vek, Matthew Herbert, DJ Shadow, Hot Chip and Nine Black Alps”. Das sagt doch schon fast alles oder?

Hallo Alex, alles hat einen Anfang. Wie entstand das Greco-Roman Label?
Vor drei Jahren als wir mit den Parties anfingen. Wir wollten ursprünglich gar kein Plattenlabel werden, obwohl wir uns damit ja alle bestens auskannten, aber die Parties hatten in gewisser Weise ihren eigenen Willen: Irgendwann schrieb David E. Sugar, der auf unseren Parties spielte, diesen Song über uns und wir dachten, dass es wirklich gut ist, wir es veröffentlichen müssten. Damit begann das Label.
Die Platte sollte ein Flyer für die nächste Party werden, sodass man freien Eintritt zu ihr erhielt, wenn man die Scheibe kaufte, die ein White Label werden sollte. Dann hatten wir aber den ersten Remix fertig und plötzlich wollten auch Jesse Rose und Hot Chip einen machen. Auf einmal hatten wir all diese Remixe im Postfach und damit fühlte sich alles etwas professioneller an, sodass wir die Single richtig und offiziell verkauften. Das war es.

Wer ist “wir” bei Greco-Roman?
Nun, ich mache selbst keine Musik, aber Joe wird ein Soloalbum machen, das wir hoffentlich diese Woche vollenden. Dann wird es noch eines von Drums of Death geben. Natürlich wollen wir in erster Linie gute Musik veröffentlichen, die eigentliche Idee ist aber, dass diese die Parties repräsentiert. Deshalb muss jeder veröffentlichende Künstler eine sehr starke Persönlichkeit haben. Sie sehen alle gut aus, haben eine gute Lichtshow etc. Es ist wirklich wichtig für uns, sie zuerst live gesehen zu haben, bevor wir etwas veröffentlichen.
Jetzt hoffen wir, dass die Leute die Musik hören und zu unseren Parties kommen. Wir experimentieren dort viel: Joe spielt viel. Er ist zwar in einer Band und legt oft auf, aber er mag die Parties, weil sie für ihn ungezwungener sind. Es sind seine Parties, also kann er machen, was er will. Wir probieren mehr aus, manchmal spielen wir back-to-back mit anderen Künstlern oder Alexis oder Owen von Hot Chip kommen vorbei und probieren zusammen neue Songs aus, während sie Masken tragen und sich einfach gehen lassen. Wir sind alle Freunde und man kann sowas auch nur mit Freunden machen.

Joe hat auch so gut zu tun. Gerade hat er zwei Stücke für Little Boots Debütalbum produziert, bevor sie es in den Sand gesetzt hat…
Ja, ich weiß. Er war ziemlich froh, nicht das gesamte Album produziert zu haben. Vielleicht hätte er es aber tun sollen – dann wäre es um einiges besser geworden. Aber er will sowieso verstärkt als Produzent arbeiten. Gerade produziert er Drums of Death’s Album. Er schreibt zwar nicht mit ihm, aber er hilft ihm, seinen Sound zu finden.

A la Rick Rubin?
Vielleicht. Ich kenne Rick Rubins Stil nicht wirklich. Joe leiht ihm sein Equipment und gibt ihm vor allem viele Tipps, wie er das Album vollenden kann. Das ist immer das schwierigste für jeden Künstler, aber Drums of Death hat nicht nur eine, sondern fünf neue Ideen am Tag – und sie sind alle unglaublich, aber er beendet nie einen entsprechenden Song. Wenn er aber mit Joe zusammen ist, kann er seinen Arbeit vollenden.
Als Drums of Death anfing, hat er noch nur harte Beats produziert, die clubigen, sechs Minuten langen Beats. Das hat sehr gut im Club funktioniert und seiner erste EP war in etwa von dieser Art. Aber über die Monate hinweg hat er sich als Songschreiber wirklich entwickelt. Er singt seine Lieder richtig und spielt viel mehr am Piano ein. Die neue Single (“Got Yr Thing”) ist zwar eine ziemliche Clubnummer, aber der Rest auf dem Album ist vielmehr songorientierter, wie bei Gonzales etwa.

