Archive for the ‘Rezensionen’ Category

Tommy Tempa : The Quixotic EP

14:45

Die zweite Veröffentlichung auf dem Berlin-Londoner Label Somethinksounds ist zu gleich auch die erst zweite für Tommy Tempa, seines Zeichnes Londoner Computerfrickler und ein Drittel von Mancini & the Creepers. Seine neue EP The Quixotic wechselt zwischen warmherzig und reserviert, offen und verkopft, liegt dabei aber zu keinem Zeitpunkt schwer in Magen oder Ohren.

Von den sieben hier nahtlos ineinander übergehenden Stücken eröffnet “Fragments” mit an tönende Baby-Mobiles erinnerndem Klingklang, bevor es sich anschließend selbst anzieht. “Rejoin Rejoice” (Stream unten) lotet dann die ersten Tiefen aus. “Micro Ballistics” verbleibt als skizzenhaftes Intermezzo, bevor “Light Medium” nahezu sakral durch den Raum schwebt. Das dazugehörige oben zu sehende Video (oben) von L.P. Palmer erscheint als filmgewordene Illustration eines fiktiven Hochglanzmagazins. Als Nummer fünf wendet “Now or Never” den Blick gen Süden, “Warm Glow of the City” experimentiert mit klanglichen aller Art Verzerrungen und “Roma” vollbringt das leicht in sich entrückte Ende.

Ein kurzweiliges erbauliches Vergnügen, das man sich auch gerne im kompletten Stream hier vorhören (und bereits überall kaufen) kann.

Tommy Tempa The Quixotic ist bei somethinksounds erschienen.

File next to: Sampha, Walls, Caribou Swim


Tommy Tempa : Rejoin Rejoice

Zugabe


Peter and Kerry : Knees (Tommy Tempa Remix)

Stream : Altrice : Stem (Caribou Remixe)

18:38

Langsam sich nach oben schraubend, kreist das Lied durch unsere Köpfe bis nach gut einer Minute erstmals der einsilbige, refraingeratene Titel erstmals fällt und sich von da an zwei Minuten eine wundervolle Klangkarthasis, so schön und vertrackt wie ein Schweizer Uhrwerk, vollzieht. “Only What You Gave Me”, der Remix von Caribous übermächtigen, erlösungsgleichen “Sun” von Altrice, schaffte es nicht nur die Schönheit des Originals einzufangen, sondern sie auch in einem neuen Licht erstrahlen zu lassen.

Folgerichtig gewann das verantwortliche Talent Mike Sadatmousavi aus Arizona, USA, damit den ausgerufenen Remixwettbewerbas und ebenso folgerichtig müsste es Dan Snaith sehr leicht gefallen sein, ihm die stems des kompletten Albums Swim, also jene Kernteile der Lieder, für eine vollständige Remixüberarbeitung seinerzeit zu überlassen. Und von dem heute bei Merge und City Slang (zunächst nur digital) erschienem Stem sollte Snaith höchst erfreut sein.

Stem schafft es Kreativität und Niveau des ersten Extrakts auf alle neun Stücke auszudehnen. Ob “Abe” (vom ohnehin unzerstörbaren “Bowls”), das nun herrlich fließende Ambientwerk “Modern Song” (“Found Out”) oder die nahezu perfekt sakrale Erscheinung “We Are Not Forever” (“Leave House”) als des Albums neues Kronjewel: Sie alle sind hervorragend gelungen und ein ebenbürtiger Nachwuchs ihrer musikalischen Ursprünge.

Und die guten Nachrichten reißen nicht ab: Oneohtrix Point Never wurde als zweite Vorband neben Emeralds für die Berliner Ausgabe von Caribou & Friends gewonnen – die Karten finden derzeit bereits reißenden Absatz.

