Posts Tagged ‘HEALTH’

HEALTH spielten ein neues Lied beim Incubate

11:22

HEALTH sind derzeit auf Europatournee, spielten u.a. auch am Freitag beim Berlin Festival. Auf ihrer finalen Station beim niederländischen Incubate Festival gab es dann gestern aber eine Premiere: Die Noiseelektroniker spielen zum Ende ein neues, bislang namenloses Lied (oben im Video zu sehen). Plötzlich ist da eine Melodie, die nicht zerfressen bzw. dekonstruiert wird. Wenn wir bedenken, dass die restlichen drei Bandmitglieder Sänger Jake Duzsiks Texte noch nicht einmal verstanden, als 2007 ihr Debütalbum aufgenommen wurde, ist das hier fast, aber eben auch nur fast, “Pop”, im HEALTH-Kontext gesehen. Musikalisch knüpft das Lied vor allem an “USA Boys” an. Die Spannung auf das dritte Album, den Nachfolger von Get Color, hebt sich jedenfalls.

Zuletzt hatten HEALTH Pictureplanes “Goth Star” gecovert:


HEALTH : GOTH STAR (Pictureplane Cover)

Liars : Interview

15:42

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Sollte eigentlich jedes Interview oder Gespräch ein dynamisches sein, so ist es unser Treffen mit den samt dem wortwörtlich überwältigenden Album Sisterworld aus dem Moloch Los Angeles zurückgekehrten Liars gleich im doppelten Sinne. Denn während sich Julian Gross in mitten eines heißen Berliner Maitages als ausgesprochen ernsthaft und bisweilen ungeduldig erweist, und Aaron Hemphill gitarrenstimmend den hinterfragenden, intellektuellen Sidekick gibt, steigen Angus Andrews Redefluss und -Tempo mit jeder Minute – der zuvor gezogenen Pfeife sei Dank. Vielleicht verdaut er mit die Schrecken der Herfahrt, passierten sie doch laut Gross auf der quälend langen Anreise von München u.a. auch ein brennendes Auto. Stau inklusive.

Ihr scheint einen siebten Sinn für größere und kleinere Katastrophen zu haben.
ANGUS ANDREW: Ja, wo und wann immer es eine Terrorattacke gab – wir waren da. Wir waren damals in London (2005) und Aaron war an 9/11 in New York (2001).
JG: In Bilbao waren wir auch zugegen. Entweder verfolgt uns das Unheil selbst oder wir sind Terroristen. Ist das etwa ein Zufall? Wer weiß? Ich weiß es nicht.

Als weiteres Puzzlestück des Disasters passt da, dass euer aktuelles Album Sisterworld genau an Weihnachten im Internet auftauchte.
JG: Ich nehme an, das sollte uns sage, dass es ist ein gutes Kirchenalbum ist.
AA: Jedenfalls hat es die Feierlichkeiten nicht ruiniert. Ich war gerade mit meiner Familie in Australien und das hat mich so was bloß noch mehr vergessen wollen.

2010 ist das Jahr von Liars’ zehntem Jubiläum …
[Eine kleine Diskussion darüber, wie und wann man mit dem Jahre zählen anfängt, entsteht und findet keine richtige Lösung]
AA: … wir sind sowieso einfach glücklich damit, dass machen zu können, was wir wollen.

Pavement, die zuletzt wieder tourten, haben sich ursprünglich genau an diesem Punkt ihrer Karriere, an dem ihr jetzt seid aufgelöst. Kam euch schon einmal der Gedanke, diesem Beispiel zu folgen?
AA: Nicht wirklich. Pavement haben uns zwar gefragt, ob wir mit ihnen touren wollen, aber das ist schon die einzige Verbindung, die mir zu ihnen einfällt.
AARON HEMPHILL: Bedauerlicherweise gibt es keinerlei Inspiration von Pavement für uns. Vielleicht können die Hörer welche finden, aber das ist ihre eigene Freiheit.
JG: Außerdem hat sich Pavements Musik nicht wirklich verändert oder? Wir sind da anders. Wir wollen nicht immer das Gleiche machen. Wir nehmen uns da etwas mehr Freiraum.

