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Herman Dune : Interview x Verlosung

19:00

Mit Strange Moosic haben David-Ivar “Yaya” und “Cosmic” Néman Herman Dune dieser Tage ein sommerliches und erquickendes Pop- und Folkalbum mit großartigen Texten vorgelegt, das schnell eine große Hörerschaft finden dürfte. Das gelang zwar schon vielen der insgesamt acht Vorgängeralben des französisch-schweizerischen Duos, selbstverständlich wäre es deshalb noch lange nicht. Schließlich wagten sie dieses Mal das Experiment und nahmen sich vor den Albumaufnahmen in Portland ihre erste echte Auszeit von der Band in mehr als zehn(!) Jahren. Wir haben mit Herman Dune über die Erkenntnis von Bedürfnissen, Reisen, den Einfluss der US-Kultur und ihr neues Video zusammen mit Mad-Men-Schauspieler Jon Hamm gesprochen.

Vorab aber noch eine Information: Derzeit sind Herman Dune auf auf Europatournee, spielen etwa heute Abend in London und am 14. Juni mit Waters und Wye Oak beim City Slang Summer Slang “Strange Moosic” im Festsaal Kreuzberg, Berlin. Wir verlosen noch 2×2 Karten für diesen Abend. Wie immer entscheidet dabei das Los, nur diesmal bitten für euch um einen Kommentar auf unserer Facebook-Seite. Viel Glück!

-Interview-

David, Néman, wie geht es der Familie der blauen Yetis?
DAVID-IVAR: Ziemlich gut. Sie hatten Ausstellungen und so weiter. Baby Blue ist im neuen Video zu sehen. Es ist viel los.
NÉMAN: Sie waren in Texas und Kalifornien und sind richtige Globetrotter geworden.

Einer ist auch auf dem Cover von Strange Moosic zu sehen. Die zweidimensionale Gestaltung erinnert an Videospiele wie Farmville oder Zoo Tycoon. Was für Spiele spielt ihr?
D: Ja, es ist eine Sim-City-artige Gestaltung, aber ich wollte dort eine Waffle-House-Filliale zeichnen. Ich bin jedenfalls ein großer Nintendo-Fan, spiele viel Mario Cart. Aber das ist nichts, was ich weiterempfehlen würde, denn ich habe recht viel Zeit mit dem Spielen verschwendet. Ich kann etwa zwei Stunden mit Zoo Keeper, einem großartigen Spiel, verbringen, aber könnte in der Zwischenzeit auch schon drei Lieder geschrieben haben. Und die Arbeit macht ja Spaß, wenn du ein Texter bist und einen Refrain entwirfst. Wenn du aber wiederum deine Arbeit hasst, dann geht es dir wohl mit Videospielen tatsächlich besser.
N: Spiele können mich sehr schnell begeistern, aber ich spiele sie nie sehr lange, werde nicht süchtig danach.
D: Néman hatte ohnehin nie eine Suchtpersönlichkeit, was ihn für mich zu einem Schutzschild werden lässt. Ich kenne ihn seit Jahren und beispielsweise kann er rauchen ohne davon abhängig zu werden. Als ich aber mit Super Mario World anfing, musste ich es vollenden. Es war schwierig, aber eines der besten Spiele überhaupt. Es hat mich verrückt gemacht.

Also hast du noch nicht eine Sucht gegenüber der Musik selbst, Néman?
N: Das ist lustig. Wenn ich meine Eltern in ihrem Sommerhaus in den Schweizer Bergen besuche, ist das wohl die einzige Zeit und der einzige Ort in der bzw. an dem ich keine zu hören brauche. Normaler Weise habe ich immer Platten um mich herum und kaufe auch viele davon. Dann hält mich aber schon das bloße draußen Sein, das Klettern oder Schwimmen davon ab, süchtig zu werden.

David, du meintest gerade, drei Stücke in nur zwei Stunden schreiben zu können. Das wiederum klingt nach einer nahezu suchtartigen Schreibgeschwindigkeit.
D: Das weiß man nie. Zu manchen Lieder kann man oftmals wiederkehren, jenen Teil oder jenen Reim zu ersetzen zu versuchen oder an der Melodie arbeiten. Aber manche kommen auch sehr schnell. Du kannst etwa eine schlaflose Nacht haben, einfach nur mit deiner Gitarre und voller Inspiration.

“Ich bin jetzt 44 und es gab nie ein Jahr, zudem ich zurückkehren möchte.”

Der besondere Umstand des Albums ist, dass ihr euch zum ersten Mal Zeit für eine wirkliche Pause vom Touren und Aufnehmen gegönnt habt, bevor ihr euch mit ihm auseinandergesetzt habt. War es schwierig, wieder in den Rhythmus zu kommen?
D: Nein, es hat Spaß gemacht. Zu etwas zurückzukehren bedeutet, dass du es tatsächlich und wirklich gewollt und gebraucht hast, was du vorher gar nicht wissen konntest. Es war toll diese Pause zu nehmen und diese Bedürfnis wiederkommen zu spüren, gerade da wir für so lange konstant am Stück gespielt haben. Die Pause war eine gesunde Entscheidung.

Es war also eine Art Selbsttest?
D: Die Musik war nie ganz weg. Ich haben jeden Tag gespielt. Aber wir mussten wissen, ob zum Aufnehmen eines Albums und Spielen des selben auf Konzerten, wirklich noch das war, was wir wollten. Und für mich war es eben tatsächlich immer gut und das, was ich wollte.

Habt ihr eure Entscheidungen in der vorangegangenen Dekade des permanenten Touren und Aufnehmens jemals zuvor derart infrage gestellt?
D: Es war eine durchweg gute Zeit. Es gab nur wenige Male, an denen wir uns erschöpft fühlten, an denen ich dachte, es wäre vielleicht besser ein Studiomusiker zu sein und mit dem Hund zuhause zu bleiben, oder eher ein Produzent und Texter statt eines tourenden Künstlers zu sein.
N: Es braucht viel Energie, aber ich habe es nie bereut. Die letzten zehn Jahren waren die besten meines Lebens und ich hoffe, dass sie andauern werden. Ich könnte es mir nicht vorstellen, irgendetwas Anderes als Musik mit meinem besten Freund zu machen, auf Tour zu sein und alle diese unterhaltsamen Menschen zu treffen. Wir sind sehr glücklich.
D: Es ist ein toller Beruf, gleichwohl aber auch allerhand Arbeit. Der kreative Teil nimmt sehr viel von dir.  Und viele Leute, die ich kenne und die es wohl so niemals direkt sagen würden, denken, dass ihre beste Jahre, jene in der Schule oder an der Universität waren. Das spüre ich an der Art, wie sie reden. Aber für mich war bisher jedes einzelne Jahr besser als das davor. Ich bin jetzt 44 und es gab nie ein Jahr, zudem ich zurückkehren möchte.

Eine sehr lebhafte Thematik in Strange Moosic sind auf road trips gesammelten Erfahrungen, in “Ah Hears Strange Moosic”, “Be A Doll And Take My Heart”, “Just Like Summer”, “Lay Your Head On My Chest”. Seid ihr auch während der Pause weiter herumgereist?
D: Jetzt, wo du es sagst, verbarg sich dahinter wohl ein Freud’scher Wille, wieder auf Tour gehen zu können oder meinerseits wie Willie Nelson singen und schreiben zu können, ha. Herumzufahren ist fantastisch, man. Etwa für Wörter und Melodien ist es ein großartiges Mittel, um zu neuen gelangen. Und wenn ich nicht auf Tour bin, liebe ich es einfach, irgendwohin zu fahren.

Ohne Ziel?
D: Mal mit einem, mal ist es auch der Weg wichtiger als das. Und dabei spreche ich nicht von Flugzeugen, denn die gefielen mir nie. Es ist ein Stress wie wenn man in einem Bus sitzen würde für zehn Stunden.
N: Flughäfen sind am schlimmsten. Aber Autofahren oder auf einem Boot und in einem Zug sind gute Wege, um irgendwohin zu kommen.

Was für Autos fahrt ihr? Ältere Modelle wie jenes aus dem Video zu “Tell Me Something  I Don’t Know”?
D: Ich würde liebend gerne so einen alten Chevy fahren. Ein Malibu war das beste Auto, das ich jemals gefahren habe, aber für gewöhnlich fahre ich einen Honda. Auf Tour sind es dann Transporter von Mercedes oder Volkswagen.

Chevrolet ist eine US-amerikanische Ikone, Strange Moosic wurde zudem in Portland, Baltimore, aufgenommen. Welchen Einfluss hatten die USA und die Reisen durch sie hindurch auf den auf den kreativen Prozess?
D: Für mich sind Amerika und die Vereinigten Staaten sehr wichtig. Meine Kultur stammt von dort. Ich liebe es, dahin zu fahren, Englisch zu sprechen, die Landschaft zu sehen, durch Missouri oder Kalifornien zu fahren. Wenn wir in den USA waren, hatten wir immer Spaß und alle waren nett zu uns. Ich fühle mich dort zuhause, gerade da es die Geburtsstätte des Rock’n’Roll ist. Das lässt immer Erinnerungen an bestimmte Lieder hochkommen.

“Warum verbringen manche ein Leben damit, auf ein Wunder zu warten, wenn alles um dich herum eines ist?”

Kannst du einen solchen Moment bitte beschreiben?
D: Venice, Los Angeles, lässt mich an Orson Welles’ Touch of Evil denken, das dort gedreht wurde. Oder ich denke an the Doors, die dort gelebt haben. Und erst New York… Alles zwischen Woody Allen, Seinfeld, Bob Dylan erscheint. Es fühlt sich gut an, nach Chicago zu kommen mit der Vorstellung, dass Chuck Berry und Muddy Waters dort vor dir gespielt haben.

Dem Lied “Monument Park” gelingt es sogar, die Atmosphäre der USA in den 1950ern einzufangen. Andererseits singt ihr in “Tell Me Something I Don’t Know”: “Every new band sounds like I heard them before.” War das nur ironisch gemeint?
D: Wahrscheinlich ist es das. Wir mögen es, ältere Geräten zu benutzen, meine Gitarre ist etwa von 1954. Aber wir mögen nur die Klänge, wir wollen nichts reproduzieren.
N: Sogar die Synthesizer, die wir benutzen, sind mittlerweile Vintage.

Es gibt auf dem Album zwei Stellen, wo Natur als ein Wunder beschrieben wird. Woher rührt diese Ansicht?
D: Meine Aufmerksamkeit wurde durch das Lesen von Büchern darauf gerichtet. Dort wurde alles als ein Wunder angesehen. Allein die Tatsache, dass die Natur so schön ist, ist ein Wunder für sich. Warum verbringen manche ein Leben damit, auf ein Wunder zu warten, wenn du erkennen könntest, dass alles um dich herum, zum Beispiel der wehende Wind, eines ist?


Herman Dune : Tell Me Something I Don’t Know (Video)

Wer hatte die Idee Jon Hamm für das Video “Tell Me Something I Don’t Know” zu besetzen?
D: Als ich das Skript schrieb, wollte ich bereits, dass ein Komiker den Fahrer spielt. Das würde am besten funktionieren, denn alles würde sehr leise sein und ich wollte, dass die Person lustig ist und eine starke Mimik besitzt. Zuerst dachte ich, es wäre total komisch, Laura David in das Auto zu setzen. Aber als ich mit (unserem Regisseur) Toben (Seymour) nochmals am Skript saß, schlug er Jon Hamm vor – nicht wegen seiner Rolle in Mad Men, aber wegen30 Rocks, wo er sehr lustig ist. Er hat ein tolles Gesicht und als ein großer Fan von Hitchcock denke ich, dass er etwas von Cary Grant oder James Stewart, diesen klassischen Typ Mann, hat. Es war eine famose Idee, aber ich glaubte nicht wirklich daran, weil er zu bekannt war. Aber Toben hat ihn einfach gefragt und er sagte Ja.

“Am Set gab es einen Haarstylisten nur für Jon, aber er hat sich auch um den Yeti gekümmert.”

Konnte euch Jon ein paar Dating-Tipps geben?
D: Meinst du etwa, wir würden solche brauchen?

Das nicht direkt, deshalb besser formuliert: Konntet ihr euch mit ihm über Dating-Tipps austauschen?
D: Er hat die Frauen definitiv angezogen. Er ist tatsächlich sehr stattlich, nicht wie all diese Schauspieler, die im echten Leben viel kleiner sind als im Film. Es ist groß und sehr stark, sieht gut aus, hat eine sehr männliche Stimme. Aber das ist natürlich keine eigentlicher Tipp, gut auszusehen. Wenn ich jedenfalls ein Mädchen wäre, würde ich ihn wohl attraktiv finden. Ich weiß zumindest, dass meine Freundin es tut. Ich möchte nicht über sein Privatleben reden, aber von dem, was er uns erzählt hat, schien er nicht wie ein zweiter Jack Nicholson zu sein, sondern eher ruhiges Liebesleben zu führen.

Zurück zum Yeti, einem sehr haarigen Monster. Gibt es irgendeine Verbindung zwischen seinem Haar und Davids langem Bart?
D: Ich male diesen Charakter jetzt schon über eine sehr lange Zeit hinweg und meistens war er da ein Alter Ego, ein Abbild meinerselbst. Wenn ich mich selbst in meinen Träumen sehe, war ich der Blue Yeti. Deshalb habe ich ihn so gemalt, in Visionen und traumartigen Szenen. Aber im Video ist es sein Sohn, Baby Blue Yeti, der wiederum meines Traum-Ichs Kind wäre. Ich denke nicht, dass er auch nur im Ansatz aussieht wie ich, aber er ist ein cooler kleiner Kerl.