Altrice : Strem [Originaltitel von Swim]
1. Siphon Away [Odessa]
2. Only What You Gave Me [Sun]
3. Peace Of Minds [Kaili]
4. Modern Song [Found Out]
5. Abe [Bowls]
6. We Are Not Forever [Leave House]
7. House Feels Empty [Hannibal]
8. Elsa [Lalibela]
9. The Man [Jamelia]

Gaspard Augé & Mr. Oizo : Rubber OST

17:02

Sein erstes Musikvideo zu Laurent Garniers “Flashback” drehte Electroproduzent und Regisseur Quentin Dupieux alias Mr. Oizo 1997 noch bevor er bei F Communications seine erste EP veröffentlichte. Mit der recht minimalistisch angelegten Komödie Steak über zwei nach Anerkennung strebende Schulfreunde folgte sein erster Film allerdings erst 2007. Im Festivalsommer 2010 wurde nun der Nachfolger Rubber gezeigt, in dem sich der Franzose, mittlerweile mit drei veröffentlichten Alben, noch weiter von den üblichen Kinokonventionen entfernt und die Geschichte eines marodierend durch die kalifornische Wüste ziehenden Autoreifens aus eben dessen Sicht und in 85 Minuten erzählt. Zwar steht eine DVD-Veröffentlichung (und vielleicht auch ein paar Kinoaufführungen) hierzulande für den Mai aus, den offiziellen Soundtrack zum von der Kritik kontrovers aufgenommen Werk gibt es aber bereits.


Rubber (Trailer) (Video)

Nur funktioniert die dadurch zum Gedanken- bzw. Hörexperiment mutierte Geschichte überhaupt noch?

Ja und nein. Die obskure Szenerie verspricht im besten Fall eine Mischung aus Ennio Morricones Westernklassikern und Kraftwerks Autobahn und tatsächlich mäandern Dupieux und sein Partner Gaspard Augé, der sich hier erstmals nach seinem Soloprojekt Microloisir von 2003 wieder außerhalb des äußerst erfolgreichen Korsetts von Justice präsentiert, nicht selten dazwischen. Es gibt einigen nostalgischen Klingklang, oft wird zur Flöte gegriffen, mal auch nur gepfiffen. Für Clubgänger bleibt da jedoch wenig übrig und im Titelstück (s.u.) scheint das Produzentenduo obendrein den ohnehin kantigen, knarzigen Mr-Oizo-Sound auf die Schippe zu nehmen. “Sheila” und “Tricycle Express” zeigen die beiden hingegen ganz nah, förmlich interstellar bei Kraftwerk.

Der Rest der insgesamt 14 Lieder bleibt als zumeist eindimensionale Themen stets unter einer Länge von zweieinhalb Minuten. Statt der Sirene eines durch die Stadt rasenden Polizeiautos gibt es in “Bellyball Road” aufheulendes, verzerrtes Frequenzrauschen, durch “Racket” scheint der Geist von Serge Gainsbourg zu wabern, “Le Caoutchouc” (z.dt. “Der Kautschuk” oder eben “Rubber”) ist eine klaustrophobische Psychose. Und ja, “Polocaust” wirkt derart bedrohlich, dass man sich direkt von lauter schmalzigen Polohemdenträger umzingelt fühlt – es ist der finale Showdown.

Nur “empfindet” ein Autoreifen, dieses seelenlose, kreisrunde Wesen, das genauso? Für die Vulkanisation menschlicher Gedanken bleibt die Filmmusik da zu skizzenhaft, zu unverbindlich und zu weit hinter der Radikalität der Handlung zurück. Interessant ist sie aber allemal.

Gaspard Augé & Mr. Oizo Rubber OST ist bei Ed Banger / Alive erschienen. Arte hat Quentin Dupieux zum Film interviewt; siehe hier. Nur auf der Rubber EP enthalten ist der “Unprotected Sex” Remix von Flying Lotus. Dieser hatte zuletzt das zweite Mr. Oizo Album Moustache (Half A Scissor) erstmals auf Vinyl via seines Labels Brainfeeder veröffentlicht, sechs Jahre nachdem es bei F Communications erschienen war.