Also denkt ihr, dass ein Abschied eurerseits vorerst ausgeschlossen werden kann?
JG: In 60 Jahren vielleicht.
AA: Man kann schwerlich sagen, was in der Zukunft passieren wird.
AH: Alles Mögliche kann passieren.

Wie bei Pavement haben die Leute aber mit der Zeit angefangen, euch eine ‘einflussreiche Band’ zu nennen.
AA: So etwas liegt völlig außerhalb unserer Wahrnehmung. An solchen Diskussionen nehmen wir nicht teil.
AH: Ich denke, dass das Konzept einer ‘einflussreichen Band’ eher als Betitelung statt als Wesen ist ein Schlagwort aus den Händen der Rockmedien – genau wie eine ‘Szene’. Wenn du also als Band so einen Titel, so einen journalistischen Begriff akzeptierst, ist das eine Art des Aufhörens, ein Zeichen der Stagnation.

Aber drückt dieser Begriff nicht auch aus, dass andere Leute durch euer Werk einen neuen, für sie unbekannten Zugang zur Musik entdecken?
AH: Das ist möglich. Ich glaube nur, dass unsere Musik da freizügig ist, weil alles, was wir haben, in sie einfließen lassen, und ich hoffe, dass die Leute auch darüber nachdenken. Wenn das für sie zugleich bedeutet, eine neue Art von Musik zu entdecken, ist das ein fantastisches Resultat. Aber wir würden nie behaupten, dass wir ‘einflussreich’ wären. Ich habe Bands gehört, die sich für Musik anderer Leute gerühmt haben – so etwas ist widerlich. So sehr ich etwa the Velvet Underground auch mag, wären sie eben nicht the Velvet Underground gewesen, hätte jemand anderes ihre Musik gemacht. Wann immer man also die Leiche des Einflusses bestellt, bedeutet das nur, dass nichts mehr vorhanden ist, was man weitergeben kann. Es ist, als ob man eine Leiche in der Wüste ist und dem vorbeifliegenden Geier, der auf der Suche nach einem frischen Kadaver ist, zuruft: “He da, ich war zuerst tot!”

Das impliziert dann aber wiederum, die Kunst um ihr Wesen zu berauben, indem mensch sie ihrem Kontext entzieht. Sie würde bedeutungslos werden, denn es würde ja nicht mehr die Liars benötigen, um ein Album wie Sisterworld aufzunehmen. Jemand anderes würde es einfach irgendwann anders machen.
AH: Sicherlich, aber das lässt dich den Moment noch stärker anerkennen und den Bezug stärker zelebrieren.
AA: Gute Kunst handelt nicht vom Einfluss eines Künstlers auf einen anderen. Sie handelt viel eher von maßgebenden Dingen, statt vom schlichten Blick auf die Kunst anderer. Unsere Musik etwa ist nicht von anderer Musik beeinflusst, aber davon, was wir denken.

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Eine jener Bands, zu deren inspirativen Quellen die Liars gerne hinzugerechnet werden, sind die Westküstler von HEALTH (Photo). Und die halten sich an diesem Abend als Vorband anscheinend ehrfürchtig zurück. Zwar wirbeln sie gewohnt wie entfesselte Derwische durch den künstlichen Nebel, doch das immense Tourpensum der letzten Monate macht sich bemerkbar: Im Ansatz wirken sie tatsächlich erstmals ausgebrannt, worüber jedoch bereits die schlichte Tatsache hinwegtröstet, dass selbst ein ordentliches HEALTH-Konzert an Konnektivität und Energie ein außerordentliches Konzert fast jeder anderen Band überstrahlt.

Nur eben das der Liars nicht. Die geben sich in ihrem alten Wohnzimmer Berlin angriffslustig und messerscharf, stürzen wie eine Welle auf die Brandung bzw. das Publikum, fallen zurück und sind wenig später umso lauter wieder da.

Vor und während der Aufnahmen von Drum’s Not Dead habt ihr in Berlin gelebt. Wie findet ihr, hat sich euer altes Exil seitdem verändert?
JG: Oh, wir haben nicht wirklich viel gesehen, da wir direkt zum Theater gefahren sind. Es gibt immer noch viele Baustellen. Die Rave-Szene ist immer noch größer als irgendwo sonst in Europa, was ich gut finde, schließlich bin ich damit aufgewachsen.
AA: Nichts hat sich verändert – wie wäre es mit dieser Antwort?
AH: Ja, ich glaube das kommt der Wahrheit ziemlich nah.