Aber ihr trimmt den Yeti nicht oder?
D: Doch, als die Puppe gemacht wurde. Sie (das Furry Puppet Studio) haben dafür sehr langes Haar genommen, das sie dann schneiden mussten, um alles wie auf den Zeichnungen aussehen zu lassen. Es ist überall das gleiche Haar, nur um die Augen etc. eben sehr kurz getrimmt, um da ein Gesicht entstehen zu lassen. Am Set gab es einen Haarstylisten nur für Jon, aber er hat sich auch um den Yeti gekümmert.

Kam zu einem Haarkampf zwischen den beiden?
D: Ich glaube, der Yeti hat knapp gewonnen.

Herman Dune Strange Moosic ist bei City Slang erschienen. Ein Interview mit Jon Hamm zum Videodreh findet sich beim Interview Magazine. PHOTO: Estelle Hanania


Herman Dune : Tell Me Something I Don’t Know

Herman Dune live:
Monday, June 6th: LONDON UK at Xoyo
Tuesday, June 7th: AMSTERDAM NL at Paradiso
Wednesday, June 8th: BRUXELLES BL at La Maison Des Musiques
Thursday, June 9th: PARIS FRANCE at LE TRIANON
Tuesday, June 14th: BERLIN D at Festsaal Kreuzberg
Wednesday, June 15th: VIENNA Austria at Chelsea
Thursday, June 16th: GAMBETTOLA IT at Tressessanta Club
Saturday, June 18th: LUZERN Switzerland Festival B side
Thursday, June 30th: EGERSUND Norway Vidfestival
Saturday, July 2nd: CAEN / HEROUVILLE, FR Festival Beauregard
Tuesday, July 5th: CALVI CORSICA at Calvi On The Rocks
Thursday, July 7th: LIÈGE BL at Festival Des Ardentes
Saturday, July 9th: TOURS FR Festival Terre Du Son
Friday, July 15th: BENICASSIM FIB Spain
Wednesday, July 20th: GENT BL at Boomtown
Saturday, July 23rd: METZ FR at Centre George Pompidou

Bag Raiders : Jägermeister WHT Interview

13:19

Nein, das obige Photo zeigt keine zwei einsamen (aber geschmackvollen) Robinson Crusoes, die glücklich ihre Rettung zelebrieren. Auch wenn die Palmen und Bärte das vermuten lassen. Es handelt sich um die Bag Raiders, ein australisches Gemeinschaftsprojekt von Chris Stracey und Jack Glass, stolze (kreative) Väter) einiger der besten Discostücke der letzten beiden Saisons, die sich auch auf ihrem demnächst ebenfalls international erscheinendem Debütalbum finden lassen. Bevor sie am Donnerstag mit der Jägermeister Wirtshaus Tour (und Peaches sowie aUtOdiDakT) in Stuttgart spielen, nahm sich Jack noch einmal die Zeit, um mit uns die ersten deutschen Erlebnisse, den Weg zum Erfolg (und Mobilfunkverträgen) und ihre künstlerischen Neigungen zu diskutieren. Ganz nebenbei bekannte er sich noch zur Liebhaberschaft einer sehr, sehr deutschen Spezialität.

Hi Jack, mittlerweile habt ihr drei Auftritte in Deutschland absolviert. Wie wurden sie vom Publikum aufgenommen?
Bis jetzt wirklich gut! Wir haben jetzt sogar schon vier Nächte hier gespielt. In München und Saarbrücken haben wir aufgelegt, in Berlin und letzten Samstag in Hamburg haben wir live gespielt.
Sie waren alle unglaublich auf ihre eigene Art und Weise, auch sehr verschieden. Wir waren in der Nacht nach Saarbrücken in München und es wäre schwierig, noch einmal zwei derart unterschiedliche Städte als diese zwei zu finden!

Es ist überhaupt eure erste Tour durch Europa. Was hat sich als genauso wie von euch erwartet erwiesen, was nicht?
Es so ziemlich das, was wir erwarteten. Ich habe mich immer darauf gefreut, hier einmal touren zu können (es hat ja ein paar Jahre gedauert), denn jede Stadt ist neu und aufregend hier. Ich liebe es etwa durch die USA zu touren, aber wenn du dort zehn Auftritte hast, sind die großen Städte aufregend, die kleinen seltsam und interessant, aber nichts ist großartig verschieden. In Europa sind wir an jedem Tag in einem anderen Land und erleben all diese erstaunlichen Städte mit ihren reichen Historien. Wir lieben das!

Habt ihr bereits ein deutsches Wirtshaus in Vorbereitung auf Stuttgart ausprobiert?
Ich denke nicht! Wir hatten allerdings zahllose Biere und Würste. Aber für das Echte kommen wir wohl besser etwas früher nach Stuttgart!

Einer eurer ersten Auftritte oder sogar der erste, soll im Empire von Brisbane stattgefunden haben, eine ähnlich kleine Lokation wie das Calwer Eck. Was sind eure Erinnerungen an diese Veranstaltung?
Das könnte korrekt sein. Um ehrlich zu sein, kann ich mich nicht mehr wirklich daran erinnern. Vielleicht war es unser allererster Auftritt außerhalb Sydneys. Ich erinnere mich daran, sehr aufgeregt gewesen zu sein, weil wir reisen und unser Ding machen durften, da Leute uns auch in anderen Städten hören wollten. Das begeistert uns noch immer, denke ich. Jedes Mal, wenn wir irgendwo neu hinkommen, gibt das ein gutes Gefühl…

Zuletzt haben Cut Copy und Empire of the Sun elektronische Musik aus Australien hier in Europa auf sein hohes Level der Beliebtheit gehoben, letztere habt ihr mit “Way Back Home” als Soundtrack einer großen Mobilfunkanbieterkampagne hierzulande abgelöst. Glaubt ihr, dass euch diese Künstler gewissermaßen den Weg nach Europa geebnet haben?
Ich bin mir da nicht wirklich sicher. In Australien jedenfalls nicht, da haben wir uns unseren Weg selbst geebnet. Und hier? Ich weiß es nicht. Ich meine, wenn die Leute solche Dinge sagen, klingt das für mich als ob sie sagen würden: “Empire of the Sun waren groß hier. Ihr macht ähnliche Musik und seid aus dem selben Land. Deshalb seid ihr jetzt beliebt.” Offensichtlicher Weise werde ich so etwas niemals zustimmen. Durch das Internet kann jeder alles aus jeder Ecke der Welt hören. Ich denke wirklich, dass es nichts bedeutet, von woher man kommt. Wenn die Musik gut ist, werden die Leute es mögen.


Bag Raiders : Shooting Stars (Video)

Wir sind erstmals 2008 bei der B-Seite der Turbo Love! Single, “Shooting Stars”, auf euch gestoßen. Zwei Jahre später habt ihr das Lied auch auf euer Debütalbum gepackt. Welche Beziehung habt ihr mittlerweile zu diesem Stück entwickelt?
Es ist ein großer Teil unserer Leben! Ich bin wirklich stolz darauf. Vielleicht macht es mich auch mal etwas krank. Haha. Aber immer wenn wir es live oder als DJs spielen, bekommt es die unglaublichsten Reaktionen. Dessen bin ich keineswegs überdrüssig!

Zu welchen Aktivitäten ist einer Album deiner Meinung nach ein guter Soundtrack?
Hoffentlich viele. Wir wollten ein Album machen, das Stücke für den Club hat (offensichtlicher Weise), aber auch für das Auto, das Wohnzimmer, das Schlafzimmer, die Küche, die Wäsche, was auch immer. Ich denke, wir das auch mehr oder weniger geschafft. Die Vielseitigkeit des Albums ist eines der Dinge, auf das ich am meisten stolz bin.

Um ehrlich zu sein, die Frontgestaltung des Albums erinnert uns an die Airbrush-Kunst getunter Autos. Welche Autotypen bevorzugt ihr und was war die Idee hinter dem Artwork?
Ha, da fragt ihr die falschen Leute. Keiner von uns ist einer Autonarr. Chris fährt einen Motorroller und mein Auto ist ein vermöbelter Haufen Mist (genau so, wie ich es mag)!
Wir mögen das Artwork, da es all die hunderten unterschiedlichen Einflüsse repräsentiert, die in unsere Musik einfließen. Polarbären, Surfer, Törtchen, sie alle stecken irgendwo da…

Das Video zu “Way Back Home” zeigt euch an bei der Arbeit an diversen Exponaten in einem Atelier. Seid ihr neben eurer Musik auch sehr künstlerisch veranlagt, zeichnet etwa in ein Skizzenbuch unterwegs?
Nicht besonders. Das Videoset wirkte auf mich eher wie ein Drogenlabor denn alles andere.  Wir beide lieben Kunst und Filme, aber ich denke, unsere Talente beschränken sich auf die Sphäre der Musik.


Bag Raiders : Way Back Home (Video)

Zu guter Letzt: Wir wissen kaum etwas über das australische Essen und Trinken, mit Ausnahme eines gewissen blauen Bieres (F…..’s). Habt ihr ein lokales Lieblingsgericht, dass ihr vielleicht sogar selbst kochen könnt?
Foster’s gibt es nur als Export. Man sieht es (glücklicherweise, denn es schmeckt wie Urin) nie Australien!
Die beliebtesten Biere sind solche wie VB, Tooheys New und Carlton Draught. Nichts besonders Aufregendes. Es gibt einige gute Biere von Kleinbrauereien und gute Weine. Aber um ehrlich zu sein, ich liebe Weißbiere und für gewöhnlich trinke ich deutsche Sachen wie Erdinger und Shöfferhoffer. Mmmm.

Bag Raiders Bag Raiders erscheint am 3. Juni bei Universal in Deutschland.


Bag Raiders : Sunlight


Monarchy : I Won’t Let Go (Bag Raiders Remix)

In Zusammenarbeit mit Jägermeister.

aUtOdiDakT : Jägermeister WHT Interview

12:29

Wenn am Donnerstag die Jägermeister Wirtshaus Tour im Stuttgarter Calwer Eck einkehrt, hat er die kürzeste Anreise: Andres Klein alias aUtOdiDakt, Labelvater von Traktor Records und Mähtrasher, hat sein Refugium hier am Neckar, kennt die einheimischen Clubs ebenso gut wie die regionale Küche, zu der er nach Auftritten in aller Welt gerne wieder zurückkehrt. Und obwohl man zuerst die ganz harten (musikalisch-elektronischen) Töne mit seinem Namen (und vor allem Mähtrasher) verbindet, ist vielleicht sogar der vielseitigste der drei auftretenden bzw. auflegenden Künstler. Uns hat er ein paar Fragen über seine Heimat und die anfänglichen Rückschläge wie späteren Erfolge seiner Karriere beantwortet.

Ihr könnt zudem noch bis heute Nachmittag hier Karten für den Abend mit ihm, Bag Raiders und Peaches gewinnen.

Bis vor kurzem galt Stuttgart als beschauliche Landeshauptstadt, mit den Protesten gegen S21 wurde es plötzlich zur Heimstätte der neuen “Wutbürger”. Du hingegen hälst dich in deiner Musik seit jeher nicht mit Kompromissen auf. Warst du ein Vorreiter?
Keine Ahnung, es wäre auch vermessen sich selbst so zu bezeichnen, aber am Anfang haben mich die meisten anderen DJs mit meinem härteren Kram schon eher belächelt und z.T. in meinem Beisein den Clubbesitzern erzählt, dass ich die Leute sowieso überfordern würde und so ein Sound nie hier ankommen wird. Nach einer Weile haben sie dann auch angefangen so was zu spielen, als der Vorwurf nicht mehr haltbar war, ha.
Aber ich glaube schon, dass Stuttgart seit einer Weile eine Sonderstellung hat hinsichtlich der Würdigung von Sachen, die in irgendner Form ‘nen “Mittelfinger” zeigen, ob das jetzt musikalisch oder politisch ist…

Du bist als DJ weltweilt unterwegs. Worauf freust du dich am meisten, wenn du wieder nachhause zurückkehrst?
Auf ‘ne harte Matratze! Ich bekomm von den meist viel zu weichen Hotelmatratzen Rückenschmerzen… sonst natürlich auf die Badewanne und darauf wieder selber zu kochen und Musik zu machen!

Welche Gerichte der lokalen Küche schätzt du besonders und vor allem: Welche kannst du auch selbst kochen?
Also ich mag eigentlich alle schwäbischen Gerichte ausser Kutteln und Hirnsuppe! Einen anständigen Zwiebelrostbraten bekomm ich schon hin und Käsespatzle auch, wobei die meine Freundin viel besser kann als ich! Ich mags gern schwer und fleischig, also ist schwäbisch schon genau mein Ding…

Dein aUtOdiDakT-Vorgängerprojekt IMP-ACT ging bei einem Majorlabel unter, das geplante Album erschien nie. Verfolgt so ein Erlebnis einen auch sieben Jahre später noch?
Klar, das prägt sehr nachhaltig! Wir haben damals drei Jahre Zeit und Ideen reingesteckt und konnten keinerlei Einfluss darauf nehmen, was anschließend passiert, d.h. wir waren vollständig ausgeliefert und konnten auch nicht bei einem anderen Major, der ebenfalls Interesse hatte, signen, weil wir ja schon etwas unterschrieben hatten. Im Endeffekt hat das die Band zerbrochen und alle sieben damals Beteiligten wollten mit der Musikindustrie möglichst nichts mehr zu tun haben und gehen jetzt normalen Jobs nach, außer mir. Ich habe Traktor Records gegründet, weil ich einfach eine Plattform wollte, wo ich allein die vollständige Kontrolle habe und mir kein Ibiza-gebräunter A&R reinreden kann, was für Musik ich am besten machen soll oder in welcher Schublade er mich gerne mit welchem Image vermarkten würde…

Im letzten Jahr erschien dein Debütalbum Genres Are Dead mit 28 im Durchschnitt mehr als vier Minuten langen Titeln u.a. als Doppel-CD-Album. Hattest du keine Angst, die potentiellen Hörer_innen damit zu überfordern?
Natürlich war mir bewusst, dass ich damit die meisten überfordere oder verwirre. Aber im Endeffekt dachte ich mir, dass ich a) keine Lust habe, ein Album nur mit Gebretter zu machen, nur weil die meisten das jetzt aufgrund meiner DJ-Sets erwarten würden und b) ich das Format Album sowieso für mich selbst mache. Ich wollte eigentlich nur mal schaun, ob ich es hinbekomme, ein komplettes Album zu machen, das für mich selbst langfristig interessant anzuhören bleibt und eine gewisse Stilbreite als Produzent aufzeigt. Ich hab es mir jetzt nach drei Monaten (davor konnte ich nicht objektiv sein, weil ich alles schon im Entstehungsprozess so oft angehört habe) zum ersten Mal wieder angehört und war sehr zufrieden damit. Das war für mich auch das einzige Ziel des Albums: Es nach einer Weile selbst gut zu finden. Der Rest, d.h. ob es sich verkauft oder ob es überhaupt noch jemand anderes gut findet, ist für mich eher zweitrangig gewesen. Aber das ist natürlich dann die Glasur auf der Torte und freut ungemein.