Mr. Oizo & Gaspard Augé : Rubber (Stream)


Mr. Oizo & Gaspard Augé : Rubber (Flying Lotus ‘Unprotected Sex’ Remix) (Stream)

Barbara Panther : Empire EP

00:02

Sie war die “Snake” für Acid Washed, coverte mit Kid606 die Talking Heads und sang für Sneaky, Jahcoozi, die Rhythm Monks und T.Raumschmiere. Nun wagt sich die Wahlberlinerin Barbara Panther erstmals solo in das Rampenlicht und präsentiert ihre Debüt-EP Empire zunächst auf City Slang. In die Produzentenrolle ist dafür niemand Geringeres als der britische Tüftler Matthew Herbert geschlüpft, mit dem Panther hier zuckende Klanggebilde entwirft und der wohl auch besser zu ihr passt, als Moses Schneider (Beatsteaks, Tocotronic) es noch vor einem Jahr tat.

Auf Empire erscheinen Musik, Gesang und Stimmung auf den ersten Blick zufällig konstituiert und offenbaren sich erst in der näheren Betrachtung als im stetigen Kampf – mal untereinander, mal mit sich selbst – befindlich. Da dröhnt der Beat stumpf, wird verzerrt, metallen verschachtelt und klirrend, fiepend oder puckernd aus dem Takt geworfen. Derweil spielt Panther mit ihren Texten. Statt Wah-Wah-Gitarren lautmalt sie: “I don’t care if that makes me a wa-wa-wa-witch!”, die Stimme überschlägt sich, Herbert tobt sich exzessiv am Lautstärkeregler aus. Und zwischendurch gibt es immer wieder fast schon befremdlich warme, lichte Momente in diesem wild verwurzelten Mahagoniunterholz des Klangs; eben noch als sperrig wahrgenommene Refrains wirken da plötzlich tanzbar.

Dabei gerät die EP gleich in zweierlei Hinsicht zu einem (durchweg erfreulichen) Antithese zum gerade vorherrschenden Menschmaschinenideal im Frauen-Pop (Vgl. dazu Wibke Wetzkers “Die Menschmaschinnen” in der Spex 09-10/2010): Musikalisch, im angeführten Zerfall der Technik, und textlich, wenn Panther im Titelstück die Naturherrschaft einfordert oder im anschließenden “Voodoo” Doktor Frankenstein zum Erwecker des Bösen in ihr stilisiert. So schließt sich auch der Assoziationskreis zu Björk oder einer Karin Dreijer-Andersson, an die der äußerst facettenreiche Gesang der in Ruanda geborenen Künstlerin unweigerlich erinnert; heisere Kinderstimme und stimmgewaltige Diva in einem, und das unerwarteter Weise wie Panther im Pressetext selbst nahe legt: “I may also create a futuristic and mystic feeling because I’m black and the music doesn’t sound black at all”.

Nun mag sie nicht die erste die schwarze Nicht-Soul/R’n’B-Künstlerin im Popbetrieb sein, indirekt wird diese Beobachtung aber auch unterstützt, wenn sowohl dem Label als auch den Medien in puncto ihrer eigenwilligen Liveperformance nur Grace-Jones-Vergleiche einfallen. Das neue Livekonzept von Barbara Panther und Band kann mensch jedenfalls am Freitag beim Berlin Festival und im November, Anfang Dezember als Vorprogramm von Caribou erleben, während das von Nexus-Regisseur Woof Wan-Bau gedrehte “Empire”-Video bereits nachfolgend begutachtet werden kann. Nach der Jahreswende soll dann das dreizehn-Stück-starke Debütalbum folgen, so dass der “Last Dance”, zu dem Panther am Ende der Empire EP bittet, in jedem Fall eben nicht der letzte bleiben wird.

Empire erscheint am 10. September digital bei City Slang.