Ich finde, es ist etwas erwachsener geworden.
AH: Aber das ist wie in New York: Die Leute sagten dir früher: “Ich habe hier schon gelebt, als es noch gefährlich war, als noch keine anderen Weißen hierher zogen.”, und nun sagen wir das gleiche zu den Leuten, die herziehen. In dieser Hinsicht hat sich also nichts verändert, der Wandel selbst bleibt die Konstante.

Ihr habt ein sehr beeindruckendes Video für “Scissor” gemeinsam mit Andy Bruntel gemacht, in welchem Angus in einem Rettungsboot über die See treibt und dann aus dem Nichts von Steinen attackiert. Aus aktuellem Anlass muss ich dabei immer an die protestierende, steinewerfende Jugend in Griechenland und anderswo in Europa denken.
AA: Darüber wissen wir nicht viel und das Video wurde davon auch nicht inspiriert. Aber wir begrüßen jede Art von Agenda, die für die Rechte des Individuums aufbegehrt, und es scheint so, als ob solche Proteste fast jeden Tag stattfinden. Das ist definitiv eine gute Sache, ein guter Protest.

Und wohin führt so ein guter Protest idealerweise eurer Meinung nach?
AA: Zu einem Common Sense des egalitären Rechts des Einzelnen. Das ist ein sehr starker Gedanke. Es gibt schließlich immer eine gewisse Angst vor einer Gruppenmentalität und den Kampf für die Benachteiligten.

Das klingt oberflächlich nach der modernen Tea-Party-Bewegung.
AA: Nun, das sind aber nicht die Außenseiter. Das ist eine völlig verschiedene Form der Politik und des Protests. Die Leute, die dort aufbegehren, besitzen viel mehr Macht und Einfluss als die Leute, von denen ich spreche.

Irgendwelche abschließenden Worte?
JG: Ich mag heißen Tee mehr als kalten.

Was ist eure Lieblingssorte?
JG: Karamel.
AH: Ich trinke keinen Tee, aber wusstest du, dass Historiker mit der historischen Boston Tea Party erklären, warum wir Amerikaner weniger Tee trinken als Menschen in anderen Ländern? Ich selbst trinke allerdings nicht deshalb keinen Tee, weil ich mein amerikanisches Erbe nachklingen höre. Ich mag ihn einfach nicht, und das obwohl ich zur Hälfte chinesisch bin, was das Ganze noch seltsamer macht.
AA: Ich versuche, viel Tee zu trinken. Ich mag Earl Grey, aber auf Tour ist es meistens grüner Tee.
AH: Wenn ich doch eine Sorte wählen müsste, wäre das weißer Tee – wegen meinem chinesischen Erbe natürlich.
AA: Meine Mutter wurde in Sri Lanka geboren, also waren meine Eltern mal dort, um eine Teeplantage zu besichtigen. Es ist interessant darüber nachzudenken, wie Tee die Welt zudem geformt hat, was sie heute ist.
AH: Tee und Kaffee haben Großbritannien geradezu gerettet. Es gab eine Zeit, in der dort nur Ale und Bier getrunken wurden und Wasser nur dafür destilliert wurde. Jeder war also praktisch immer betrunken. Erst als Kaffee und Tee erschwinglich wurden, fingen die Leute dadurch wieder an Wasser zu trinken.

Heute Abend legt Angus Andrew im Londoner Alibi auf, ein dazu passender Mix findet sich bei The Quietus. Ab Donnerstag touren sie dann das Königreich – Tourdaten nach CHRISTOPH PAULS’ Bildern vom Berliner Konzert. Ihr fünftes Album Sisterworld ist ebenso wie die aktuelle Auskopplung Proud Evolution – samt Thom Yorke Remix – bei Mute erschienen. Hiermit sei eine Kaufempfehlung unsererseits ausgesprochen.