Das klingt gut, aber lass uns nochmal auf die Parties zurückkommen. Wie habt ihr damals die erste organisiert?
Das war spontan. Joe und ich legten seit gut einem Jahr als Greco-Roman auf; noch bevor Hot Chip richtig groß wurden und ich nach Berlin zog, um bei !K7 anzufangen. Das machte uns immer einen riesen Spaß und wir wollten unsere eigenen Parties dafür organisieren. London ist echt mies – oder war es besser gesagt vor vier, fünf Jahren. Die Clubs waren sehr teuer und es war schwierig mehre Stile in einem zu finden. Es gab Clubs für House, für Techno, Drum’n’Bass und für Hip-Hop. Aber wir mochten alles. Heute ist es recht gängig, so etwas zu behaupten, aber vor dreieinhalb Jahren war es noch sehr interessant alles zu vereinen.
Also organisierten wir unsere Party, und zwar drei Tage vorher, und kündigten am nächsten Tag an. Wir waren in eine Lagerhalle im Londoner Nord-Osten gegangen und erwarteten eigentlich, das niemand aufkreuzen würde. Stattdessen tauchten 400 Leute auf! Und das alles nur, weil Joe auf Hot Chip’s Myspace geschrieben hatte, dass er ein paar neue Sachen ausprobieren wollte.
Allerdings waren wir so ziemlich unorganisiert und nur ein Turntable funktioniert durchgängig. An der Tür hatten wir auch niemand. Matthew Herbert, der uns sehr gut kennt und andersherum, tachte auf und meinte, wir würden jemanden für die Tür brauchen. Und dann hat er es selber gemacht, stand zwei Stunden da für uns – unglaublich! Aber Matthew war gerade von einem Naturausflug zurückgekommen, bei dem er mit einem berühmten Typen aus dem Fernsehen für ein, zwei Wochen im Wald gezeltet hatte, sich nur von Würmer ernährte, im Fluss badete und das auch noch überlebte. Also stand er da mit einer riesigen Bart- und Haarpracht an unserer Tür! Dann wollte er aber unbedingt etwas trinken, weil er noch erschöpft war, und verließ den Eingang irgendwann einfach, sodass unsere Kasse dort alleine rumstand und jeder umsonst reinkam.
Letztendlich war es eine magische Nacht, eine sehr besondere. Also haben wir noch eine an einem anderen Ort einige Monate später gemacht und noch mehr Leute kamen. That was again fucking awesome. David E Sugar spielte dort und dann gingen wir nach New York um dort im November eine Party zu veranstalten und sein etwas soundclashartiger Song „OI NEW YORK THIS IS LONDON!“ war extra dafür bestimmt.

Gab es eigentlich jemals eine US-amerikanische Antwort?
Nein. Sie waren wirklich interessiert und viele Leute kamen, wahrscheinlich wegen der Hot-Chip-Verbindung. Außerhalb Englands nimmt man uns vor allem durch Joe und Hot Chip war, aber eigentlich sind wir vier Personen bei Greco-Roman, er ist nur ein Viertel. Jedenfalls gab es das gewollte „OI LONDON THIS IS NEW YORK“, aber die Idee bleibt dennoch, dass wir möglichst viel als Greco-Roman reisen und unterschiedlichste Parties in unterschiedlichsten Ländern veranstalten.

In Deutschland hat euch das etwa nach Ulm verschlagen.
Ja, ich kannte den Veranstalter aus Berlin. Also sind wir bin ich mit Drums of Death und Raf Daddy dort hingefahren.