Barbara Panther Empire EP Titelliste

01 Empire

02 Voodoo

03 Deeper Purple
04 A Last Dance

Barbara Panther live:
10.09. Berlin Festival – Flughafen Tempelhof, Berlin
14.10. Club Gargar-in, Moskau (Russland)
08.11. Feierwerk, München
14.11. Central Theater, Leipzig
15.11. Uebel & Gefährlich, Hamburg
16.11. Enjoy Jazz Festival, Heidelberg
29.11. Gloria, Köln
04.12. Fluc, Wien (Österreich)
05.12. Mounsonturm, Frankfurt a.M.

Nite Jewel: Am I Real? EP

18:34

Mir ist aufgefallen, dass wir hier in letzten Zeit sehr viel über das Wetter geschrieben haben, was sicherlich größtenteils nach lahmer Phrasendrescherei geklungen haben muss, schließlich weiß ich als jemand, der auf einem Dorf aufgewachsen ist, dass über das-Wetter-zu-reden so ziemlich die absolute Manifestation von Leere, Auswegs- und Ereignislosigkeit ist, sprich: Everydaylife in der Heimat. Wohl unter anderem deshalb (und aufgrund seiner expressiven Optik) hing damals dieses, knallrote und legendäre 68er “Alle reden vom Wetter. Wir nicht.”-Poster des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (die Plakatkonzeption wurde übrigens von der Bahn übernommen) an der Wand meines Jugendzimmers. Was wiederum keine allzu gute Idee war, schließlich lag das Dorf auf dem Gebiet der ehemaligen DDR und die geneigten Eltern hatte wahrlich genug von Marx, Engels und Lenin.

Andererseits, und damit sind wir wieder beim Wetter, sind es heute kaum mehr als 20°C in Berlin, was sich nach den Tagen der Gluthitze komischerweise schon wieder anfühlt wie der tiefste Winter. Dazu gibt es so einen anscheinend bipolargestörten Nicht-Regen. Ich bin also verdammt froh, mir gerade die neue Am I Real? EP der sehr geschätzten Nite Jewel aus Los Angeles anhören zu können.

Neuerdings als Duo unterwegs, da Cole MGN offiziell zu Ramona Gonzales bzw. Nite Jewel dazustieß, ist Am I Real? bereits die siebte, kleinere Veröffentlichung, darunter zwei Italians Do It Better! Platten, seit dem Album Good Evening (Gloriette) anno 2008. Die sechs hier versammelten Stücke gab es vereinzelt auch schon letztes Jahr auf der europäischen Tour-EP Your F O in früheren Versionen zu hören.

Den Anfang macht “Another Horizon”, das angenehm ruhig nach den letzten Sonnenstrahlen an eben diesem greift und leichte Strandgefühle evoziert. “We Want Our Things” kommt mit einer schroffen, doch gefälligen Synthie-Hook wie aus der Feder von Johnny Jewel daher, während im schwermütigen “Forget You & I” die Frage “How shallow can I be?” offentsichtlich (und glücklicherweise) nur Maskerade bleibt. “Falling Far” ist eine weitere, undurchsichtige Traumwandlerinnenode und das harmonische “White Lies” um Längen besser als die Band gleichen Namens, überzeugt mit minimalem, verzerrtem Keytarspiel. Zum Abschluss gibt es dann noch das gemeinsam mit den hiesigen Freunden von Teen Inc. eingespielte Titelstück. Wieder legt sich Ramonas zarte, etwas verwaschen klingende Stimme perfekt über die Musik, die sich hier als fantastisch schummriger, mitternächtlicher Funk entpuppt, ehe sich dieser in der eigen Repetition auflöst. Und irgendwie klingt das dann auch nach der perfekten Untermalung für einen anspruchsvollen  Erotikfilm oder nicht? Sasha Grey, bitte übernehmen sie!

Nite Jewel Am I Real? EP ist ab sofort digital auf der Bandwebseite erhältlich und ab 16. August auch als Vinyl via Gloriette (USA) oder No Pain In Pop und Big Love(Europa).