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Liars Proud Evolution EP

Liars live:
11.11. Heaven, London
12.11. Concorde 2, Brighton
13.11. Static Gallery, Liverpool
14.11. Leeds University, Leeds

HEALTH : USA Boys (MF/MB/ Remix)

01:53

Heute morgen hat uns das schwedische Adrian Recordings Label einen neuen Remix der Band MF/MB/ zum HEALTH Stück “USA Boys” beschert. Und ehrlich gesagt lässt dieser uns zunächst recht ratlos zurück. Das klingt wie ein Hybrid aus Ed-Banger-Audiolith-Aufdiefresse und – seltsamer Weise aufgrund der an sich famosen Synthesizerspuren des Originals – Kirmestechnoschlager am Eingang zum Gruselkabinett. Und trotzdem können wir uns dem so nicht wirklich entziehen.

Für das Erste beruhigt da nur die Gewissheit, dass die Sache bei MF/MB/s Eigenkreationen und den Remixkünsten von Jesper Aubin klarer aussieht; im positiven Sinne nämlich.


HEALTH : USA Boys (MF/MB/ Remix) [Download]


MF/MB/ : The Big Machine [Download]


MF/MB/ : The Big Machine (Jesper Aubin Remix) [Download]

MF/MB/s Debütalbum Folded ist bei Adrian Recordings erschienen, zudem hat die Band zu beinahe jedem Song ein Video aufgenommen – zu sehen hier. Das HEALTH Remixalbum Disco2 mit zwölf anderen Überarbeitungen ist bei Cityslang erschienen.

Empfehlung : HEALTH x Crystal Castles

20:02

Wären HEALTH ein Fußballspieler, wir würden ihnen wohl eine ordentliche Pferdelunge als höchste Anerkennung bestätigen. So haben wir mittlerweile etwas den Überblick verloren ob der Frage, die wie vielte Europatour sie da heute eigentlich beginnen. Es soll in jedem Fall die letzte sein, bevor sich die vier Sci-Fi-Krawallbrüder wieder mit dem Schreiben eines (dritten) Albums beschäftigen.

Dieses Mal führt sie die Reise in einem großen Sichelbogen von Moskau nach Istanbul. In UK, Dänemark, Frankreich und Beneluxstaaten geben sie dabei die Vorband der Crystal Castles, mit denen sie dem erfolgreichen “Crimewave”-Jointventure recht eng verbunden sind – sofern das kanadische Soziallaustrophobikerduo so etwas wie “enge” Bindungen überhaupt zu lässt.

Alice Glass und Ethan Kath touren dabei auch ohne HEALTH noch etwas weiter und besuchen u.a. erneut Deutschland für vier weitere Termine im November. Dann darf nochmals nachvollzogen werden wie sich dieses Projekt so vortrefflich (und wohl viel zu kurz) zwischen 8-Bit-Kakophonien und dicken Soundwaben, Schreiattacken und Engelsgesängen windet. Sicherlich im bandüblichen, selbstgemachten Blitzlichtgewitter.

HEALTH (solo) live:
06.10. 16 Tons Club, Moskau
13.10. Clwb Ifor Bach, Cardiff
14.10. In the City Festival, Manchester
20.10. Cluny2, Newcastle
25.10. Joiners, Southampton
02.11. Musikcafeen, Aarhus
03.11. Loppen, Kopenhagen
05.11. Salon, Istanbul

Crystal Castles (& HEALTH*) live:
08.10. Mandela Hall, Belfast*
09.10. The Academy, Dublin*
11.10. Wulfrun Hall, Wolverhampton*
15.10. Roundhouse, London*
17.10. Anson Rooms, Bristol*
18.10. O2 Academy, Liverpool*
19.10. O2 ABC, Glasgow*
21.10. Rock City, Nottingham*
22.10. Manchester Academy 2, Manchester*
23.10. Metropolitan University, Leeds*
24.10. University of East Anglia, Norwich*
26.10. Paradiso, Amsterdam*
27.10. Rockhal, Luxembourg*
29.10. Ground Zero Festival @ L’Aeronef, Lille*
30.10. La Cigale, Paris*
31.10. Le Krakatoa, Bordeaux*
02.11. Sala Heineken, Madrid
04.11. Teatro Sa Da Bandeira, Porto
06.11. Kafe Antzokia, Bilbao
07.11. Sala Apolo, Barcelona
09.11. Estragon, Bologna
11.11. 59t:1, München
13.11. Flex Kulturzentrum, Wien
15.11. Lido, Berlin
18.11. Debaser Medis, Stockholm
21.11. John Dee, Sankt Hanshaugen (Norway)
23.11. Uebel & Gefährlich, Hamburg
24.11. Luxor, Köln
10.12. Belle & Sebastian’s “All Tomorrow’s Parties”, Minehead