Und ihr wart in Austin, Texas.
Das war im letzten November mit Drums of Death und Joe; die vielleicht beste Party überhaupt. Ich war nicht dabei, aber sie erzählten mir davon. Jemand hatte einen Garten mit Swimmingpool in seinem Garten und veranstaltete dort gerne Parties, also ließ er uns dort eine machen. Am Ende kamen 650 Leute, kletterten sogar über die Mauern um rein zukommen und irgendjemand rief die Polizei…
[In diesem Moment unterbricht uns der fremde Mann vom Nachbartisch plötzlich und erzählt Parties, die er in L.A. Alex verabredet ein Gespräch mit ihm im Anschluss.]
Ich bin wirklich interessiert daran, in L.A. etwas auf die Beine zu stellen… Entschuldige bitte, wo waren wir?

Wir haben über eure internationalen Parties gesprochen. Wo wart ihr noch?
In Moskau – fucking weird -, Lyon – das war großartig -, natürlich London und Berlin. Wir sollen auch nach Paris gehen und werden bald in Tel Aviv eine Party veranstalten.

Ich vermute also, dass ihr Global Players seid.
Du weißt ja, was wir damit heraus tragen wollen… Es ist für jeden von uns ein Nebenprojekt und weder eine Hot-Chip-, noch eine !K7-Sache. Wir spielen also nur in Städten, in denen wir es auch wirklich wollen. Gerade fasziniert uns eben Tel Aviv, also gehen wir dort hin. Verstehst du, was ich meine? In Paris sind zwar manche Teile der Szene wirklich erstaunlich, aber dort gibt es nicht gerade die allerinteressantesten Plätze, wo ich feiern wollen würde. Hier geht es darum, neue Orte zu erkunden. Vielleicht ist Ulm dafür kein gutes Beispiel, aber wenn wir etwa nach Schweden gehen, gehen wir nach Malmö und nicht nach Stockholm.

Warum spielt ihr dann auf Festivals wie dem Glastonbury?
Weil sie viel Spaß bringen. Wir versuchen dort kleine Ableger unserer Parties zu veranstalten. Wir nehmen uns drei, vier Stunden für das Set und packen eine normale Londoner Party in diese paar Stunden. Da spielen dann viel zu viele Djs, dann noch Liveacts und sogar solche, die dann noch über die Dj-Sets mc’en, um zu sehen, ob es auch vor tausend Festivalbesuchern funktioniert.
Das hat letztes Jahr beim Glasto’ sehr gut funktioniert, aber bei einem anderen Londoner Festival dann auch nicht. Es war das totale Chaos, wir waren schrecklich. Es legten die schlechtesten Djs auf, die ich jemals gesehen haben, und wir waren diese Djs… Aber wir experimentieren dort eben viel, spielen neue Songs und Freunde stoßen dazu.

Und die Zuhörer sind dann für gewöhnlich eure eingeschworene Fangemeinde?
In gewisser Weise, ja. Ich arbeitete die ganze Zeit und wollte deshalb das nicht so vorantreiben, wie ich andere Dinge normalerweise vorantreibe. Ich wollte, dass die Leute zu uns kommen, also gab es nie Werbung. Wir sind sehr von Mundpropaganda abhängig. Und in London ist das kein Problem: Da so viele Leute involviert sind, tauchen trotz allem mehr als 400, 500 Leute auf. In Berlin hätte ich da aber ein Problem, weil ich hier nicht so viele Leute kenne und alles alleine mache. Aber es ist toll, dass wir jetzt mit unseren Künstlern und unserer Arbeit um die Welt reisen können.

Eure aktuelle Statistik zeigt vier Veröffentlichungen in zwei Jahren. Das sieht nicht gerade sehr rege aus. Ihr wollt bestimmt, dass alles natürlich wächst oder?
So in etwa. Wir hatten ja alle unsere Arbeit, ich bei !K7 und der Rest auch. Es war also schwierig, Zeit für die Veröffentlichungen zu finden. Aber jetzt werden wir zwei Alben und mehr raus bringen. Außerdem geht es nicht nur um die Musik, sondern auch um den Auftritt. Man findet kaum Künstler, die fantastische Musik machen, gut aussehen und eine großartige Lichtshow haben. Auf solche Leute muss man warten.