Ganglians: Monster Head Rooms

18:50

Lasst es uns vorwegnehmen bevor wir hier lange verschämt drumherumdrucksen: Ja, die Ganglians klingen wie die Beach Boys. Das mag an den elterlichen Plattensammlungen liegen, wohl aber auch daran, dass ihre Heimat Sacramento sich ebenfalls in Kalifornien befindet. Reduzieren darf und kann mensch die Band auf diese Ähnlichkeit aber bei weitem nicht! Dafür klingt ihr Debütalbum Monster Head Room (in den USA bereits 2009 erschienen) zu sehr divers, fletscht zu oft seine Zähne.

Richtig trocken können sie da auf ihren Mollakkorden und twangenden Gitarren in die Wüste hinaus reiten (Lost Words) und haben schon den passenden Song für das Lagerfeuer zur Hand (The Void), dessen Vortrag anscheinend jä von der Landung eines Raumschiffes unterbrochen wird. Pause. Grillengezirpe, Vogelgezwitscher, Froschquaken, ein neuer Tag bahnt sich seinen Weg durch das wilde Gestrüpp (To June) und die findet sein bitteres Echo im bis dato düstersten Stück, dem schroffen “100 Years”.

Wir merken: Richtig cinematisch ist das Album geworden. Über unsere Gehirninnenwände flimmert der Vorspann eines 70er-Jahre-Roadmovies zum Intro, in “Valient Brave” scheint permanent ein Gartenzauntor im Hintergrund zu quietschen und mit “Make It Up” gibt es dann das große Finale, das Happy End, welches sich dann gegen Ende in einen minimalistischen Postpunkstampfer a la The Cramps bricht – es läuft der Abspann und Tarantino hätte den Soundtrack nicht besser auswählen können.

Und ja, die Beach Boys Referenzen. Ein derart harmonisches, trunkenes beinahe-Schlaflied mit Fußballchor-Schalala-Applikation wie “Voodoo” sollte selbst Brian Wilson ein anerkennendes Nicken abringen. Chapeau!

Monster Head Rooms ist bei Souterrain Transmissions / Rough Trade erschienen und kann am Artikelende eingehört werden. Die Ganglians sind dieser Tage u.a. in Berlin und London, alle Termine nach dem Livevideo:


Video: “Ganglians live” by Ray Concepcion

Ganglians live:
22.06. Bang Bang Club, Berlin, Deutschland
23.06. Paradiso, Amsterdam, Niederlande
24.06. Pleasure, Ghent, Belgien
25.06. Bodega Social Club, Nottingham, UK
26.06. Brudenell Social Club, Leeds, UK
27.06. Bardens Boudoir, London, UK

Ganglians – Monster Head Room by souterraintransmissions

Mathew Jonson: Agents Of Time

20:29

Ambientes Streben gegen Komplexität: Mit zehn Jahren begonnen, Schlagzeug, Piano und Perkussion zu spielen, durch welche er die ersten Schritte in Richtungelektronische Musik macht, veröffentlicht der Kanadier Mathew Jonson nun nach zehn Jahren Arbeit, gegrägt von allerhand Kooperationen (u.a. Cobblestone Jazz) und EPs, sein Debütalbum Agents Of Time – endlich.

Die Titelliste liest sich wie ein Buch, aufgebaut durch differente Buchkapitel über avantgardistische Thematiken (Thieves in Digital Land, New Model Robots), die nicht so recht vom gegenwärtig Modernisierten (Agents Of Time) loslassen wollen. Den Anfang seines Debüts geht Mathew Jonson dabei ruhig sedierend an. Das Schwelgen von “Love In Future” im atomosphärischen Zustand etwa ist aber nur temporär, denn mit “Girls Got Rhythm” zeigt er schon die Antithese zu diesem Track. Genauso basslastig, nahezu clubkompatibel, und von Vocals besetzt, präsentiert Jonson am Ende der Platte dann seine orientalischen Sounds noch verstärkter.