Melt! Festival 2010

02:26

Wie bereits im Jahr 2009, haben wir euch auch in diesem Jahr wieder mit dem wichtigsten und aktuellsten Infos direkt vom Melt!-Festival versorgt. Auch 2010 versprach das Line Up eine Menge und erfüllte jegliche Erwartungen. Von punkigen Sounds mit Fucked Up oder The Big Pink bis hin zur elektronischen Musik à la Hercules and Love Affair und DJ Shadow war das Wochenende reich an musikalischen Highlights. Eine kleine Rundreise über sämtliche Bühnen des Festivals bietet euch die Galerie zum Melt!.

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Foto: Christoph Paul

Melt! Liveblog: Der Samstag

20:59

Hallo miteinander! Nach 2009 wagen wir auch in diesem Jahr eine eigenes Liveblog für das 13. Melt! Festival - Fotos (Christoph Paul) und erste Impressionen (Thomas Vorreyer) inklusive.

Sonntag, 16:40: Wir neigen uns dem Ende zu, der 2008 erstmals eingeführte Sonntag lädt in seiner dritten Ausgabe zu einem mit lediglich drei statt fünf Bühnen abgespeckten, aber dafür umso dichter besetzten Abschluss des Melt! Festivals. Im Hintergrund zupfen gerade die Kings of Convenience ihre Saiten, die Post War Years, Fucked Up, Crookers, WhoMadeWho, Slagmalsklubben und natürlich Goldfrapp und Festivalheadliner Massive Attack werden folgen.

Nachdem uns gestern zwei Interviews etwas vom bloggen abgehalten haben, hier noch der Rückblick auf den Samstag:

Bei mildem, trockenem Wetter lief der Tag relativ schleppend an und war etwas ärmer an Höhepunkten als der Vortag. Dafür gaben die Friendly Fires, die uns gegenüber ihren 2008er Auftritt im Melt! Regen- und Sturmchaos als schlimmsten überhaupt bezeichnet hatten, eines der mit Abstand besten Konzerte des Wochenendes. Die bandeigene Maschine ist mittlerweile bestens geölt, das Publikum wogte frenetisch durch das Discoset und zum neuen Song “Running Away” flogen zu Laftballons aufgeblasene Kondome über die Köpfe hinweg – Interview folgt. Da hatte die Konkurrenz in Form von Holy Ghost deutlich das Nachsehen. Zwischen den beiden Acts gab es auf der Gemini-Bühne noch Pop mit großer Geste bei Hurts zu hören, die sich erstaunlich gut im noch hellen, spätnachmittäglichen Festivalslot präsentierten.

Zeitgleich ging es auf der Hauptbühne etwas derber zu: Die Blood Red Shoes stürmten und rumpelten schlagkräftig-solide wie immer durch ihr Set und Dendemann demonstrierte den zahlreichen internationalen Gästen, dass sich in Deutschland guter, etwas wagender Hip-Hop und Vokuhilafrise durchaus vertragen. Im Intro Zelt eroberte Darwin Deez derweil die Besucherherzen, bevor im Anschluss The Big Pink tongewaltig die Genrevielfalt des Melt!s unter Beweis stellten. Vielleicht hätte ihr Großspurgitarrensynthierock der Hauptbühne auch besser zu Gesicht gestanden, als der doch etwas dröge Jamie T. Interview folgt.

Dann: Achtung, Tanzattacke! Soulpopper Jamie Lidell, DJ Shadow, Sinden und die neuerdings discolastigen Sterne traten parallel auf. Kein K.O., wohl aber ein deutlicher Punktsieg in dieser Konkurrenz gelang dabei Lidell, der sich allerdings auch eines überdurchschnittlich guten Sounds unter dem Gemini-Bagger erfreuen durfte. Dort traten im Anschluss auch Hercules and Love Affair auf, die sich allerdings mit ihrem neuen, noch unveröffentlichten zweiten Album nach draußen wagten. Das neue Line-Up und der stringent-knackige Chicago-Detroit-Mix, in den sich auch die spährisch abgewandelten “Blind” und “You Belong” fügen mussten, zündete leider, da unverdientermaßen, noch nicht ganz im Rund. Die Menge blieb dennoch und lockerte entsprechende Tanzreserven dann eben bei Chromeo, die ihre Show mit zahlreichen kleinen Audio- (Introchor) und Settingüberraschungen gelungen aufwerten konnten, bevor die DJs A-Trak, Tiga, Carl Craig und allen voran das Trio Moderat (Fotos) die Regie für die Nacht übernahmen.