Wie entstand das Album?
Ich habe im Winter 2008 die erste richtige aUtOdiDakT-Single “Shit your rack” rausgebracht und seither einfach weiterproduziert, ohne ein Album anzuvisieren. Ich habe verschiedene Sachen versucht, weil es mich schnell langweilt, denselben Stil zu produzieren, und ich Abwechslung brauche, d.h. am besten immer je einen ruhigen, einen harten und einen funkigen Track unfertig auf der Festplatte, so dass man stimmungsabhängig arbeiten kann. Wenn ich scheiße drauf bin, kann ich nicht funky sein, und wenn es mir blendend geht, kann ich auch schlecht Geballer machen.
Jedenfalls waren es irgendwann ca. 80 Tracks von Electro bis reinem Indie-Rock oder Downbeat und ich dachte mir, ich versuche mal ein Album daraus zu kompilieren. Dann habe ich gemerkt, dass mir selber da z.T. noch Brückensongs fehlen, d.h. Tracks, die als Überleitung von einem Stil zum anderen funktionieren oder einfach stilistisch fehlen, um andere logischer zu machen. Die hab ich dann gemacht und noch Sängern bzw. Rappern, die ich gut finde, Instrumentals geschickt, weil ich mich noch nicht für so einen töfte Sänger halte, dass ich auf der Mehrheit der Tracks singen sollte… Aber Vocals wollte ich natürlich auch drauf haben. Im Endeffekt singe ich jetzt nur auf zwei Liedern selbst (erster und letzter), aber die Gastsänger machen ihre Sache auch mehr als gut! Vielleicht singe ich auf der nächsten mehr.
Bezüglich der Stilmischung habe ich trotzdem noch etwas versucht, die ganz harten Ausreißer von der elektronischen Basis eher wegzulassen, sonst wäre es doch auch für mich selbst schwierig geworden, das Album am Stück als “Artist-Album” zu erkennen und nicht als Kompilation unzusammenhängender Sachen.

Dein Traktor-Sublabel Mähtrasher ist nun ziemlich genau ein Jahr alt. Wie zufrieden bist du mit seiner bisherigen Entwicklung? Wohin geht es demnächst?
Mähtrasher hat mich extrem überrascht! Ich dachte mir schon, dass es einfacher ist ein Label zu branden, das für einen bestimmten Stil steht (im Gegensatz zu Traktor), aber dass es so schnell geht, hätte ich nicht gedacht! Ich glaube fast, dass Mähtrasher (zumindest im Ausland) Traktor schon in Sachen Bekanntheit überholt hat in diesem einen Jahr.

Mit der Reihe Stuttgart kaputtraven – Traktor Edition veranstaltest du selbst obendrein noch alle zwei Monate eine Party im lokalen Rocker33. Haben dich die hier gesammelten Erfahrungen als Künstler auf Tour eher entspannter oder anspruchsvoller werden lassen?
Ich glaube, es hat mich in Bezug auf Publikumsreaktion eher anspruchsvoller werden lassen, beim Kaputtraven drehen die Leute halt schon oft enorm durch, ha. Aber bezüglich der Routine lässt einen das natürlich auch ruhiger werden. Wenn man als Veranstalter den ganzen Stress bei den eigenen Parties mitbekommt, lässt man sich außerhalb als Dj auch weniger aus der Ruhe bringen, weil die meisten Probleme dann ja nicht die eigenen sind bzw. man sich nicht selber darum kümmern muss.

Mit Proxy aufgelegt zu haben, soll für dich wie “Weihnachten, Geburtstag und Apokalypse zusammen” gewesen sein. Welche aUtOdiDakT-Auftritte und Traktor-Nächte haben sich sonst noch besonders in dein Gedächtnis eingebrannt?
Sonst haben sich natürlich so “exotische” Auftritte wie Johannesburg oder Sydney eingebrannt, aber auch viele “kleinere” wie z.B. der in nem Landgasthof namens Fuchs & Has in irgendeinem 20-Seelendorf in Bayern, wo mehrere hundert Leute komplett ausgerastet sind und der Alkohol frühzeitig einfach aus war! Von den Traktor-Editionen vom Kaputtraven möchte ich jetzt keine besonders hervorheben, weil da wirklich alle was Besonderes für mich waren… Die erste ist natürlich besonders wichtig, das war beim Kaputtdubben auch so. Eine Partyreihe definiert sich natürlich durch die erste Ausgabe und da war es sehr befriedigend, so tolle Headliner zu bekommen und zu sehen, dass es dermaßen abgeht!


aUtOdiDakT Genres Are Dead (Exzerpte)

In Zusammenarbeit mit Jägermeister.

Frittenbude : Jägermeister WHT Interview

15:10

Ah endlich: Wie gestern erwähnt spielt nun auch mal eine deutsche Band bei der Jägermeister Wirtshaus Tour in Frankfurt und die kommt auch noch aus Bayern. Frittenbude sind also der ideale (E-mail) Gesprächspartner für süddeutsche Spezialitäten und Spätzelreiben. Irgendwo dazwischen kommen natürlich auch ernsthaftere Themen wie Bollywood, das Heimatlabel Audiolith sowie die ideale Ratio von Feierei und Alter zur Geltung. Und Sänger/Rapper Johannes “Strizi” verrät, dass es bald wohl ein eigenes Projekt von ihm zu hören gibt!

Servus miteinander! Dieses Jahr heißt es: Fünf Jahre Frittenbude – wir gratulieren! Kommt zur Feier des Tages (außer Fritten) vielleicht eine bayrische Spezialität auf den Tisch?
MARTIN: Bayrisch, ich sollt’s eigentlich wissen als Metzgersjunge – Lebakaas? Blutwurst? Leberspätzle? Obatzda?
JAKOB: Vielleicht trinken wir “Hirn”.
STRIZI: Da wir drei zunehmend verfetten, gibt’s definitiv nichts von oben genanntem. Ich wär ja schwer für dieses neuartige Fleisch, das keins ist, aber genauso schmeckt. (Anm. des Verfassers: Tofu?)

Kochen ist bei Männern wieder groß im Kommen. Kocht ihr auch mal für einander?
M: Ein eindeutiges NEIN.
S: Ich koche sehr gerne, leider meist zu viel und wie man mir bestätigt auch viel zu gut. Daher rührt auch der exorbitante Bierbauch, der eigentlich ein Fleischbauch ist. Aber für die zwei Bengel koche ich nicht. Das wär ja noch schöner…
J: Ich hab die Erfahrung gemacht, dass Martin besser bestellen kann als kochen. Und falls es wirklich mal soweit ist, dass er für mich kocht, würde ich zweimal überlegen. Aber von Strizi hab ich schon eine Bolognese gegessen und er erzählt ab und zu von seiner Nudelpresse und den Spätzlereiben. Ich bin ganz zufrieden damit, wenn man nicht so genau weiß, ob ich kochen kann. Wenn man aber Weißwurst warm machen zum Kochen zählt, haben wir uns auch schon des öffteren bekocht.

Die Weißwurst ist außerhalb Bayerns verpönt, führt ein Schattendasein. Könnt ihr bitte ein Plädoyer für das Kalbskopfgericht halten?
M: Ich genehmige mir diese Weißwurst alle drei Wochen. Jeder sollte sie zumindest mal probiert haben. Unser FOH-Mann aus Ostfriesland hatte auch viel Angst, als er gezwungen wurde, das Zeug zu essen. Aber er war begeistert! Und wollte dasselbe nächste Woche nochmal und ist vielleicht sogar schon süchtig…
J: Genau… unser Mischer hat das als “runde Mahlzeit” betitelt. Egal was da drinnen ist, es schmeckt geil! Was ich mich aber frage ist, warum die Wurst weiß ist.
S: Jeder der gerne Fleisch isst, mag Weißwürste. Das ist einfach so. Mir ist es schleierhaft, warum sich Leute davor ekeln. Vielleicht weil immer behauptet wird, dass sie aus Gehirn besteht. Dazu kann ich nur sagen: Leute kuckt mal in eure Wiener rein, was da so alles drin ist. Die Kombi aus Weißwurst, Bretzn, süßem Senf und einem Weißbier, oider!

Zuletzt haben Jakob und Martin sicherlich viel Zeit mit Ira Atari bzw. pandoras.box verbracht. Was hat Johannes getan, um Einsamkeit und Langeweile zu bekämpfen?
M: Hannes? Bist du traurig und einsam?
S: Nein, die hatte ich nicht. Es gibt auch noch andere Dinge, die neben der Musik Spaß machen. Ich musste auch mal komplett abschalten, um auf das letzte Jahr klar zu kommen, hab alte Freunde besucht und mir im Delta del Ebro Flamingos und Eisvögel angesehn. Außerdem war ich durchaus produktiv, vielleicht gibt’s bald mal was zu hören – falls ich zufrieden damit bin.


Frittenbude : Bilder mit Katze (Video)

Wovon wurde die Massenchoreographie im Video zu “Bilder mit Katze” inspiriert? Bollywood?
M: Ähhm nee, eher so von der Vogelhochzeit und dem Regenbogenfisch…
S: Ja, definitiv von der Vogelhochzeit.

In der Eingangszene auf der Straße seid ihr auch als Freunde des Hauptdarstellers zu sehen (wenn wir uns nicht verguckt haben). Ist das die generelle Position, die ihr gerne für eure Fans einnehmen würdet?
S: Da habt ihr euch verguckt. Das sind die wirklichen Freunde des Hauptdarstellers und Cpt. Clepto. Wir tauchen später im Video in der Regionalbahn kurz auf. (Anm.: Gut, wir haben uns verguckt aber, das haben wir zumindest auch gesehen.) Ich seh mich mehr als großen Bruder unserer Fans und knuddel mit ihnen und steh ihnen mit Rat und Tat zur Seite.
J: Ja, da habt ihr euch verguckt. Martin kommt sogar gar nicht im Video vor, weil er wie üblich gedoubelt wird.

Heutzutage wird der Begriff “kultig” inflationär gebraucht. “Bilder mit Katze” ist auch eine Hymne auf euer Label Audiolith. Gab es Bedenken, dass diese vielleicht doch etwas zu viel des Guten ist oder brauchte die “Familie” solch ein Lied?
M: Ja, die gab es anfangs, aber die Liebe ist ehrlich und aufrichtig. Die vermeintliche “Familie” braucht sowas natürlich nicht, es stärkt aber jedenfalls die Identifikation mit dem ganzen Audiolith-Ding. Auch für uns.
S: Ehrlich gesagt, haben wir darüber nicht nachgedacht. Im Nachhinein hätte ich das heute auch nicht mehr so geschrieben. Eher sowas wie: “Du kaufst der Frau, die du liebst, ein Shirt von Frittenbude, aber das, das doppelt so teuer ist als die anderen, und dir selbst auch noch zwei…”

Nochmal zu Bollywood: Was läuft bei euch im Tourbus (Video und Musik)?
M: Äh, wir haben im Schweizer Fernsehen bei Papa Wango eine Entspannungs- und Liebesenergie CD ROM gewonnen, mit spirituellen Instrumenten wie Gitarre und Flöte. Die hören wir wenn wir wieder mal schlecht drauf sind. Ansonsten cocoont sich jeder immer in seinen Ipod…
S: Word!
J: Manchmal leg ich auch Walgeräusche oder diverse Meditations-CDs auf. Die Musik da drauf klingt fast so wie der momentan hippste und fresheste Sound.

In “Und Täglich Grüßt Das Murmeltier” heißt es (wenn auch in anderem Kontext): “Doch wir sind längst schon über den Zenit hinaus.” Eure Musik nährt zu einem großen Teil von den nächtlichen Erlebnissen im Club. Glaubt ihr, dass ihr dafür jemals zu alt sein werdet?
M: Ja, in meinen Augen leider früh genug.
S: Wir betrachten das alles sehr objektiv und nüchtern. Ich werde dieses Jahr 30, da macht man sich zwangsläufig Gedanken. Aber das Feiern kann man mir nicht austreiben, das ist mir viel zu wichtig. Außerdem macht es sich am besten Party mit nicht nur alterstechnisch bunt gemischten Grüppchen…
J: Manchmal wird man eben im Leben auch wieder jünger.

Am 21. April spielen Frittenbude mit Tom Deluxx für die Jägermeister Wirtshaus Tour im Yachtklub zu Frankfurt am Main. Karten dafür könnt ihr bei uns und auf das-wirthaus.de bzw. Facebook gewinnen.

In association with Jägermeister

William Fitzsimmons : Interview

16:30

Seine Haare sind weg und auch sein Übergewicht. Kurz geschoren, verloren. Nur der lange Bart ist noch geblieben. Und er hat eine wichtige Einsicht gewonnen. William Fitzsimmons, der singende Psychiater, oder besser: der all-therapierende Sänger (denn seine Lieder verschaffen auch uns Linderung) dachte, er hätte es geschafft. Hätte sich der Welt gestellt und seinen Frieden mit sich selbst gemacht, nachdem er erst über die Scheidung seiner Eltern und dann über die eigene gesungen hatte. Aber er war noch nicht am Ende angelangt.