Auf Agents Of Time ist sein Wille primär auf die Relation von glücklichen und traurigen Emotionen ausgerichtet, die die Kompositionen in sich tragen sollen. Dennoch scheinen die Tracks nicht so ausproduziert wie seine früheren (außer “Marionette”, das allerdings 2004 bereits als Single erschien und hier ironischer Weise in einer früheren, bearbeiteten Version vertreten ist).

Jonsons Kompositionen haben somit die Art von Kohyponymen, denen das größere Hyperonym – die Ausgereiftheit – fehlt.
Es bleibt der rekurrent-meditative Aufbau, der Mathew Jonson mit seinen individuellen Sounds zu einem der populärsten Produzenten weltweit gemacht hat, mit einer stetigen Sympathie hervorzuheben. Nun kann er umso mehr stolz sein, sein erstes Album auf seinem eigenen Label Wagon Repair zu veröffentlichen, auf dem im April auch das zweite Album von seinem Kollektiv-Projekt Cobblestone Jazz (mit Tyger Dhula, Danule Tate und The Mole) erschienen ist.

Titelliste:
01. Love in the Future
02. Girls Got Rhythm
03. Thieves in Digital Land
04. Sunday Disco Romance
05. Marionette (the Beginning)
06. Night Vision
07. Pirates in the 9th
08. New Model Robots
09. When Love Feels Like Crying
10. Agents of Time
11. Too Late to Change

Agents of Time ist bei Wagon Repair erschienen und digital etwa bei zero” erhätlich.

The Drums “The Drums”

23:05

Manchmal gehen Sachen einfach an einem vorbei. Da kann es egal sein, ob die Leute schon seit Monaten davon reden, gleichgültig ob gut oder schlecht. Man selbst findet es dann doch nicht so interessant, dass man sich mit der Sache genauer beschäftigen will. Von dieser New Yorker Band namens The Drums hatte ich persönlich bis jetzt nur Leute reden hören, die Musik ging an mir vorbei. Alles, was ich wahrgenommen hatte, war, dass sie mehr als gut sein sollen und vom Sound stark The Smiths ähneln. Umso gespannter und auch ein wenig skeptisch war ich auf das, was die vier Jungs auf ihrem Debüt-Album The Drums aufgenommen haben.

Doch mit den nächsten 40 Minuten hätte ich nicht gerechnet. In den ersten Sekunden des Hörens schafft es die New Yorker Band sämtliche Aufmerksamkeit ungeteilt auf sich zu ziehen. Ein drückendes Schlagzeug übt sich in edler Zurückhaltung und Synthesizerklänge bilden ein ruhiges Fundament, auf dem sich dann die Gitarren und die einprägsame Stimme Jonathan Pierce’ aufbauen. Was dabei entsteht, ist ein leichter und unbeschwerter Sound, der aber dennoch voll vor Energie strotzt.

Erst mit dem vierten Track „Book of Stories“ nehmen The Drums ein wenig den Wind aus den Segeln. Das Schlagzeug treibt weniger und die Pad-Sounds der Synthies werden öfter eingesetzt. Das fünfte Stück „Forever & Ever Amen“ ist wohl eins der schönsten Stücke auf diesem Longplayer. Derweil zieht die Melancholie ihren roten Faden noch bis zum Ende des Albums durch die Tracks. Das Verblüffende dabei ist, dass es The Drums gelingen, trotz der Ähnlichkeit und teilweise Simplizität ihrer Songs, die Spannung über die komplette EP zu halten und immer für eine gewisse Abwechslung sorgen.

Auf ihrem Debüt haben es The Drums geschafft, die Süße der Smiths mit der Ernsthaftigkeit Joy Divisions zu kombinieren und einen eigenen Sound zu entwickeln. The Drums ist ein zuckersüßes Album, das einen den Tag retten kann – wie ein kaltes Eis an heißen Sommertagen.

The Drums The Drums erscheint am 4. Juni 2010 bei Moshi Moshi (Vertrieb: Cooperative MusicUniversal).