Chromeo, DJ Shadow, Hercules and Love Affair, Melt! crowd (2), The Big Pink, Jamie T, Friendly Fires (2), Dendemann, Hurts, Blood Red Shoes, Holy Ghost, Jamaica

Samstag, 16:00: Der Melt!-Samstag hat gerade begonnen, doch wir uns u.a. Jamaica, Holy Ghost!, Darwin Deez, Maskinen, Hercules and Love Affair, Chromeo, Tiefschwarz und Hurts zuwenden – und die Friendly Fires und The Big Pink interviewen – hier noch ein abschließender, retrograder Blick auf Freitagnacht. Nach Jónsi zogen uns Sitarklänge zu Yeasayer, wo Chris Keating eine Gesangsdarbietung ablieferte, die mit ihrer Extravaganz und Sexyness gar an Prince und, ja auch, Michael Jackson in ihren Hochzeiten erinnerte. Sowas hatte mensch lange nicht mehr gehört und gesehen und es hätte auch gut auf die ganz große Bühne gepasst, wo The XX die Mammutaufgabe ihre intimen, minimalistischen Songs in den großen Rahmen auf erstaunliche Art und Weise meisterten. Die tragende Rolle übernahm dabei Jamie, der, hinter einem großen, weißen X auf schwarzem Grund über die Szenerie in der laserlichtüberspannten Ferropolis thronend, die Stücke mit seinen Beats nicht nur umstruktierte, sondern auch kraftvoll unterfütterte. Und wer sah, wie Oliver plötzlich ungeahnte Rockbassistenposen einnahm, der_die kann erahnen, in welche (gute) Richtung die Reise der Band bald gehen könnte. Jemand der einen ähnlichen, nämlich elektronischen Schritt bereits gewagt hat, ist Kele Okereke von Bloc Party. Bei seinem anschließenden Soloset überzeugte der muskelbepackte Körper voll, die Musik angesichts einiger Längen nicht ganz. Momente später boten die Foals, trotz eines ausgesprochen engagierten Yannis Philippakis, ein für ihre Verhältnisse eher durchschnittliches Konzert samt pappehaften Schlagzeugsound. Auf ihrer eigenen Tagesbühne boten Modeselektor dann ebenfalls nicht das volle Optimum, beschränkte sich doch die Kooperation mit zahlreichen Gästen, etwa dem Kaiser von Bonaparte, lediglich auf die schnöde Addition der Kräfte, statt der angestrebten Multiplikation selbiger. Einen versöhnlicheren, weil hochgradig energetischen Abschied gab es da schon mit autoKratz im Intro Zelt.

Autokratz (2), Modeselektor, Foals, Kele (2), The XX (2), Yeasayer

Freitag, 23:32: Eine weitere Runde vielfältiger Auftritte liegt hinter uns. Wir haben schelmisch die Jugend in den ersten Reihen von Two Door Cinema Club belächelt, sind zum Strand entschwunden, um zu einem fantastischen Dubstep-Electro-Set von Jamie XX zu tanzen und wurden von Tocotronic wieder an die Hauptbühne geholt. Beinahe ekstasisch gab sich dort Dirk von Lowtzow und beschwor zum Spaß einmal mehr den Widerstand, während Rick Mc Phail den Gitarrengott mimte. Danach ein visuelles Delikatessensandwich: Blaulichtgewitter und Cheesyness bei Delphic, Donnergrollen (und ein genial umstrukturiertes “Crimewave”) bei HEALTH im Intro Zelt und final Jónsi, mit tollem, aber zu leisem Sound und ein Show, die für die große Bühne und das davor befindliche Oval wohl etwas zu komplex-intim war. Es folgen nun u.a.: Yeasayer, Four Tet, The XX, Kele, Foals, autoKratz und Modeselektor ft. Bonaparte.