Bevor er sein neues, viertes Album Gold In The Shadow aufnehmen konnte, hatte Fitzsimmons fast zwei Jahre lang sich dem Schreiben entzogen, während er mit sich selbst kämpfte. Nun ist das Neuwerk als einmal mehr tief berührendes, leicht stärker instrumentiertes Resultat dieses Prozesses, der Karthasis verblieben. Wir haben den US-Amerikaner (der sich sofort rücksichtsvoll entschuldigt, sobald er eigene intime Dinge preisgeben will) in Berlin getroffen, um mit ihm über das Licht am Boden der Tatsachen, die Transformation von Psychologie zu Kunst und das Leben ohne Musik zu sprechen.

“Es war ein Weckruf.”

William, du siehst dünner aus als noch zur letzten Tour.
Dafür gab es gute und schlechte Gründe. Manche waren gesund, andere nicht. Du gehst manchmal durch harte Zeiten und kommst dabei etwas vom Weg ab. Aber ich war zuvor eh zu dick. Jetzt fühle ich mich besser, gesünder und frisch.

Das kommt unerwartet, schienst du dich doch mit dem letzten Album persönlich konsolidiert zu haben. Was waren die schlechten Gründe?
Es war die Zeit zwischen den Alben. Ich hatte viel gearbeitet und für eine lange Zeit gab es in meinem Leben auch eine Essstörung. Wann immer es sehr stressig und hart wird, kann ich wieder in sie zurückfallen. Es ist wie eine Droge. Gewissermaßen war das auch gut, denn man sagt zwar, dass alles sehr dunkel wird, wenn man ganz unten ist, aber mir hat es auch gezeigt, dass ich Hilfe brauchte und Veränderungen tätigen musste. Also habe ich wieder sehr viel gearbeitet.

Bezieht sich der Albumtitel Gold In The Shadow auf diese Erfahrung?
Ja. Ich hoffe er ist schlau gewählt und nicht zu simpel. Es geht um die Idee des kopfüber-in-all-den-Mist-Springens, hinein in die Dunkelheit und nicht mehr vor ihr weg zu rennen. Das wirklich Lustige daran ist, dass ich dachte, das bereits mit Sparrow and the Crow getan zu haben. Es war noch da, ich hatte alles realisiert und wollte da durch, aber es war nur ein Symptom und ich habe niemals wirkliche Hilfe aufgesucht, stattdessen nur eine Geschichte erzählt. Für mich war es ein Weckruf. Aber wenn der nicht geschehen wäre, denke ich, hätte ich einfach über meine nächste Scheidung oder so geschrieben. Und ich glaube nicht, dass das jemand brauchen würde.

“Niemand hört mehr zu, wir reden nur noch.”

Es gab also wieder eine zweite, persönliche Motivation hinter diesem Album – neben der künstlerischen?
Ja, aber dieses Mal eher zeitgleich denn versetzt. Zuvor habe ich mich immer durch etwas gewunden und mich dann von ihm gereinigt. Es gab die Erfahrung und dann kam das Album dazu. Dieses entstand aber Seite an Seite. Ich schrieb über diese Sachen, während ich in Therapie war und versuchte meinen Verstand zu ändern und zu heilen. Ich musste also nicht warten, sondern konnte alles ganz aufnehmen.

Gold in the Shadow folgt einer Konzeptidee, die auf dem DSM-IV, der vierten Edition des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, beruht. War das Album auch ein Versuch, deine eigene Arbeit als Therapeut zu hinterfragen?
Es war zur Hälfte das und zur anderen etwas außerhalb davon. Ein Teil des ganzen Prozesses war es, für eine Weile aus meinem Kopf heraus zu kommen, eine Sache, in der Singer-Songwriter, gut sind, ist es, wirklich, wirklich ichbezogen zu sein. Es geht in Ordnung, ein paar Dinge mitzuteilen, aber wirklich gesund ist das nicht. Ich wollte über diese persönlichen Kämpfe und ihre Psychologie schreiben. Aber die andere Hälfte habe ich mit Leuten gemacht, mit denen ich arbeite, so dass es nicht nur mein Beitrag, sondern auch ihrer ist.

Über dich zu schreiben und über andere Personen: Wie groß ist der Unterschied zwischen diesen beiden Ansätzen?
Es ist wirklich verschieden voneinander. Nur die Emotionalität ist die gleiche. Du kannst im Prinzip über alles schreiben, solang du seine Emotionen verstehst.Wenn du ein menschliches Wesen bist und ganz ehrlich mit dir selbst, dann verstehst du eine Menge an Dingen: Gesetze, Leid und Trauer, Freude. Du musst kein Desaster erlebt haben, um zu wissen, wie sich Schmerz anfühlt. Als Therapeut ist dein Hauptziel Empathie, zu leben als ob du in den Schuhen des anderen stecken würdest. Wenn du also hier sitzt und mein Klient wärst, mir ein von einer großen Nervosität oder Angst vor Schlangen berichten würdest, dann begegne ich dir nicht mit Sympathie oder Mitleid, sondern mit: Wie würde ich mich fühlen, wenn ich du wäre? Glücklicherweise wurde mir das von sehr talentierten Leuten gelehrt. Es ist gar nicht so schwer mit den Emotionen. Die meisten Leuten verbringen einfach nur nicht so viel Zeit damit. Niemand hört mehr zu, wir reden bloß noch.


William Fitzsimmons : The Tide Pulls From The Moon

Lass uns einen Blick auf die Person in deinem Stuhl werfen: Wie gut kannst du die Rolle des ausfragenden Therapeuten von der des in Interviews wie diesen ausgefragten Künstlers trennen?
Es ist seltsam, denn es fühlt sich tatsächlich etwas verdreht an. Wiederum glücklicherweise bin ich einer dieser nervigen Leute, die sich gerne selbst reden hören, deshalb ist geht das für mich sehr in Ordnung. Und wenn Leute von sich etwas anderes behaupten, dann reden sie Mist, denn Musiker wollen ja schließlich auf die Bühne, sich präsentieren und ihre Musik spielen. Das Ziel eines Therapeuten ist es, zu verstehen, und nicht verstanden zu werden. Das ist das komplette Gegenteil vom Leben der Leute, denn 99 Prozent unserer Zeit verbringen wir damit, zu versuchen, verstanden zu werden und niemand hört zu. Deshalb gehen die Leute zur Therapie. Es ist etwas heikel, aber ich habe das hier für die Leute getan, so dass ich verstehe, was der Prozess ist und warum er hilft. Ich habe Zeit in beiden Stühlen verbracht und ich denke, so funktioniert es am besten.

Denkst du es hilft deinen Klienten sich dir gegenüber zu öffnen, wenn sie davon, von deiner Verletzbarkeit wissen?
Absolut. De facto ist das sogar einer der Gründe, warum Menschen sich mit der Musik verbinden. Ich könnte mich irren, aber es gibt da auch etwas Vertrauen, denn die Leute sind viel offener, mir und der Musik gegenüber verwundbar zu sein, weil ich ein Therapeut bin. Sie finden sich also in einer eher angemesseneren Lage, um finster und ehrlich zu sein.

“Ich hatte mit all diesem bedrückenden Mist abgeschlossen, aber auch Angst, nichts mehr übrig zu haben, über das ich hätte schreiben können.”

Wie stellst du sicher, dass deine Beobachtungen und Erfahrungen zu Lyrik, zu Kunst werden und nicht zu analytisch verharren?
Am Anfang der Aufnahmen gab es für mich tatsächlich die Gefahr, das letzteres einträte. Es begann alles wirklich theoretisch und wissenschaftlich wie bei dem Abwehrmechanismus der Intellektualisierung bzw. Rationalisierung: Du behältst alles in deinem Kopf, so dass nichts an dein Herz gelangen muss. Aber ich bin eine allzu emotionale Person, als dass ich jemals durchdrehen würde. Vielmehr begebe ich mich ganz im Gegenteil zu weit in all die emotionalen Sachen und werde zu rührselig. Hier war ich aber sehr behutsam und habe es dem bloßen Status eines Lehrbuchs für Krankheiten entzogen.

Und durch die verstärkte Instrumentierung öffnet sich das Buch musikalisch auch weiter.
Du musst beides haben. Als Sufjan (Stevens) die Staaten-Alben machte, hätte ihnen etwas gefehlt, hätten sie nicht sowohl den verkorkten Historiestoff als auch die sehr emotionalen Dinge in sich getragen. Beide müssen da sein, ansonsten wäre es irgendwie ein leeres Projekt.

Was denkst du ging in ihm vor, als er dieses riesige Projekt, für jeden der 50 US-Staaten ein Album zu veröffentlichen, abbrach? Es schien sein Lebenswerk werden zu können.
Und es wäre unglaublich gewesen. Er hätte das letzte mit 70 beenden können. Ich denke, am Anfang war es ihm Ernst damit. Ambitionen gehen oft mit Kreativität Hand in Hand und er ist wohl eine der kreativsten lebenden Personen überhaupt. Ich kenne ihn nicht persönlich, aber ich denke auch, dass es ihm etwas langweilig wurde. Er möchte nie das Gleiche am Stück tun. Was irgendwie auch wieder eine Schande ist, denn ich garantiere dir: Hätte er zehn oder fünfzehn davon gemacht, jedes einzelne wäre gut gewesen.

Vielleicht hätte er einfach nebenbei weitere andere Lieder veröffentlichen und dem ganzen Zeit geben sollen.
Richtig. Und wahrscheinlich macht er das auch gerade, denn er kann ja immer noch dazu zurückkehren. Aber ich bezweifle das. Ich rede auch immer davon, anstelle der Musik Bücher zu schreiben, und das traue ich ihm auch zu, aber das wäre natürlich wirklich schrecklich, denn wir brauchen mehr seiner Alben.

Weil wir es besonderes kulturelles Bedürfnis für sie haben?
Ich weiß es nicht. Die Dinge verwässern, verkommen zu Illusionen. Zum Beispiel gab es bei mir diese Angst nachdem ich das letzte Album beendet hatte, dass ich zwar mit dem ganzen bedrückenden Mist abgeschlossen hatte, aber auch nichts mehr übrig hätte, über das ich hätte schreiben können. Nebenbei: Es ist ein sehr guter Punkt im Leben, an dem man nichts mehr zum ausschütten hat. Sufjan und eine kleine Gruppe weiterer haben einfach soviel Substanz in sich.

“Die Absicht hinter dem Schreiben der Lieder war es, ein besserer Therapeut zu werden. Und noch heute ist es der selbe Grund.”

Du bist mit Musik aufgewachsen und kannst dir wahrscheinlich ein Leben ohne sie nicht mehr vorstellen. (William: Ja.) Während deiner Adoleszenz hast du dich aber kurzzeitig auch wieder von ihr abgewendet. Ein Vergleich: Das DMS ist ein recht kontrovers diskutiertes Handbuch, dessen Sinnhaftigkeit etwa vom Rosenhan-Experiment in Zweifel gezogen wurde. Gab es für dich eine ähnliche Erfahrung, einen Einschnitt in deinem Verhältnis zur Musik?
Musik war immer diese familiäre Sache und dann wurde sie eine deprimierende, denn die Familie zerbrach. Wir hatten sie zusammen gemacht und jetzt nicht mehr. Also wandte ich mich Musik zu, die eher lauter, härter und schneller war – kein Metal, aber eben auch kein Folk. Es war einfach nur Krach. Erst als in der Lage war, die Dinge auszugleichen und das alles zu akzeptieren, erkannte ich, dass sich nicht immer alles grau anfühlt. Manchmal ist Weihnachten nicht perfekt, aber das geht in Ordnung. Es kann immer noch gut sein und man muss all diese Sachen beieinander halten. Vielleicht ist das jetzt etwas kitschig, aber es gibt da das Wassermelonen-Prinzip: Wenn du eine Wassermelone haben willst, musst du zuerst einen Samen in die Hand nehmen. Das ist das Leben. Du musst mit ihm umgehen lernen und es gibt zu viele gute Sachen in ihm und der Musik, als dass du beide vollständig aufgeben könntest.

Zuerst hast du aber noch über die Probleme deiner Patienten geschrieben. Ist Musik also auch ein gutes Mittel, um Dinge zu kanalisieren?
Das habe ich nicht direkt gemacht. Es war meine Übung, mich emotionaler mit ihnen zu verbinden, um ihnen helfen zu können. Ich habe ihnen die Lieder etwa nicht vorgespielt. Aber die Absicht hinter dem Schreiben war es, ein besserer Therapeut zu werden. Und es ist heute noch der selbe Grund. Du versuchst dich selbst zu verstehen, und andere Leute wiederum besser, und Musik ist dafür ein großartiges Mittel.

William Fitzsimmons Gold In The Shadow ist bei Grönland / Rough Trade erschienen. Lest hier unser erstes Interview mit ihm, hier ein weiteres interessantes von der National Association for Mental Illness mit dem Titel “William Fitzsimmons: From Mental Health to Music” und seht hier ein Mixtape, Livevideos und eine Tourdokumentation auf Fitzsimmons’ sehr empfehlenswertem eigenen Kanal bei tape.tv. Wer ihn live sehen will, hat dazu im Sommer Gelegenheit:

17.06. Dortmund, Konzerthaus
18.06. Neuhausen ob Eck, Southside Festival
19.06. Scheeßel, Hurricane Festival
20.06. Brüssel, Botanique
25.06. Amsterdam, People’s Place
26.06. Köln, Gloria
28.06. Berlin, Lido
01.07. Wien, Jazz-Fest
02.07. Nürnberg, K4 Festsaal
03.07. Frankfurt a.M., Mousonturm
05.07. Graz, Postgarage
08.07. Leipzig, Centraltheater
09.07. Kassel, Kulturzelt Festival

Round Table Knights : Interview

18:04

Invidia, der Neid, ist eine der sieben Todsünden und des Menschens größtes Laster. Für den Erfolg der Berner Round Table Knights ist es da nahezu essentiell, dass sich die Ritter einander nicht neiden und Labelchef Jesse Rose auf Made To Play ebenbürtige Konkurrenz neben sich duldet, denn mit der sechs-Minuten-Extase “Calypso” landete das Houseduo anno 2010 einer der Clubhits des Jahres und nebenbei den bislang größten Erfolg des Labels. Nun haben Marc und Biru Bee ein vielseitiges House-Debütalbum aufgenommen, das ein wenig an ein pflegeleichtes Kleinkind erinnert: Man genießt die freie Zeit mit ihm, nimmt es in den Arm und lässt sich auch wieder von der Energie des kleinen Flummis anstecken.