The Drums Tracklisting:
1. Best Friend
2. Me & the Moon
3. Skippin Town
4. Book of Stories
5. Forever & Ever Amen
6. Down by the Water
7. It will all end in Tears
8. We tried
9. I need Fun in my Life
10. I’ll never drop my Sword
11. The Future

The Drums live:
27.05. Paradiso, Amsterdam (Niederlande)
29.05. Primavera Festival, Barcelona (Spanien)
31.05. Postbahnhof, Berlin (Deutschland)
01.06. Molotow, Hamburg (Deutschland)
02.06. Vega, Kopenhagen (Dänemark)
04.06. Doornroosje, Nijmegen (Niederlande)
05.06. Vera, Groningen (Niederlande)
07.06. Garage, London (UK)
08.06. Heaven, London (UK)
09.06. Heaven, London (UK)
10.06. La Cigale, Paris (Frankreich)
25.06. Open Air St. Gallen, St. Gallen (Schweiz)
27.06. Glastonbury Festival, Glastonbury (UK)
29.06. Junction, Cambridge (UK)
30.06. Hyde Park, London (UK) supporting Kings of Leon
02.07. Hove Festival, Tromoy (Norwegen)
04.07. Eurockeennees, Belfort (Frankreich)
05.07. Montreaux Jazz Fest, Montreaux (Schweiz)
08.07. Optimus Alive, Lissabon (Portugal)
10.07. Oxegen Festival, Punchestown (Irland)
11.07. T in the Park, Kinross (UK)
13.08. Flow Festival, Helsinki (Finnland)
14.08. Way Out West Festival, Göteborg (Schweden)
15.08. Dockville Festival, Hamburg (Deutschland)
17.08. Atomic Café, München (Deutschland)
19.08. Frequency Festival, Salzburg (Österreich)
20.08. Highfield Festival, Grosspösna
21.08. Pukkelpop, Hasselt (Belgien)
22.08. Lowlands, Biddinghuizen (Niederlande)
24.08. Ibiza Rocks Hotel, Ibiza (Spanien)
28.08. Leeds Festival, Leeds (UK)
29.08. Reading Festival, Reading (UK)

Who Knew: Bits And Pieces Of A Major Spectacle

11:36

Die Assoziationen zu Island sind aktuell klar. Björk, Sigur Rós und der Vulkangletscher Eyjafjallajökull. Diese Reihung kann nun noch erweitert werden, nicht durch einen weiteren Gletscher – keine Panik -, sondern durch eine junge Band namens Who Knew. Aus dem sagenhaften Land kommend bringen sie am 21. Mai ihr Debütalbum Bits And Pieces Of A Major Spectacle auf Devilduck Records/101 heraus.

Man könnte vermuten, Who Knew würden auch ein hohes Maß an expressionistischen Klängen und Vocals für die erste Platte produziert haben, wie Björk, dem ist aber nicht so. Viel mehr fungiert Sänger Armanns Stimme als ein Instrument, welches dramatische Konnotationen von sich gibt. Vereinzelt wirkt sie gar wie ein Hilfeschrei von einem isländischen Hügel hinunter in die Tiefe.

Schade ist nur, dass sich Bits And Pieces Of A Major Spectacle schnell in einer Monotonie verzagt und so nicht so ganz ausgereift wirkt. Trotzdem, Who Knew bringen hier ein Stück isländische Mythologie mit interessanten musikalischen Einschüben mit, die demnächst auch live in Deutschland zu erfahren sein werden.

Who Knew Bits And Pieces Of A Major Spectacle wird am 21. Mai 2010 bei Devilduck Records/101 erscheinen.