Jónsi, HEALTH (2), Delphic, Tocotronic (2), Jamie XX, Two Door Cinema Club

Freitag, 20:36: Die Worte kleksen in Schweißtropfen auf die Tastatur – das Melt! hat seinen Schmelzpunkt bereits überschritten. Nach dem Audiolith Pferdemarkt gestern auf dem Gelände und dem Introducing in Berlin (Fotos nachfolgend) lockte der Freitagnachmittag mit u.a. Bonaparte und Midlake auf den beiden Hauptbühnen. Vor der Big Wheel Stage flimmerten der Staub und die Hitze um die Wette, während Oliver Koletzki die Menge verführte. Parallel zu Ja, Panik und Pantha du Prince, wagten sich eben die Shout Out Louds nach draußen. Ihr Rezept gegen die Hitze: Ein merklich unterkühlter Beginn, dafür coverten sie nach “Train in Vain” anno 2007 an gleicher Stelle diesmal kurz “Walking Like an Egyptian”. Nette Idee. Nun stehen Two Door Cinema Club, Jamie XX und Tocotronic in den Startlöchern. Erstes Zwischenfazit: Das Festival hat seine Betriebszeit im Handumdrehen erreicht.

Shout Out Louds, Converse Mainstage

Post War Years und Alexander’s Festival Hall, Introducing (gestern in Berlin)

HEALTH “USA Boys” (Video)

15:42

USA boys and girls: Nach einem kleinen Ausflug mit Eric Wareheim (“We Are Water” Video), übernimmt HEALTHs John Familglietti (“Die Slow” Video) wieder das Ruder. Für die Vorabsingle “USA Boys” ihres zweiten Remixalbums Disco2 (deutsche VÖ: 25. Juni) zitiert der multibegabte Bassist einmal mehr seine Lieblingsthemen: Zerstörung und freie Liebe, diesmal allerdings monogam. Für die Ohren gibt es einen der besten Songs des Jahres zu hören. Fairer Deal.

HEALTH “USA Boys” [Download]

HEALTH live 2010:
02.07. Roskilde Festival, Roskilde
08.07. Les Ardentes, Liège
09.07. Phono Pop Festival, Rüsselsheim
16.-18.07. Melt! Festival, Gräfenhainichen/Berlin
24.07. The Mountain Man Music Festival, Saratoga Springs, NY
08.08. Lollapalooza, Chicago, IL

HEALTH “USA Boys”

15:50

Reizüberflutung a la HEALTH: So haben wir unsere L.A.-Rocker ja noch nie gehört – elektronisch, trance-artig und wenn schon nicht genuin, dann doch beinahe tanzbar. Wir haben hier die neue, überraschende Single “USA Boys” der Band und über deren Instrumental hätte man auch rappen können, stattdessen schwebt Jakes Stimme diesmal fern jeder Aggression irgendwo im Hintergrund entrückt über das Stück. Aufgenommen wurde das Ganze in NIN-Kopf Trent Reznors Homestudio und dann von Alan Moulder (produzierte nicht nur U2’s Pop, sondern auch für Jesus and the Mary Chain, Nine Inch Nails und Smashing Pumpkins) gemixt. Das hat sich gelohnt!

HEALTH “USA Boys” [Download]

“USA Boys” wird offiziell als Teil des zweiten HEALTH-Remixalbums Disco2 am 22. Juni bei Lovepump United in Nordamerika und am 25. Juni (Deutschland) bzw. 6. Juli (UK & Resteuropa) bei City Slang veröffentlicht. Die komplette Tracklist und weitere Downloads findet ihr hier. Letztes Wochenende hatten wir bereits ihr neues, von Eric Wareheim gedrehtes Video für “We Are Water” veröffentlicht und gerade ist die Band auf Europatournee mit u.a. Terminen in London und Berlin – nicht verpassen! Alle Tourdaten haben wir hier zusammengestellt.