Ha, über das Aussehen sollten wir nochmal reden: Totally Enormous Extinct Dinosaurs sehen eher seltsam, denn gut aus.
Nun, sie sehen vielleicht nicht großartig, dafür aber interessant aus. Ich glaube es geht darum, dass wir alle von Livemusik fasziniert sind, wie Hot Chip. Man muss wirklich festhalten, dass sie eine gute Band abgegeben. Außerdem wollte ich nach unserer ersten Party hier diese Wir-feiern-bis-in-den-frühen-Morgen-Mentalität nach London bringen, denn vor zwei, drei Jahren hat jeder Club noch um zwei oder drei Uhr bereits zugemacht. Auf der anderen Seite wollte ich das eklektische an London nach Berlin transferieren, denn hier spielen die DJs über all für Stunden den selben Beat oder legen gar mit Laptops auf.

Das ist nich das Wahre.
Genau, ich will eine Show haben. Ich will mir etwas anschauen können und unsere Musik soll anders sein. Bei Greco-Roman verändern wir unsere Musik stetig.

Ah, so langsam kommen wir zu eurer Wrestlerattitüde. Woher stammt der Name Greco-Roman?
Wenn Joe und ich auflegten, fühlten wir uns wie Wrestler. Wie waren betrunken. Es war eine sehr lustige Nacht. Und dann blieb das hängen und wir sind dem Ganzen etwas nachgegangen. Ich mag es, weil es nicht wie stupides US-amerikanisches Wrestling ist. Es ist eher…

Klassisch.
Es ist tatsächlich klassisch. Es ist langsam, schwitzig und ziemlich unsexy.

Aber immer noch erotisch.
Es ist etwas erotisch, weil es hier um Schwitzen und Umarmen geht. That’s Greco-Roman.

Und wer ist der Künstler hinter euren ganz modernen und fantastischen Artworks?
Er heißt Lorenzo (Fruzza) und ist ein Illustrator in London. Er ist unglaublich und arbeitete für ein paar Werbeagenturen, als er unserer erstes Cover gestaltete. Es war sehr, sehr gut, also durfte er weitermachen. Er wird auch immer besser und besser und die Leute nehmen ihn genauso wahr wie die Musik. Das ist cool, schließlich ist er noch sehr jung und wartet auf seinen Durchbruch.

Das TEED-Cover hat mir besonders gut gefallen.
Ja, ich glaube, das war bis dato sein bestes. Das Drums of Death ist ebenfalls wirklich gut. Die Idee dahinter war, dass jemand sein Herz gestohlen hat und man ihm stattdessen eine Drumcomputer eingesetzt hat.

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Drums of Death deeyaing in London

Also wird es das Album nun im Herbst geben?
Es sollte schon vor zwei Monaten fertig sein. Er ging mit Peaches auf Tour und ich meinte: “Du weißt, dass wenn du es jetzt nicht beendest, wirst du es nach der Tour niemals schaffen.” Aber er meinte nur: “Ja, ja, ich weiß.”, und ließ das Album halbfertig zurück. Ich werde schon langsam ein bisschen verrückt, aber es sollte diese Woche geschafft sein.

Also arbeiten er und Joe gerade daran?
Ja, sie werkeln an ihm in seinem Schlafzimmer. Jeder in London nimmt in seinem / ihrem Schlafzimmer auf, da man hier kaum einen Platz dafür wie etwa in Berlin bekommt. Hot Chip haben mittlerweile ihr eigenes, aber auch erst jetzt, für das vierte Album. Die ersten drei wurden alle in Joes Schlafzimmer gemacht und das ist sehr klein, etwa von hier nach da.
[Alex malt einen kleinen Raum in die Luft, in dem er auf die Stühle direkt links und rechts von uns zeigt.]
Wirklich klein. Er hat dort ein Doppelbett für sich und seine Frau, sowie einen Tisch mit seinem Computer und allen Platten stehen. Das war es. Und dort haben sie bis jetzt alle ihre Alben gemacht. Bei Drums of Death ist es das selbe: Er hat einen Tisch, ein Bett und einen Stuhl. Im Prinzip sind ihre beiden Schlafzimmer identisch.