Nur ist das Leben eben kein nur halb ein Ponyhof und der Spaß ist in diesem Fall auch harte Arbeit. Say What!?, das für gewöhnlich das einzige MTP-Album des Jahres bleiben wird, klingt zugleich auch reichlich erwachsen. Biru (im Bild oben rechts zu finden) weiß das nur zu gut, ist er doch nebenbei noch Booker beim Club Bonsoir in Bern. Seine erste Amtshandlung heute ist dennoch unser deutsch-schweizerisches Telefonat.

Hallo Biru, beginnt bei dir jeder Arbeitstag erst um dreizehn Uhr?
Eigentlich versuche ich sonst schon um neun oder zehn im Büro bzw. Studio zu sein. Aber dazu muss ich erst aus dem Bett kommen. Manchmal geht das besser, manchmal weniger. Und als ich die kaufmännische Lehre gemacht habe, musste ich gar noch früher aufstehen.

Verträgt sich das mit dem Produzentenalltag?
Ich war schon immer ein Nachtmensch, habe mich an diesen Rhythmus gewöhnt und bin froh über alle Freiheiten, die gar nicht selbstverständlich sind.

Das klingt gefestigt und entspannt. Seid ihr eine lässige Band?
Nein.

Gerade das vermitteln aber die Pressephotos vom Hotelfrühstück oder vom Bügelbrett aus ausgerufenen Remixwettbewerbe.
Wir bemühen uns dabei nicht, lustig herüberzukommen. Vielmehr geht es darum, dass wir jedes Gepose, jedes Photo mit der eigenen Platte in der Hand bescheuert finden. Bei uns soll es etwas Anderes sein. Und da wir eh nicht so photogen sind, sind wir froh, ein bisschen abgelenkt bei der Sache zu sein und unsere Croissants nebenbei essen zu können.

Viele Produzenten sind alleine unterwegs, was für Egobetrieb und Posertum wohl eher förderlich ist. Verwahrt man sich da als Duo schon von Natur aus dagegen?
Das kann schon sein. Wir spielen momentan sehr viel und ich könnte mir gar nicht vorstellen, dass alles alleine zu machen. Das Reisen wäre langweilig, du kannst dich nicht austauschen. Zu zweit macht schon das Spielen mehr Spaß.

Wie verdaut ihr derart unterschiedliche, aufeinanderfolgende Empfindungen etwa zwischen 8.000 Zuschauern beim kanadischen Igloofest, einem Clubauftritt im Essen und der heimischen Büroarbeit?
Das war alles schon lustig. Am Tag vor Montreal haben wir in San Diego, USA, bei 25 °C gespielt und am nächsten bei -20 °C. Mit der Zeit kommt man da aber automatisch rein. Es bleibt einem ja auch nichts Anderes übrig. Zuvor waren wir in Australien, Peking, Singapur, Bali zwei Monate non-stop unterwegs. Da ist man auch wieder froh, ein paar Tage zuhause bei seinen Freunden zu sein. Aber wir genießen diese Möglichkeiten sehr. Klar, manchmal liegt man voll auf der Fresse, aber sobald man oben steht und die Musik hört, kommt die Energie.

Und man kann sich im Zusammenspiel gegenseitig antreiben.
Das ist das Gute an einem Duo. Angenommen, ich habe einen schlechten Tag, dann weiß ich immer, dass noch jemand anderes da ist, der mir aus der Patsche helfen kann. Wir spielen immer Freestyle, es gibt kein vorgemixtes Set. Nur Mark spielt immer den ersten Track, danach geht es einfach drauf los. Dadurch, dass wir das seit zehn Jahren machen, verstehen wir uns halbblind.

“Jesse wollte, dass wir nächstes Jahr ein Album machen, aber, ehrlich gesagt, haben wir das nie wirklich ernst genommen. Im September rief er plötzlich an und wir hatten noch nichts.”

Musikalisch habt ihr euch in den zehn Jahren durch zahlreiche verschiedene Genre bewegt. Ist der freie Ansatz die verbliebene Konstante dabei?
Anfangs, als Turntablism-Scratch-Team, waren wir zwar noch zu viert, aber schon da haben wir alle verschiedene Musikarten gespielt; Underground Hip-Hop mit Funk, D’n’B und Rock. Für uns war es daher nie ein Thema, ein vorgefertigtes Set zu spielen, da jeder Abend, jeder Club, jede Crowd anders sind. Das wäre irrsinnig, würde mir keinen Spaß machen und auch oft schiefgehen.

Im letzten Jahr hattet ihr mit “Calypso” einen der Clubhits des Jahres und die bisher erfolgreichste Single bei Made To Play, gleichbedeutend mit eurem finalen Durchbruch veröffentlicht. Wie hat der Erfolg die Aufnahmen zum Album Say What?! beeinflusst?
Es gab überhaupt keinen Druck. Aber nach “Calypso” kam ja erst noch “Cut To The Top“, in deren Rahmen wir mit Jesse Rose in Paris gespielt haben. Er meinte da, er fände es super cool, wenn wir für das nächste Jahr ein Album machen würden. Wir waren total überrascht, haben das aber, ehrlich gesagt, nie wirklich ernst genommen und schließlich waren für uns Dance-, Clubalben zuletzt immer recht langweilig. Im September rief plötzlich Jesse an und wollte die ersten Sachen hören. Da hatten wir fast noch gar nichts gemacht, mussten also doch ran an die Sache. Unsere Idee war es,  ein Album zu machen, das auch solches bzw. ganzes gehört werden kann. Es sollte nicht ein Club-Banger nach dem anderen sein; fünf oder zehn Calypsos nacheinander entsprach uns überhaupt nicht. Jetzt hat es Tracks für zuhause und für den Club.

Say What?! ist durch mehrere kurze Intermezzi in vier Teile unterteilt. War das eine rein klangästethische Entscheidung oder wir hier eine Handlung vermittelt?
Das Album sollte wie einer unserer Mixe vom Auflegen werden. Mit einem Anfang, mehren Höhen und Tiefen zwischendurch und am Ende das Highlight. Wir fanden den Gedanken angenehm, durch die Skits uns wieder kurz zu beruhigen, weil sonst alles durchgebrettert wäre. Sicherlich hatten da auch unsere alten Hip-Hop-Zeiten Einfluss darauf.

“Wir wollten keine große Namen wie Kylie. Es sollte unser Album, unser Ding sein und den Leuten gefallen.”

Textlich dreht sich alles um Frauen: Die erste wird fallen gelassen, die zweite dann bezirzt und schließlich später stolz im Club präsentiert. Wo führt das hin? Das Album spart die Antwort aus.
(lacht) Das werden wir ja sehen.

Dient eure Musik als Verführungsinstrument?
So hatte ich mir das zumindest noch nicht überlegt. Vielleicht.

In jedem Fall sind sie alle aber eher prägnant kurz, denn ausführlich.
Wir haben drei Features: Die Berner Garagerock-Legende Reverend Beat Man, Ghostape aus Genf und Ogris Debris aus Wien. Den Reverend kennen wir noch von früher, wussten aber nicht, ob er es tatsächlich cool fände, auf einem House-Track wie “Cut To The Top” zu singen. Letztendlich hatte er von uns freie Hand bekommen und die Vocals haben perfekt gepasst.
Bei “Say What?!” war es ähnlich. Wir sind Riesenfans von Ogris Debris und gerade “Mietzekatze“, außerdem sind sie wie wir bei der Agentur Jackmode. Das hat auch gleich gepasst und wir fanden es obendrein so cool, dass es unser Albumtitel sein musste. Von dem einen ist nun seine Freundin nach Bern gezogen, so dass er öfter hier ist und wir erst letzte Woche Fondue zusammen hatten.
Ghostape ist wiederum ein super cooler Künstler, für den wir vor Jahren bereits einen Remix gemacht hatten (“Ghost Eyes“). Aber es ist sehr schwierig an ihn ranzukommen. Da hatten wir fünf Studiotermine mit ihm ausgemacht, die er alle abgesagt hat. Und als wir es schon fast abgehakt hätten, hat er uns in letzter Sekunde die Parts geschickt. Wir wollten auch keine große Namen wie, übertrieben gesagt, Kylie anfragen, weil solche Tracks oft von vornherein enttäuschen.

Häufig müsst ihr in Interviews als Aushängeschild der international eher unterrepräsentierten Schweizer Szene herhalten und diese dann erklären. War es bei der Featureauswahl auch Zufall, dass alle drei zumindest aus der Alpenregion kommen?
Ich denke schon. Für uns war lediglich klar, dass wir es beispielsweise nicht wie die Crookers machen und auf jedem Track mindestens einen prominenten Künstler dabei haben. Es sollte unser Album, unser Ding sein und den Leuten gefallen. Es ist dennoch cool, dass jetzt zwei Künstler aus der Schweiz drauf sind, die selbst dort bzw. außerhalb ihrer Szenen kaum bekannt sind. Das war ein Brückenschlag.

Welche anderen typisch Schweizer Vorlieben und Eigenarten hast du neben dem Fondue noch?
Wahrscheinlich ist die Schweizer Pünktlichkeit noch immer in mir. Ansonsten gibt es zwar die Schweizer Uhren, Schokoladen und den Käse, aber es ist nicht so, dass wir jetzt unbedingt ein Schweizerkreuz auf den Album gehabt haben müssen. (lacht) Wir wollen da keine große Sache daraus machen und waren ohnehin immer darum bemüht, selber auf die Beine zu kommen.

Round Table Knights Say What?! ist bei Made To Play erschienen. Am 15. April gibt es eine große Veröffentlichungsparty im Berliner Ritter Butzke mit Unterstützung durch Umami, Renaissance Man, Oliver $, Monkey Safari u.v.m. Weitere Informationen dazu findet ihr hier, alle anderen Tourdaten auf roundtableknights.ch und den aktuellen Winter/Spring 2011 Mix des Duos und ein weiteres Albumstück nachfolgend:


Round Table Knights : Cat Power

Totally Enormous Extinct Dinosaurs : Interview

20:57

Solltet ihr jemals auf der Straße einen Mann in einem Dinosaurierkostüm antreffen, der behauptet, sein Vater sei Professur in Oxford und die schönste Musik aller Zeiten wurde vor gut 300 Jahren in der deutschen Provinz geschrieben, dürft ihr wohl nicht zu unrecht den Wahn hinter seinen Augen vermuten. Anders würde sich die selbe Begebenheit aber im Club des Vertrauens ausnehmen; dann solltet ihr besser aufpassen, was ihr Orlando Higginbottom alias Totally Enormous Extinct Dinosaurs entgegnet. Seitdem vor rund anderthalb Jahren alles mit der übersprudelnden Debüt-EPAll In One Sixty Dancehalls begann, ist die Anhängerschaft des Talents aus dem Oxfordshire stetig gewachsen. Unter anderem avancierte das Video zu seinem Duett mit Louisa Gerstein, “Garden”, zu einem Semihit auf Youtube.

Und er ist nicht das gewöhnliche next big thing von drüben. Was nicht nur an seinem breiten musikalischen Fachwissen und Interesse liegt, einschließlich einer mit Francesco Tristano geteilten Leidenschaft für Johann Sebastian Bach einerseits und seiner mit der kongeniale Labelheimat Greco-Roman verbundenen Liebe für jede mögliche Unterart elektronischer Musik andererseits. Nein. Und auch nicht allein an seiner Fähigkeit, unterhaltsamen, klugen und zugleich frischen Electro-House produzieren zu können. Viel mehr ist es seine kondensierte musikalische Hauptthese: Popmusik ist eine Tragödie.

Es war schlicht an der Zeit diesen Zugang, die Maskerade und die Zukunft zu besprechen. Schließlich finden wir unweit einer alten Videokonsole im Backstage des Berliner Magnet Clubs zusammen:

“Hey, entschuldige bitte! Ich habe seit Jahren nicht mehr Sonic 2 auf einer echten SEGA gespielt.”

Schön, dass du dich amüsiert hast! Warst du früher ein Computer- oder Videospielfanatiker?
Nein, aber dieses Spiel Civilisation für Mac war verdammt großartig. Die Idee, die ganze Welt zu erobern, fand ich als mit sechs, sieben Jahren ziemlich cool. Und durch das Spiel konnte ich in diesem Alter bereits eine Karte der Welt zeichnen, also war es wohl auch lehrreich.

Letzten Endes bist du, statt eines zweiten Napoleons, Musiker geworden und dich dabei auf deinen ersten drei EPs sukzessive weiterentwickelt. Die dritte und aktuelle Household Goods EP wirkt da gewissermaßen wie der Hybrid der beiden Sixty Dancehalls EPs zuvor.
Ja, die dritte EP war ebenso Teil der Serie und somit war das abzusehen. Ich sehe sie und die zweite als eine Vereinigung, da sie sich in der gleichen Klangwelt für mich bewegen. Aber meine Musik ist nie geplant. Ich schaue einfach immer, welche Lieder ich gerade zur Veröffentlichung bereit habe.