Who Knew live 2010:
23.05. Knust, Hamburg supporting Kashmir
24.05. Label-WG Party, Hamburg
30.05. Café Wagner, Jena
02.06. Hafen2, Offenbach
04.06. Bang Bang Club, Berlin
05.06. Lunatic Festival, Lüneburg
06.06. Astrastube, Hamburg
08.06. Stadtgarten, Erfurt
10.06. Franzi’s, Wetzlar
12.06. Seaside Rendezvous Festival, Flensburg

Kissy Sell Out “Youth”

07:00

Es ist kein Geheimnis, dass die Musikwelt immer elektronischer wird. Die Charts werden angeführt von Dance Acts wie Lady Gaga oder Ke$ha. Wenn dies mal nicht der Fall sein sollte, stehen Künstler wie LaRoux oder Gossip, die auch Elektronik benutzen, ganz weit oben. Es greifen auch immer mehr klassische Rock-Bands auf Elektrotechnik zurück und überall schießen Elektrokünstler und DJs aus dem Boden – leider oftmals auf Kosten der Qualität.

Einer dieser Künstler ist Kissy Sell Out oder auch unter seinem bürgerlichen Namen als Thomas Bisdee bekannt. Der Lebenslauf des Engländers liest sich wie das Drehbuch eines mittelguten Hollywoodstreifens: Aufgewachsen in einem kleinen Dorf, mit 13 dann die “Entdeckung der Dance-Musik”, Einzelkind und verspotteter Außenseiter in den jüngeren Jahren, es folgen Umzug und Anpassung an den Mainstream der neuen Umgebung; daraufhin folgt ein großer Aufstieg in der Beliebheitsskala bei seinen Freuden und Freundesfreunden, später Grafikdesigner, Produzent und letzten Endes DJ, Radiomoderator und Wohnung in London – quasi vom Bordstein bis zur Skyline.

Nachdem Kissy Sell Out bis jetzt hauptsächlich nur in Clubs aufgelegt hat und bei Radio 1 zu hören war, brachte er Ende März sein erstes Album in die Plattenläden. Youth heißt das Werk, was Kissy zusammen mit seinem Cousin, der auf der CD auch für den Gesang zuständig ist, produziert hat. In den Songs verarbeitet Bisdee – welch Überraschung – Geschichten aus seiner Jugend und beim Hören der Platte wird einem schnell klar, dass diese wohl nicht besonders aufregend und abwechslungsreich gewesen sein muss.

Der Opener „Through the Leaves“ beginnt noch sehr viel versprechend mit einem schönen Geigenpart. Dann kommt Gesang dazu und man fängt an zu überlegen, wo man das schon mal gehört hat. Mein erster Gedanke war komischerweise Bloc Party, nur poppiger und elektronischer. Dann wird’s tanzbar: Mehr Rhythmus, Trommeln und Synthies – allerdings ohne besonderen Höhepunkt. Diesen hofft man, in den nächsten 10 Tracks zu finden und so macht man sich auf die Suche und lauscht weiter den eifrig zusammen gepuzzelten Elektrotönen.

Nach 38 Minuten ist dann auf einmal und ganz unerwartet Stille. Die CD ist zu Ende und man stellt sich die Frage, was man eigentlich in der letzten halben Stunde gemacht hat. Aber das einzige, woran man sich erinnern mag, sind ein paar langatmige und unspektakuläre Synthie Melodien, „hey-Rufe“ eines stetig gleich klingenden Gesangs und irgendwie kaum Bässe. Das Album erstickt förmlich in seinem monotonen poppigen Stil und glänzt mit munterer Abwechslungslosigkeit.

Wären Kissy in seiner Jugend die richtigen Kids und nicht unbedingt ein paar Jungs aus der Hinterstraße begegnet, sähe das Gesamtbild der Platte wohl anders aus. Man kann aber gespannt sein, ob Kissy Sell Out einen weiteren Versuch unternehmen wird, den Himmel der elektronischen Musikwelt zu erklimmen und eine weitere LP veröffentlichen wird, vielleicht mit dem Titel „Adult“. Bleibt nur zu hoffen, dass sein Leben inzwischen ein wenig spektakulärer geworden ist – mehr Bordstein und weniger Skyline.

Kissy Sell Out Youth ist bei Rykodisc / Warner erschienen.