Es gibt da diese Theorie, dass man angesichts schwierigerer Umstände bessere Musik macht.
Vielleicht. Zumindest macht man die Musik dann schneller. Etwas, das ich in London bemerkt habe, ist die Eile, der Druck, die in der Luft liegen. Die Menschen treiben alles wirklich sehr stark voran. Ich weiß nicht, ob das besser ist oder nicht, aber die Art ist eben verschieden. Mir gefallen da Teile beide Alternativen, aber Drums of Death macht die Musik, weil er das Geld braucht. Trotzdem können auch reiche Leute gute Musik machen.

Und warum machst du keine eigenen Platten?
Ich weiß es nicht.

Hast du es versucht?
Ja, aber ich war wirklich mies. Deshalb habe ich immer für Plattenfirmen gearbeitet. Ich kann selbst nicht Musik machen, wollte aber immer mit ihr arbeiten. Ich habe immer verstanden, worum es geht, was gut aussehen würde und werde daran interessiert sein würde.

Eine Gabe.
Das ist auch das Gute an Greco-Roman: Ein Musiker und Produzent, einen A&R-Manager, ein Künstlermanager und jemand, der bei der Bank arbeitet – mehr braucht es nicht. Dann haben wir noch zwei weitere Leute. Der eine betreibt schon eine Label und der andere ist Radiomoderator und DJ. Alle kommen aus verschiedenen Richtungen, was von Vorteil ist. Einzig jemand, der die Parties bewerben würde, fehlt. Daher sind die aber auch so ein großer Spaß. Allerdings verdienen wir damit kein Geld, denn wir sind nicht sonderlich gut darin. Naja, wir haben etwas Geld mit der ersten gemacht und es dann aber schnell mit den nächsten wieder verloren. Es fühlt sich dafür immer noch wie eine Party und nicht wie eine reguläre Clubnacht an.

Und wie sieht es mit den Veröffentlichungen aus?
Nein, mit denen verlieren wir ebenfalls Geld. Aber wir bekommen es durch die Festivalgagen, das ist auch ein Grund, warum wir dort spielen. Sie bezahlen besser als jeder andere.

Wagen wir einen Blick voraus: Sucht ihr noch nach neuen Künstlern?
Ich denke, wir haben schon genug und suchen deshalb auch nicht aktiv nach neuen, aber ich will mir immer neue Sachen anhören. Außerdem wollen wir auch unterschiedlichste Musik aus verschiedenen Genren veröffentlichen. Wir haben schon eine Electro-Platte gemacht, eine Disco-Pop- und eine Rave-. Ich würde gerne noch eine Dubstep- und eine Garage-Platte rausbringen. Vor zwei Wochen haben wir uns auch mit einem Indiekünstler, Wolf Gang, über eine Single unterhalten, aber sie kam nicht zustande.

Also wird Greco-Roman zu einer Art Kitsuné heranwachsen?
Ja, so ähnlich. Sie touren viel und haben eine sehr klare visuelle Identität. Wir machen ungefähr das selbe, nur mit etwas mehr Spaß.

Wie sieht deine Zukunft und die des Labels aus?
Ich werde mit Pferdeschwanz im Pool abhängen (gerade trägt Alex übrigens Glatze). Ach, ich weiß nicht. Ich würde sagen: Viele Parties in vielen, verschiedenen Städten und viele Fehler, gerade live.

Und wenn die Menschheit mal eines Tages den Mars besiedeln wird und ihr als erstes DJ-Team überhaupt rüber fliegen dürftet, wäret ihr an Board?
Ich würde wohl nicht Drums of Death mitnehmen. Er würde die Marsianer verschrecken.