Trotzdem scheinst du dabei deinen Sound gefunden zu haben. Und obwohl die drei Stücke auf der EP einen noch stärkeren, gemeinsamen Kern zu haben scheinen als ihre Vorgänger, unterscheiden sie sich doch stilistisch erneut sehr stark.
Für mich ist es wichtig das Dance Music sich nicht nur in einer einzigen BPM-Rate bewegt. Alle Stile sind gut und alle untereinander verbunden. Es gibt immer einen Bass, Drums und eine Melodie. Und wenn es dann ein gutes Lied ist, dann ist eben ein gutes Lied. Es sollten noch mehr Produzenten sich am Schreiben in anderen Stilen versuchen, denn ich denke, sie würden fantastische Musik machen. Stell dir einmal Skream mit einem Tech-House-Stück vor. Das wäre absolut abgefahren.

Oder möglicherweise das komplette Gegenteil.
Das kannst du nie wissen. Was kann schon schiefgehen? Ich glaube, dass die Fans heutzutage gelassener sind und die Produzenten sich selbst herausfordern hören wollen. Durch das Internet und Annie Mac haben sich die Dinge gewandelt. Ich spüre, dass einem heute mehr durchgelassen wird. Als ich mit meinen ersten Sets anfing, hatte ich noch Angst, dass die Leute es hassen könnten. Durfte ich zum Beispiel nicht mehr Electro-House spielen? War es plötzlich so uncool geworden? Und dann habe ich mir gesagt: Fuck it!

Wie fühlt es sich, Annie Mac oder Greco-Romans Joe Godard (Hot Chip) als Unterstützer hinter sich zu wissen?
Die Szene ist sehr freundlich und umsorgend. Die Leute bemühen sich, sich um dich zu kümmern. Annie Mac und die anderen BBC Radio 1 DJs haben mich unter ihre Fittiche genommen, ob bewusst oder nicht, und das fühlt sich erstaunlich an. Aber gerade in Großbritannien haben sich die Leute schon immer mehr für Untergrundsachen interessiert, also könnte es durchaus härter werden, sobald ich Erfolg habe, haha.

“Ich versuche, fröhliche Lieder zu schreiben, aber sobald ich einen Synthesizer oder ein Klavier spiele, wird es tragisch.”

Dort werden auch Untergrundgenre sehr schnell und oft in ebenso blutleere wie paradoxerweise erfolgreiche Abziehbands kanalisiert. Gerade etwa Modstep in puncto Dubstep.
Sein Gesicht bei dem Namen verziehend: Da kannst du nicht das Geringste dagegen machen. Wenn du 13 bist und anfängst Radio zu hören, dann kennst du die ganze musikalische Vorgeschichte nicht und springst direkt dorthin, wo sich alle gerade aufhalten. Das ist normal und auch der Grund, warum sich alles so schnell weiterentwickelt. Gruppen wie Modstep wird es immer geben und dann wieder eine Gegenreaktion darauf. Aber für viele Leute, die dem Dubstep anhängen, kann eben mit einem einzigen Künstler alles vorbei sein. So war es auch mit Pendulum und Drum’n’Bass. Das war der Punkt, an dem viele Leute, mich eingeschlossen, die das Genre jahrelang gemocht haben, sich abwendeten. Ich selbst will einfach nicht jemals ein Album zurückhalten müssen, nur weil es den Leuten nicht mehr gefallen könnte. Vielleicht muss ich das mal, aber ich hoffe nicht.

Stattdessen nimmst du dir – wie auch James Blake und andere hoffnungsvolle Neulinge – viele unterschiedliche Stile und Einflüsse zur Brust. Glaubst du, dass dieser Ansatz genuin für eure Generation von Musikproduzenten ist?
Vielleicht. Ich weiß, dass das passiert, aber ich bin nicht sicher, warum es das tut. Wenn du heute als Jugendlicher Musik machen willst, brauchst du keine Band mehr, sondern nur einen Computer für den Anfang. So begeistern sich Abertausende dafür. Hier steckt eine Menge Liebe drinnen und das spüren die Leute. Sie sehen die Sorgfalt, die auf das Schreiben und Aufnehmen der Musik verwendet wird. Das wird allgemein unheimlich wertgeschätzt, gerade bei James Blake, denn er ist nicht nur wirklich talentiert, sondern bemüht sich um jeden einzelnen Klang. Es ist einfach eine gute Zeit gerade.

TEED hingegen waren auch einmal ein Duo.
Nicht ganz. Am Anfang war ich es allein, dann hat Boxman (Edmund Finnis*) mich ein Jahr live unterstützt. Jetzt ist er Komponist seriöser Musik für Orchester und Opern. Ich wiederum habe nun Tänzerinnen auf der Bühne und manchmal ist Louisa (von Lulu and the Lampshades) aus “Garden” mit dabei.
*Finnis und Higginbottom sangen bereits als Kinder gemeinsam im Choir of New College Oxford, der von Orlandos Vater Edward angeleitet wurde.

Dieses Lied ist ein perfektes Beispiel für die Besonderheit deiner Musik, abgesehen von der Diversität: Es gibt immer einen gewisses Sentiment der Melancholie.
Ich versuche, fröhliche Lieder zu schreiben, aber sobald ich einen Synthesizer oder ein Klavier spiele, wird es tragisch. Und ich denke, dass etwas Tragisches in sowohl dem Clubben als auch der Popmusik liegt, ebenso in der Tatsache, du und ich zu sein.

Was bedeutet das für dich genau?
Vereinfacht gesagt: Du gehst für eine Nacht feiern mit den Träumen dieser Nacht im Kopf: Ich werde mich betrinken, ein Mädchen küssen, eine famose Nacht haben… bla, bla. Meistens passiert das aber eben nicht und du kommst leicht enttäuscht nachhause. Und selbst wenn du eine tolle Nacht hattest, bist du zwei Tage später bereits traurig, dass sie vorbei ist. Für mich ist Dancemusic voller Nostalgie, was ein sehr starkes Gefühl ist und wie sich hoffentlich auch meine Musik anfühlt. Am besten hörst du sie an einem Mittwoch nach dem Wochenende. Das Ausgehen ist so schnell vergangen und man bleibt Musik über Erlebnisse schreibend im Studio zurück, unfähig sich dieser wirklich zu erinnern.

“Ich verkleide mich als Dinosaurier, ich kann nicht cool sein!”

Gewissermaßen widerspricht das dem Geist der Konzerte.
Ja, das ist einfach so passiert. Ich weiß nicht warum, hoffe aber, dass es funktioniert.

Wie viele Dinokostüme besitzt du? Mittlerweile müssten sie sehr verschwitzt sein.
Die sind noch in Ordnung. Die der Mädchen sind schlimmer. Zudem sind meine waschbar, da sie einen Schwanz haben; aber nur von Hand. Es sind insgesamt zwei grüne und je ein schwarzer, hellblauer und afrikanisch bedruckter Anzüge. Der Schwarze ist mein Favorit. Nina (Rebina), die auch bei mir tanzt, entwirft die Kostüme, daher ich rufe ich sie immer an sobald ich hundert Pfund zusammen habe.

Und sie lassen dich auch bisweilen modisch aussehen. Gab es schon Anfragen aus der Modeindustrie für eine Kooperation? Zufälliger Weise bist du ja auch immer genau zur Modewoche in Berlin.
Ja, ich habe mit Designern zusammen meine Kopfbedeckung entworfen, aber ich habe nie Modeaufnahmen oder dergleichen gemacht. Ich sage ja auch nicht, dass ich modisch bin oder das hier cool ist. Ich verkleide mich als Dinosaurier! Ich kann so nicht cool sein und ich versuche es auch nicht. Eigentlich versuche ich genau das Gegenteil indem ich den Konzertbesuchern sage: Seid ihr selbst, entspannt euch und habt Spaß, denkt nicht über irgendetwas nach, denn der Typ auf der Bühne macht einen Affen aus sich, weil er als Dinosaurier verkleidet ist.

Das Ganze erinnert mich an Max und sein Wolfkostüm in Where the Wild Things Are. Siehst du das spielerische Verkleiden auch als eine Flucht vor irgendetwas?
Eskapismus? Wahrscheinlich, ja. Musik ist oft auch Eskapismus und das spielt hier wohl mit rein. Manchmal glaube ich, dass ich Musik schreibe, die eine Fluchtmöglichkeit ist. Aber ich weiß nur, dass ich sie genieße und mich in der Lage, das auch noch ein paar Jahre weiter so zu machen. Ich kann Geld verdienen und die Leute mögen es, so läuft das. Es gibt keine große Philosophie dahinter.

Keine Agenda, keinen Subkontext?
Natürlich nicht.

Wieso natürlich nicht? Warum verweigern sich mittlerweile selbst konzeptionell durchdacht agierende Künstler, wie du es auch bist, jeder Art persönlicher oder ästhetischer Agenda?
Vielleicht brauchen wir mehr Poeten, aber ich… Okay, pass auf! Wenn ich eine Agenda habe, dann ist es die, zu unterhalten. Aber es gibt keine tiefere Bedeutung oder Klischees in meinen Texten. Ich hoffe nur, dass die Leute irgendwo gerade meine Lieder summen. Wenn ich ernste Musik schreiben wollen würde, wäre das zeitgenössische klassische Musik. Die schönste Musik der Welt stammt von Bach und warum sollte ich versuchen, mich daran zu messen? Wenn ich versuchen würde tief und bewundernswert zu sein, dann würde ich nur Klavier und die Musik anderer Leute spielen.

“Greco war das perfekte Zuhause für mich, aber es gibt ein anderes Label für mich.”

Rührt das alles von deinem Vater Edward her, der Professor für Chormusik an der Universität Oxford ist?
Von meinem Vater und meiner Mutter. Ich lernte schon sehr früh, einen CD-Spieler zu benutzen, und habe Unmengen Alben gehört. Ich liebte es, Klavier zu spielen, sang als Kind im Chor. Das war alles sehr wichtig für mich. Die klassische Musik ist eine ernste und unglaubliche Angelegenheit, aber ich mache etwas Leichtes. Die Melancholie, die Tragödie meiner Musik… sie ist heftig, aber sie passiert eben einfach. Ich denke darüber nicht nach.

Tauschst du dich mit deinem Vater über deine Musik aus?
Ja, er will, dass ich sie stärker verändere, Ideen weiterentwickle. Für ihn macht ein einziger Loop, der sich durch ein ganzes Lied zieht, was ja schließlich gute Dancemusic ausmacht, keinen Sinn. Er liebt Minimalismus, Reich und Cage, aber ich glaube, dass Techno jenseits seiner Verständnismöglichkeiten liegt. Aber gerechterweise muss man sagen, dass wenn jemand sein ganzes Leben der klassischen Musik gewidmet hat, dann fühlt sich Techno mit Sechzig-plus absolut wesensfremd an. Ich kann hingegen die Energien von beiden spüren, aber wie willst du das nun wieder erklären?

Es sind nahezu identische Ansätze, aber unterschiedliche Techniken. Wo wir beim Komponieren sind; wie steht es um dein Debütalbum?
Das Album wird gerade geschrieben und ich muss es in drei Wochen fertig haben, so dass es im Sommer erscheinen kann. Vielleicht wird es ein paar Gastbeiträge geben. Gerade nehme ich ein paar Leute auf und sehe, wohin das führt. Man muss die Dinge ausprobieren. Nun machst du ein Album, einen ganzen Querschnitt. Viele Leute werden sich das anhören. Wie präsentierst du das? Es hat mich seit einigen beschäftigt, also muss es jetzt richtig werden, die richtige Botschaft vermitteln.
Und ich werde für das Erste nicht weiter bei Greco veröffentlichen, denn es gibt ein neues Label, einen Major. Aber sie waren das perfekte Zuhause für mich, haben mich dazu befähigt dieses kuriose Projekt umzusetzen.  Ich bin mir sicher, dass wir noch einige Parties und dergleichen zusammen machen werden.

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Später erzählt uns Greco-A&R Alex Waldron, dass Orlandos Pläne einfach zu groß für das kleine Budget des Labels waren, weshalb wir umso gespannter das neue Machwerk erwarten. Auch die Kollaboration mit Riton ist nicht eingeschlafen, allerdings wurden erst zwei Lieder aufgenommen. Ab heute sind Totally Enormous Extinct Dinosaurs aber erstmal als Support von Darwin Deez in Großbritannien und Deutschland unterwegs – alle Termine findet ihr hier. Zusätzlich empfehlen wir ein Interview mit Nina Rebina über ihre Arbeiten in Amelia’s Magazine.

Totally Enormous Extinct Dinosaurs Household Goods EP ist bei Greco-Roman erschienen.


The 2 Bears : The Lunatics (Totally Enormous Extinct Dinosaurs Remix) (Stream)


Totally Enormous Extinct Dinosaurs : Household Goods (Justin Martin vocal remix) (Stream)

Yuksek : Jägermeister WHT Interview

10:00


PHOTOS: Christoph Paul

Ein wunderschöner Kontrast, ein Aufeinandertreffen der Klischees, das sich unseren Augen bietet: Gegenüber am Tisch sitzt ein gut gekleideter, junger Franzose mit einem Glas Rotwein und vor ihm wartet ein großer Teller voll deutschem Sauerkraut und Kassler auf den abendlichen Verzehr. Yuksek, unser zweiter Interviewpartner bei der Eröffnung der Jägermeister Wirtshaustour im rustikalen Herzen Berlin-Friedrichshains, ist ein weit gereister Mann und sticht mit seinem oft nachdenklichen Hang zu Minimalismus und feiner Popkulturen der aktuellen elektronischen Szene seines Landes merklich heraus.

Nicht ahnend, dass er nur Stunden später die Party bis weit über fünf Uhr morgens an einem ganz normalen Donnerstag anführen würde, haben wir uns mit Pierre-Alexandre Busson für die Zeit eines Glases hingesetzt und darüber gesprochen, was The Cure mit seinem neuen, gerade entstehenden Album zu tun haben und welche Träume er als Kind hatte.