HEALTH ‘Disco2′ out in June

17:27

Es war lange Zeit ein offenes Geheimnis, aber heute konnte die geschätzte City Slang Crew endlich offiziell mit Disco2 die Veröffentlichung einer zweiten Auflage aus HEALTHs “Remixdiscoreihe” für diesen Sommer verkünden. Das Album wird natürlich einige, beachtenswerte Remixe von Stücken der bahnbrechenden 2009er LP der Band, Get Color, enthalten und mit den Kanadier Mike “CFCF” Silvers und Travis “Pictureplane” Egedy sind auch gleich zwei Altbekannte von der ersten HEALTH/DISCO LP mit an Bord, zu denen sich einige der momentan vielversprechendsten Musiktalente unserer Welt, darunter u.a. Small Black und Javelin (beide aus Brooklyn-NYC), die fantastisch-düsteren Salem, der britische Nachwuchsfrickler Gold Panda und Tobacco (Tom Fec vom Black Moth Super Rainbow solo).

Außerdem haben sich HEALTH einmal mehr mit den Crystal Castles zusammengetan und nach dem überraschend erfolgreichen CC Crimewave-re-edit geht es nun “Eat Flesh” an den Kragen. Das Sahnehäubchen wird aber wohl der Opener “USA Boys”, zugleich die HEALTH-Single, sein, für die die Band extra mit dem umtriebigen Produzenten Alan Moulder (produzierte nicht nur U2’s Pop, sondern auch für Jesus and the Mary Chain, Nine Inch Nails und Smashing Pumpkins) im Studio war. Nachfolgend findet ihr die komplette Trackliste einschließlich zweier Downloads und alle VÖ-Daten.

HEALTH Disco2 Tracklisting:
1. USA BOYS
2. BEFORE TIGERS (CFCF RMX)
3. IN HEAT (JAVELIN RMX) [download]
4. DIE SLOW (TOBACCO RMX) [download]
5. SEVERIN (SMALL BLACK RMX)
6. BEFORE TIGERS (GOLD PANDA RMX)
7. EAT FLESH (CRYSTAL CASTLES VS. HEALTH 2)
8. IN VIOLET (SALEM RMX)
9. NICE GIRLS (BLONDES RMX)
10. DIE SLOW (PICTUREPLANE RMX)
11. NICE GIRLS (LITTLE LOUD RMX)
12. BEFORE TIGERS (BLINDOLDFREAK RMX)

Das US-amerikanische HEALTH-Stammlabel Lovepump United wird Disco2 am 22. Juni in Nord Amerika veröffentlichen und City Slang dann am 25. Juni in Deutschland bzw. am 6. Juli in Großbritannien und Resteuropa nachziehen.

Erst dieses Wochenende haben HEALTH übrigens ihr neues von Eric Wareheim gedrehtes Video für “We Are Water” veröffentlicht und schon dieses Wochenende startet wiederum ihre neue Europatournee mit u.a. Terminen in London und Berlin – alle Tourdaten haben wir hier zusammengestellt.

HEALTH “We Are Water”

19:34

Für jemanden, der u.a. öffentliche Zungenkussorgien, laserstrahlschießende, beharrte Männerbrüste und facialverformte Plus-Size-Cheerleadermotoradgangs zu seinem visuellen Repertoire zählt, wirkt ein Video mit einer klassischen Splatterverfolgungsjagd beinahe wie die Abkehr zum persönlichen Biedermeier, aber auch nur beinahe. Der US-amerikanische Comedian (eine Hälfte von Tim and Eric) und Regisseur Eric Wareheim hat sich nun nach vielbeachteten, kontroversen Videos für Depeche Mode, Major Lazer und Flying Lotus und erneut mit Effekten von Fatal Farm dem (wohl) besten Song von HEALTHs aktuellem Zweitwerk Get Color, “We Are Water”, angenommen. Zwar verzichtet er hier ganz auf seinen so typischen Humor, aber auch die Verfolgungsjagd zwischen der Lolita und ihrem Schlächter durch nahezu aschehaften Schneefall in einem düsteren Wald weißt eine überraschende Wareheim’sche Wendung auf.

Selbst gedreht hatten HEALTH zuvor das Video zu “Die Slow“, beide Songs kann man auch auf ihrer anstehenden Tour live bestaunen. Und einen gelungenen Azaari & II Remix von “We Are Water” haben wir auch. Wer lieber noch mehr aus der Kategorie Comedians-drehen-Musikvideos sehen möchte, sollte sich jetzt Peter Seranfinowiczs “I Feel Better” Video für Hot Chip anschauen.