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Heute sollte es sehr voll werden, da die Jägerklause ein eher kleines Lokal ist. Wie gehst du damit um?
Das ist unterschiedlich. Manchmal macht es großen Spaß, kleinere Orte zu spielen, die dafür wirklich voll sind – selbst wenn du dir deine Sporen schon verdient hast. Die Leute ticken hier eher aus und das siehe ich gewissermaßen Clubs vor. Ich bin kein großer Freund von ihnen, dort ist es oft etwas überkandidelt. Für gewöhnlich bin ich also schnell gelangweilt, trinke dann viel und früh und werde schnell betrunken.

Dann sollte der vermeintliche Verfall der französischen Clubszene für dich auch sein Gutes haben. Inwiefern unterscheidet sich die Resonanz in Ländern wie Deutschland oder anderen Teilen der Welt?
In Frankreich ist man nach dieser Art von Musik eh nicht sehr verrückt. Für mich hängt alles von bestimmten Ländern ab, in denen das Album die beste Wirkung erzielt hat. Zum Beispiel habe ich im letzten Jahr sehr viel in Asien gespielt und das war wirklich gut, selbst in Ländern wie Südkorea, wo du nicht gerade erwartest, dass die Leute wirklich alle Lieder kennen. Aber andererseits ist die Nacht überall die gleiche.

Vor kurzem hast du We’re Ready When You Are (ft. Ebony Bones) mit deinem Freund Brodinski als The Krays veröffentlicht und mit ihm getourt. Stimmt es, dass du es nicht magst, alleine zu arbeiten und zu spielen?
Es gibt sogar noch Girlfriend, ein wirklich nicht Club-fokussiertes, sondern eher rockiges Project mit meinem Studiokollegen von ALB. Aber gerade vollende ich mein neues eigenes Album und es gibt da wirklich viele Lieder, die ich wohl nicht alleine auf der Bühne verteidigen könnte. Also wird demnächst eine Band mit mir unterwegs sein. Keine Standardgeschichte, sondern etwas Besonderes.

Wie wird das Album klingen? Werden Songstrukturen und Erzählperspektive weiter ausgebaut?
Ja und es wird häufiger gesungen.

Was war dein besondere Antrieb für diese Umorientierung?
Ich habe Pop und Indierock immer schon geliebt und auch viel öfter gehört als Electro. Selbst mache ich zwar Musik für DJs und Clubs, aber das ich nicht das einzige, was ich machen möchte. Auf diesem Album werden ich mehr mit meiner Stimme experimentieren. Ich singe alle Lieder selbst ein, ohne Effekte. Es wird auch keinen einzigen Gastbeitrag geben.

Über welche Themen singst du?
Es ist ein recht persönliches Album und auch etwas melancholisch. Ich singe über bestimmte Gefühle, die ich erfahren habe. Dabei hatte ich zudem das erste The-Cure-Album Three Imaginary Boys vor Augen. Das neue Werk wird nicht das gleiche sein, aber jenes Album beschreibt noch am besten eine Art und Weise von Musik, zu der die Leute tanzen können, ohne dass es technoartig ist. Sie fährt dir in die Glieder, gleichzeitig aber lässt sie dich die Texte anders aufnehmen und über sie nachdenken. Das ist zum Beispiel nicht hedonistisch.

Die Stücke werden also eher nicht in ein übliches Discoset passen?
Nein, dafür sind sie nicht wirklich gemacht.

Ist die Musik für dich der beste Katalysator eigener Emotionalität?
Ich glaube, ja. Ursprünglich ist es meine einzige Form der Kommunikation, mit der man sich ausdrücken und bestimmte Dinge hervorholen kann. Es ist in gewisser Weise wie ein Besuch beim Psychologen: Du redest und redest und er hört dir nur zu. Im Studio arbeite ich an meinen Sachen ohne großartig darüber nachzudenken, wie ich sie angehe oder nicht; sogar bei den Texten. Ich schreibe, nehme auf, bearbeite und nach einer Woche wird ein Lied das, was es ist, ohne dass ich es geplant habe.

Musik wird zum Medium deines Innern.
Ja, das ist die höchste Art des Schreibens. Etwas geht einfach durch dich hindurch; von tiefsten Böden deines Gehirns direkt in die Maus in deinen Händen ohne dabei das Bewusstsein zu schneiden.

Aber dieser Strom kann manchmal urplötzlich für Tage abbrechen. Wie begegnest du solchen Phasen?
Oh, ich habe viel zu tun. Letztes Jahr habe ich etwa auch das Album Birds & Drums von The Bewitched Hands und andere Dinge produziert. Es gibt für mich immer etwas zu erledigen und ich bin mit allem immer hinten dran, weil ich bisweilen zwei Wochen lang nur an meinen eigenen Sets arbeite. Wenn ich also fühle, dass ich leer bin, widme ich mich einfach meiner Arbeit. Obwohl man das natürlich nicht Arbeit nennen kann, dann ich mag die Tätigkeit ja wirklich.

Du hast zwar schon als Schüler eine klassische musikalische Ausbildung erhalten, aber wie würde dein Leben heute aussehen, wenn du nicht Musiker bzw. Produzent geworden wärst?
Da ich immer Musik gespielt habe, seit ich ein kleines Kind war, kann ich mir mein Leben gar nicht ohne sie vorstellen. Schon damals sah ich mich als zukünftigen Musiker. Allerdings auch als Flugzeugpiloten, denn ich liebe es über den Wolken zu sein, das fühlt sich so natürlich an.

Yuksek Away From The Sea ist bei Barclay erschienen.

Noch mehr Photos und ein weiteres Interview mit We Have Band findet sich hier. Bewegtbilder hat hingegen das Team von i-ref.de eingefangen – nachfolgend das Video. Die Jägermeister Wirthaustour geht indessen nach Köln, wo am 17. März The Subs und Proxy im Dom im Stapelhaus spielen – Karten dafür können bis dato nur auf das-wirtshaus.de/gaesteliste oder Facebook gewonnen werden.


i-ref : Jägermeister Wirtshaus Tour Berlin: Interview WE HAVE BAND & YUKSEK (LONG VERSION)

In Zusammenarbeit mit Jägermeister.

We Have Band : Jägermeister WHT Interview

12:15

dede we have band

“Es gehört zu Eckkneipen oder Wirtshäusern, dass sie eben etwas miefig, verklebt und in etwa so modisch wie Omas Faltenrock sind.” Während die tierliebe Oma von der Geweihkollektion der orange eingetauchten Jägerklause wohl ordentlich eingeschüchtert gewesen wäre, wurde der Rest unserer Erwartungen locker am Donnerstag übererfüllt. Von einer bayrischen Brotzeit und ein paar Drinks gestärkt und durch Tischtennis, Kicker und Dart (bei dem sich Darren als Naturtalent erwies) bestens aufgewärmt, eröffneten We Have Band die Jägermeister Wirtshaustour in Berlin mit einem wahrlich intensiven Auftritt. Für die zuvor in einer straßenlangen Schlange anstehenden Gäste schien sich das Warten gelohnt zu haben: Obwohl Schulter an Schulter in das kleine Lokal gedrängt, kam schnell Bewegung in den durch Hits wie “Oh” oder “Divisive” euphorisierten Pulk, während das Klima in das einer tropisch-feuchte Großwildjagd umschlug.

Im ersten von zwei Rückblickteilen teilt das muntere britische Trio – bestehend aus Darren sowie die verheirateten Dede und Tom – nun alte und neue Berlin-Geschichten mit uns und diskutiert die Vor- und Nachteile eines mütterlichen Tourbesuchs ebenso wie die Frage, welchen Drink man zu ihrem gerade entstehenden, zweiten Album später reichen sollte.

Ihr wirkt alle drei sehr aufgeregt bis hibbelig, gerade Darren, der einmal sagte, er wäre für euch, Dede und Tom, mal eine Art Sohn, mal eine Art mäßigender Großvater. Wie sieht es damit heute aus?
Darren: Oh ja, lasst uns am Spielplatz treffen, um zu spielen!
Dede: Ich glaube, es ist heute der Sohn.
Tom: Aber ich bin ein zerrütteter Vater.
Darren: Nein, heute bin ich gewissermaßen für jeden verfügbar. An manchen Orten braucht jeder von uns einen älteren Part und Berlin gehört dazu. Wir sind hier immer etwas aufgedreht hier. Ich weiß aber nicht warum.

Vielleicht ist es die Atmosphäre hier?
Tom: Es ist auf jeden Fall die Atmosphäre einer großartigen Stadt.
Darren: Wir lieben sie.
Dede: Hier sind wir immer aufgeregt.

Und es ist bereits euer sechster Besuch. Manche der Clubs wie das Scala oder die Villa, in denen ihr gespielt habt, wurden leider wenig später geschlossen.
Darren: Und der Magnet Club musste umziehen. In der Villa hatte man uns schon damals vom Ende erzählt. Vielleicht bringen wir Unglück und auch die Jägerklause muss bald schließen.
Tom: Entschuldigt bitte schon einmal!
Dede: Ja, sorry. Die heutige Nacht ist vielleicht die letzte, also amüsiert euch!

Aber mittlerweile müsste es für euch schon allerhand bekannte Gesichter in der Stadt und unter den Konzertbesuchern geben.
Tom: Ich bin mir nicht sicher. Aber als wir im November im Festsaal Kreuzberg gespielt haben, fühlte sich das großartig an. 500 Leute waren da. Ganz schön viel für solch eine kleine Band, die in eine solche Stadt kommt und derartige Clubs ausverkauft. Vielleicht haben wir die Schwelle endgültig überschritten.
Darren: Es war jedenfalls sehr besonders.
Dede: Und dadurch, dass alle so enthusiastisch waren, haben wir uns auch gleich wieder wohl gefühlt.

Ursprünglich habt ihr eure Karriere aber in kleinen Bars wie dieser hier bekommen, etwa dem Old Blue Last oder Barden’s Boudoir in London. Was für Erfahrungen habt ihr damals gemacht?
Dede: Es war etwas chaotisch, aber es war ein stimmungsvolles Chaos.
Tom: Wir lieben das Old Blue noch immer. Es war ein tolles Gefühl, eine der Bands der Stunde zu sein. Aber manchmal kann das auch ein Fluch sein und man scheitert daran, es über den buzz hinaus zu schaffen.
Dede: Man spielt in solchen Leuten wohl wissend, dass die Leute dort dich nicht kennen, aber für alles bereit sind, vor allem für eine gute Nacht. Also haben sie einfach Spaß. Es ist schwitzig, voll und viel zu viel los. Der Klang ist vielleicht auch noch mies und so hören weder sie dich, noch du sie. Aber alles ist dennoch in bester Ordnung.
Darren: Irgendwie funktioniert es eben immer.

Vermisst ihr manchmal diese Tage, in denen ihr noch wirklich die Zuschauer von euch überzeugen musstet?
Darren: Gewissermaßen ist es noch immer so, denn jetzt ist da ein Raum voller Erwartungshaltungen von Leuten, die bereits vor vier Monaten sich eine Karte gekauft haben. Es ist einfach ein andere Art von Druck, der wiederum immer da sein wird.
Tom: Und wenn du bei einem Festival spielst, kennt dich nur ein Drittel des Zelts und der Rest nicht.
Dede: Dir muss immer der Umschwung gelingen.

Was wiederum sicherlich einfacher ist, wenn man zu dritt auf der Bühne steht und sich so die Aufmerksamkeit und Geschmäcker verteilen können.
Tom: Ich mag es, zu dritt zu sein. Ich habe auch in Bands mit noch mehr Leuten gespielten, aber mit dreien funktioniert es am besten, auch wenn wir noch einen Schlagzeuger dabei haben.
Dede: Ich kann nur sagen, dass du mich ohne die zwei nie auf eine Bühne kriegen würdest.
Darren: Du meinst, nicht ohne deinen Ehemann.
Dede: … oder eben meinen ganz besonderen Freund.

Wie beeinflusst das die Bandchemie, etwa im Tourbus? Denn um offen zu sein, habt ihr bis hierhin fast durchgängig alle drei gleichzeitig gesprochen, was wohl auch untereinander die Kommunikation nicht immer erleichtert.
Tom: Ach, im Bus sind wir immer alle ruhig, haben die Kopfhörer auf und versuchen zu schlafen.
Dede: Es wird nicht geredet bis nach ungefähr vier bis fünf Stunden es dann aus uns herausplatzt.
Darren: Heute morgen gab es kein Gerede im Bus, nur wenig am Flughafen und dann plötzlich… bumm!

Dann seid ihr wohl alle eher richtige Katermenschen?
Dede: Nein, darum geht es nicht. Wir mögen einfach keine Morgen; weder betrunken, noch nüchtern.

Es gibt kein romantisches Frühstück für das Ehepaar?
Beide: Nein.
Darren: Ich bin heute um sechs aufgestanden, was weder schlecht, noch gut ist. Besonders wenn die Nacht davor lang war.

Wie steht es da um euren Lebensstil auf Tour? Von euren Interviews ausgehend, würde ich da eher wilde Geschichten vermuten, allerdings hattet ihr auch Dedes Mutter in der Schweiz dabei – was natürlich nicht unbedingt einander widersprechen muss.
Dede: Das bedeutet nicht, dass wir in besseren Hotels schlafen.
Tom: … aber dass sie uns wohl alles wegtrinkt.

Aber ihr dürftet euch doch ruhiger verhalten oder?
Darren: Nein, sie kann mit den besten mithalten.
Tom: Sie mag es zu feiern. Wir dagegen bevorzugen es nicht besonders wild, aber haben auch nichts dagegen.
Darren: Oh, magst du etwas nicht wild?
Tom: Lass das! Wir waren nicht eine dieser Bands, die von einem Majorlabel genommen werden, noch bevor sie überhaupt bekannt sind, und dann in große Hotels gesteckt und wie Stars behandelt werden. Wir haben alles selbst gemacht und das ziemlich dreckig. Aber sicherlich mögen wir etwas Luxus.
Darren: Aber was ist schon der Unterschied? Wenn du achtzehn bist und jemand einen riesigen Scheck auf den Tisch haut, nimmst du alles mit. Wir haben unsere eigenen Auftritte organisiert, uns unsere Bühnen selbst gesucht und hatten nicht mal einen Soundtechniker für uns, geschweige denn einen Manager. Und nun, davon kommend, sind wir eben noch immer in der Lage, unseren Müll selbst rauszutragen. Das ist der Unterschied.

Hattet ihr Mitleid mit all jenen jungen Künstlern, die in die Maschinerie geraten sind, während ihr noch selbst alle bei einem Majorlabel gearbeitet habt und es die Band noch nicht gab?
Dede: Nein und wir hatten auch andere Jobs.
Darren: Eine andere Zeit…
Tom: … und Ära.

Werdet ihr gerade nostalgisch?
Darren: Aber nicht weil ich für andere den Telefonisten gegeben habe. Wenn wir coole A&R-Manager gewesen wäre, wäre es wohl anders gewesen.
Tom: Es gibt keinerlei Verbindung zwischen unserer damaligen Arbeit und was wir heute tun.
Dede: Wir genießen einfach die unterschiedlichen Zeiten. Man erfährt die unterschiedlichsten Dinge mit jedem weiteren Lebensabschnitt.
Darren: Das ist auch entscheidend.
Tom: Wir haben kein Problem damit, so etwas zu zerreißen, aber wir mögen etwas Luxus eben auch selbst.

Wie luxuriös wird da die Produktion des neuen Albums ausfallen?  Gibt es weitere Audioperlen?
Dede: Nein, es wird stattdessen viele Liebe drin sein. Vielleicht auch Luxus, den wir lieben.
Tom: Aber vor allem Liebe.

Nächtliche Liebe?
Tom: Nächtliches Lieben!
Darren: Sexy Kram und dergleichen.

Cherry-Funk also?
Tom: Oder Sherry-Funk!
Darren: Wir trinken auch gerne mal etwas, bevor wir Sachen einsingen. Das lässt das Ganze sexy klingen.
Tom: Do you know trifle? It’s an English pudding and you should enjoy the record with it, when it’s done. Or better with a bottle of sherry.

We Have Band WHB ist bei Naïve erschienen. Den ersten Teil unserer Photogalerie gibt es unten zu sehen. Morgen folgt Teil #2, in dem Yuksek mit uns seine Ansichten sich zu Frankreichs Zukunft, heimatlichen Champagner und sein neues Album teilt. Die Jägermeister Wirthaustour zieht derweil weiter nach Köln, wo The Subs und Proxy am 17. März im Dom im Stapelhaus spielen – weitere Infos dazu findet ihr auf das-wirtshaus.de/gaesteliste oder Facebook.

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PHOTOS: Christoph Paul

In cooperation with Jägermeister.

Esben and the Witch : Interview

08:01

Eine zweijährigen Anlauf gepflastert mit allerhand Vorschusslorbeeren vollendet die nächste britische Hoffnung Esben and the Witch anno 2011 nun in ihrem Debütalbum Violet Cries. Dabei sieht das Brightoner Trio Daniel Copeman, Thomas Fisher und Sängerin Rachel Davies – benannt nach einem dänischen Märchen -, hier von Jonathan Hyde verloren im Schnee abgelichtet, niedlicher aus, als es ihre Musik ist. So prägt ihren Stil eine Düsterkeit, konstituiert aus einer wiederum bizarren Vertracktheit.

Nicht selten schnürt die Musik uns Brust und Kehle zusammen, macht die Luft klamm. Doch immer wieder bricht das in die Ecke gedrängte Individuum neu hervor, revoltiert und so bindet die Band nicht mit Agitation, aber mit Verweisen auf James Joyce und klassische, griechische Mythen den Zeitgeist, der zuletzt die Jugendlichen auch in Großbritannien auf die Straße trieb. Und dann enthält ihr Debüt ganz im modernen Zwiespalt auch durchaus liebevolle, Glück verheißende Passagen.

Wir haben all das und mehr mit ihnen reflektiert, Tourdaten gibt es obendrein:

Noch 2009 wurde eure Musik als Goth-Pop kategorisiert, schon ein Jahr später hat man euch einfach verstohlen mit der sogenannten Witch-House Bewegung in eine Topf geworfen. Zudem gab es den von euch selbst geschaffenen Begriff des Nightmare-Pops. Wie wichtig ist es für eine Band wie die eurige unter einer bestimmten Flagge zu segeln und welche Schlüsse zieht ihr daraus?
Wir spüren keine bestimmte Affinität zu irgendwelchen Etikettierungen oder Subgenren. Der Nightmare-Pop war da eher ein Term, den wir damals für eine recht effektive Umschreibung unserer Musik hielten, der aber nie mehr als das sein sollte und sich mittlerweile auch schon wieder überholt anfühlt.

Das Märchen, nach dem ihr euch benannt habt, ist eine düstere Geschichte mit einem glücklichen Ende und daher gewissermaßen auch ambivalent zu eurer Musik oder? Schließlich klingt diese so dunkel, dramatisch und nahezu magisch. Sie lässt beinahe keinen Ausgang erkennen.
Es wäre eine undankbare Aufgabe, die Geschichte und all ihre Stimmungen in ihrer Gesamtheit wiedergeben zu müssen. Stattdessen haben wir sie ausgewählt, weil wir uns ihre generelle Metaphorik und ihre Themen angezogen haben, wir die Worte als gute Anwandlung unserer eigenen, musikalischen Bestrebungen wahrnahmen. Nichtsdestotrotz halten wir auch nicht alle unserer Lieder ausschließlich für auf die Dunkelheit fixiert, denn wir sehen in dem Album auch starke Illusionen der Liebe, Hoffnung und Fröhlichkeit.

Ein Stück, das es nicht auf das Album geschafft hat, heißt “Lucia, at the Precipice”. Lucia war die Tochter des Autoren James Joyce und litt unter Schizophrenie. Darüber hinaus kämpfte sie ihr ganzes Leben lang um die Liebe ihrer Mutter und die Aufmerksamkeit ihres Vaters, so wie wohl nicht wenige andere mit Abstrichen auch. Spiegeln sich solche Aspekte in irgendeiner Art und Weise auch in der Band und euren persönlichen Erfahrungen wieder?
Auf keinen Fall. Wie bei vielen Themen und Ideen des Albums so steckt auch hinter “Lucia” eine Geschichte, die unsere Vorstellung in Besitz nahm und uns zu nötigen schien, sie zu erkunden. Natürlich ist es unvermeidlich, dass die HörerInnen die Inspirationen und Referenzen unserer Lieder auf ihre eigene, persönliche Weise lesen werden. Es sind also emotionale Elemente darin eingefasst, aber sie werden nicht direkt durch den Kontext angedeutet.

Und Joyce führt uns weiter: Eure Hingabe für Literatur ist uns wohl bekannt. Was könnte daher eurer Meinung nach die ideale Handlung für das ultimative Buch sein, das es noch zu schreiben gilt? Keine Sorge, ich will nicht an den Rechten beteiligt werden.
Das könnten wir unmöglich sagen… Vermutlich ist genau das die schöne Natur der Literatur.

Vielen Dank, es bringt uns zurück zum Album: Noch nicht erschlossen hat sich sein Titel. Was verbirgt sich hinter Violet Cries?
Der Titel entstand im selben Zeitraum wie auch die äußere Gestaltung und das Album selbst. Er konnotiert es im Übrigen viel weniger als es die Liedtitel selbst tun. Seine wirklich Bedeutung für das Album erschließt sich daher eher aus den Bildern, die er evoziert, und den Farben, aus denen Violett entsteht. Das, verbunden mit dem Wort ‘Cries’ (schreit), empfanden wir als die angemessene Stimmung für die HörerInnen.

In vielen der Albumstücke wendet ihr das Konzept eines übermannenden wall of sound an, gleichzeitig behandeln die dazugehörigen Liedtexte Kriege und Schlachten: Wie seht ihr da Musik als Kraft bzw. Gewalt im Allgemeinen?
Die Musik ist durchaus eine unglaubliche Gewalt und ihre Bedeutung und Auswirkung für die Menschen unbestreitbar. Sie ist etwas, das diese an ihre Erinnerungen und Momente heften, und ist daher von ihrem Wesen direkt mit der Lebensweise der Menschen verbunden.


(Regie: Peter King & David Procter)

Während ich den “Marching Song” hörte, las ich Le Horla, eine Kurzgeschichte von Guy de Maupassant. In ihr ist ein Mann besessen von einer ihn dominierenden Halluzinationen (die Horla), die ihm das Leben zu rauben wollen scheint. Und dazu singt ihr: “Lost in the blackness/they’re losing their sights”, vor einem Hintergrund verschwimmender, düsterer Klänge. Würdet ihr eure Musik mit solchen Anwandlungen in puncto Wahnsinn, Finsternis (und Existenzängsten) identifizieren?
Das klingt faszinierend und bewegt sich in den Kreisen jener Literatur, die uns anzieht. Da wir es aber nicht gelesen haben, können wir letztendlich unsere Musik nicht mit diesem einzelnen Werk identifizieren. Die angesprochenen Punkte betören und faszinieren uns allerdings und man kann durchaus behaupten, dass wir sie in diesem Album erkunden.

Ihr singt zudem von Krankheiten wie Argyrie (“Argyria”) oder “Chorea” und auch vom Mythos der griechischen Rachegöttinnen bzw. Erinyen oder Eumeniden (“Eumenides”). Alles recht bedrohlich, fatalistisch. IstViolet Cries als Ganzes ergo ein Kassandraruf, eine Untergangsprophezeiung?
Nun, wir bereits zuvor erwähnt, empfinden wir auch Momente der Hoffnung und des Glücks im Album und das dürfte auch daran liegen, dass unsere Vorstellung von ihnen im Vergleich zur Restbevölkerung verdreht ist. Wir finden Schönheit in Gegenständen, die von vielen als schrecklich und grotesk wahrgenommen werden. Es wäre unsererseits auch ziemlich vollmundig, das Album eine Untergangsprophezeiung zu nennen.

Daran anschließend: Kürzlich kam es zu Studentenunruhen in London, die britische Volkswirtschaft präsentiert sich in einer schlechten Verfassung und die EU scheint ein einziger Zankapfel zu sein. In Zeiten wie diesen, welche Agenda verfolgt ihr über die Musik hinaus?
Es ist unmöglich, sich der mannigfaltigen Übel, die die Welt seit kurzem befallen haben, nicht bewusst oder über sie besorgt zu sein. Zugleich sind es interessante, gefährliche Zeiten, da viele Elemente des modernen Lebens, mit denen unsere Generation aufwuchs, gerade ausgehöhlt werden. Weiterhin gibt es sehr reale und erdrückende Besorgnisse über die Umwelt, in der wir alle leben. Wie solche Probleme zunächst akzeptiert und dann angegangen werden ist für uns von höchster Bedeutung.

Ihr seid aus Brighton, über das ein Journalist einmal schrieb, es sei voller Menschen aus London, die der Metropole und ihrem Lärm schlicht entfliehen wollen. Wie steht ihr zu dieser Beobachtung?
Wir begrüßen natürlich den Umstand, sehr nah an London leben zu können und gleichzeitig das etwas langsamere Tempo in Brighton zu genießen. London ist eine fantastische Stadt, die einen allerdings ziemlich überfordern kann!

Als Kind und Jugendliche war ich öfters in Brighton und ich liebe diesen Ort für seine Kiesestrände und die Märkte sowie den Pier, der ja leider abgebrannt ist. Nun, aus dieser Stadt hörten wir zuletzt eher Rock-Pop-inspirierte, gradlinige Bands wie die bekannten Blood Red Shoes, The Go! Team und The Kooks, aber keine finster-dramatischen, experimentellen Klänge wie die euren. Haben wir da ein falsches Bild von Brighton vermittelt bekommen oder nehmt ihr die Dinge einfach nur kritischer wahr?
Brighton ist eine sehr junge, lebhafte Stadt und deine Vorstellung trifft sie gut. Es ist von uns keine bewusste Entscheidung, dennoch mit ihr zu hadern, und wir hoffen, dass seine Bewohner sich nicht von uns missverstanden fühlen. Wir können nur jene Musik machen, die auf natürliche Weise in uns gelangt, und derzeit scheint ihr eben verständlicher Weise eine dunklere Natur innezuwohnen.

Zu guter Letzt, neben all dem Leid und der Dunkelheit – was war euer lustigstes Erlebnis anno 2010?
Es gab einen Zwischenfall, bei dem Daniel während eines Auftritts die Bühne verließ und dann so ziemlich seine Schwierigkeiten hatte, wieder hoch zu kommen, um ihn zu beenden.

Esben and the Witch Violet Cries wird am 28. Januar bei Matador / Beggars erscheinen. Im Anschluss begibt sich das Trio auf eine ausgiebige Europatour, die sie auch nach Deutschland führen wird:

31.01. The Louisiana, Bristol
01.02. Pavillion Theatre, Brighton
03.02. Other Rooms, Newcastle
04.02. Sneaky Pete’s, Edinburgh
05.02. Rescue Rooms, Nottingham
07.02. The Harley, Sheffield
08.02. Hare and Hounds, Birmingham
09.02. XOYO, London
11.02. Botanique Rotunde, Brussels
12.02. Paradiso, Amsterdam
13.02. Gebäude 9, Cologne
14.02. Molotow, Hamburg
16.02. Loppen, Copenhagen
17.02. Comet Club, Berlin
19.02. La Route Du Rock, Saint-Père
21.02. Point Emphemere, Paris

TEXT: Franziska Finkenstein / Thomas Vorreyer